Wie sagte einst der unfassbare Helmut Qualtinger? Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität...
Dabei gab es damals höchstens Holzhacker und Raufer, aber keine Hooligans. Nun ist Österreichs Fußball nicht gerade für gewalttätige Fans bekannt. Ich kann mich nur an zwei unangenehme, aber im Grunde harmlose Erlebnisse erinnern. Einmal stritt ein ÖBB-Schaffner mit einem betrunkenen Fan, der sich mit dem immer wiederkehrenden Satz "Ich speib doch keinem Kind ins Gesicht!" rechtfertigte.
Ein anderes Mal war ich mit dem Nachtzug Richtung Hamburg unterwegs, mit dem auch LASK-Fans zu einem UI-Cup-Spiel nach Bremen wollten. Am Morgen war der Zug komplett verwüstet, in den Gängen lag ein beißender Geruch nach Pisse und Kotze. Überall zertretene Bierdosen, Bierteiche. Völlig verwüstet waren die Abteile. Ich weiß noch, wie nachts ein barbäuchiger Mensch in unserem vollbesetzten Abteil erschien, das er offensichtlich mit dem Klo verwechselte, und seinen kleinen Glatzkopf auspackte. Als wir ihn dezent auf die offensichtliche Verwechslung hinwiesen ("Heast, was soll denn das? Reiß di zsamm, reiß o!"), trommelte er sich auf den Bauch, grölte einen Schlachtgesang und verschwand.
Alle anderen Fanbrutalitäten kenne ich nur vom Fernsehen oder aus dem Buch von Bill Budford: "Geil auf Gewalt", worin der zuerst fußballunkundige Autor beschreibt, wie jeder zivilisierte Mensch, auch er selbst, zu einem brutalen, gewaltgeilen Schläger werden kann, der im Zusammenrotten, Prügeln und Vertieren Lebensinhalt sieht. Als Höhepunkt bringt er die Szene, wo ein Hooligan einem gegnerischen Fan einen Augapfel aussaugt (mit dem Mund!), die Nervenstränge durchbeißt und ihm vor die Füße spuckt. Was für ein kurioses, an die Heumarktzeiten eines Schurl Blemenschütz erinnerndes Bild, wo sich das goldene Wienerherz auch in Sätzen wie "Sauf eam 's Aug aus und spuck eam 's ins Gsicht" entäußerte.
Ich habe mich mit Literatur über KZ-Aufseher und Folterknechte beschäftigt und bin der Ansicht, dass in beinah jedem Menschen ein brutales, inhumanes Etwas steckt, das sich ungeniert austobt, sobald die Grenzen der Moral einmal überschritten sind. Aufgabe der Zivilisation (und der Kunst) ist es, den Menschen diese mögliche Vertierung bewusst zu machen, um sie damit zu verhindern. Auch beim Fußball, der wegen Emotion und Masse besonders prädestiniert ist zur Entschrankung. Wie das freilich ohne polizeistaatliche Methoden, ohne Käfige gehen soll, bleibt mir gewaltig rätselhaft. Auch das wird eine Aufgabe der EURO sein. Und nicht die leichteste. (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 8. April 2008)