Gewaltig

26. Mai 2008, 20:56

Wie sagte einst der unfassbare Helmut Qualtinger? Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität...

Dabei gab es damals höchstens Holzhacker und Raufer, aber keine Hooligans. Nun ist Österreichs Fußball nicht gerade für gewalttätige Fans bekannt. Ich kann mich nur an zwei unangenehme, aber im Grunde harmlose Erlebnisse erinnern. Einmal stritt ein ÖBB-Schaffner mit einem betrunkenen Fan, der sich mit dem immer wiederkehrenden Satz "Ich speib doch keinem Kind ins Gesicht!" rechtfertigte.

Ein anderes Mal war ich mit dem Nachtzug Richtung Hamburg unterwegs, mit dem auch LASK-Fans zu einem UI-Cup-Spiel nach Bremen wollten. Am Morgen war der Zug komplett verwüstet, in den Gängen lag ein beißender Geruch nach Pisse und Kotze. Überall zertretene Bierdosen, Bierteiche. Völlig verwüstet waren die Abteile. Ich weiß noch, wie nachts ein barbäuchiger Mensch in unserem vollbesetzten Abteil erschien, das er offensichtlich mit dem Klo verwechselte, und seinen kleinen Glatzkopf auspackte. Als wir ihn dezent auf die offensichtliche Verwechslung hinwiesen ("Heast, was soll denn das? Reiß di zsamm, reiß o!"), trommelte er sich auf den Bauch, grölte einen Schlachtgesang und verschwand.

Alle anderen Fanbrutalitäten kenne ich nur vom Fernsehen oder aus dem Buch von Bill Budford: "Geil auf Gewalt", worin der zuerst fußballunkundige Autor beschreibt, wie jeder zivilisierte Mensch, auch er selbst, zu einem brutalen, gewaltgeilen Schläger werden kann, der im Zusammenrotten, Prügeln und Vertieren Lebensinhalt sieht. Als Höhepunkt bringt er die Szene, wo ein Hooligan einem gegnerischen Fan einen Augapfel aussaugt (mit dem Mund!), die Nervenstränge durchbeißt und ihm vor die Füße spuckt. Was für ein kurioses, an die Heumarktzeiten eines Schurl Blemenschütz erinnerndes Bild, wo sich das goldene Wienerherz auch in Sätzen wie "Sauf eam 's Aug aus und spuck eam 's ins Gsicht" entäußerte.

Ich habe mich mit Literatur über KZ-Aufseher und Folterknechte beschäftigt und bin der Ansicht, dass in beinah jedem Menschen ein brutales, inhumanes Etwas steckt, das sich ungeniert austobt, sobald die Grenzen der Moral einmal überschritten sind. Aufgabe der Zivilisation (und der Kunst) ist es, den Menschen diese mögliche Vertierung bewusst zu machen, um sie damit zu verhindern. Auch beim Fußball, der wegen Emotion und Masse besonders prädestiniert ist zur Entschrankung. Wie das freilich ohne polizeistaatliche Methoden, ohne Käfige gehen soll, bleibt mir gewaltig rätselhaft. Auch das wird eine Aufgabe der EURO sein. Und nicht die leichteste. (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 8. April 2008)

  • Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Sommermärchen [12]

    Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen...

  • Es wird Zeit [3]

    Es wird nun wirklich Zeit, dass sich die EURO aus ihrer Höhle traut und sich den Menschen zeigt

  • Bitte Zahlen! [13]

    Ich sage ja nicht, dass ich ruhig schlafe. Im Gegenteil mitten in der Nacht...

  • Das Blau Algeriens [2]

    Algier, Karwoche, frühsommerliche Temperaturen. Gelb blühende Mimosen, wilde Orchideen, ein strahlend blauer Himmel und...

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  • Fußball, Porno, Pyramiden [70]

    Manchmal denke ich, dass Fußball eine Art Ersatzbefriedigung ist, die vor allem junge Menschen...

  • Matchbox [18]

    Ein Afrikaner hat unlängst gemeint, dass ihm das Leben in Mitteleuropa wie zwischen zwei elektrischen Drähten vorkommt - wehe...

  • Bärlauchparty [28]

    Ich kann mich noch gut an die Enttäuschung meiner Frau erinnern, als sie erstmals einen Vanillerostbraten serviert bekam...

  • Zum Niederknien [12]

    Es begann mit einem geschwollenen Knie. Als gelernter Hypochonder bin ich gleich zur Not­fall­medizin, Wartezeit drei Stunden...

  • Wuzl und Wuzlerin [23]

    Meine Tante Karin trinkt nicht nur, sie ist auch Kettenraucherin. Früher hat sie Rothändle...

  • Fremdschämen [30]

    Tiere haben sich im Laufe der Evolution enorm entwickelt. Fledermäuse...

  • Hurenwurst [36]

    Einmal habe ich einem fremden Autofahrer beim Radwechsel geholfen. Zum Dank...

  • Oba Córdoba Oba [43]

    In meiner Erinnerung war jener 21. Juni 1978, an dem es zur Transsubstantiation...

  • Der Stimmenimitator [23]

    Zumindest in Filmen werden ausdauernd Leichen und Bewusstlose im Kofferraum eines Autos transportiert. Ich erinnere nur...

  • Torstangenbewässerer [70]

    In Österreich etwa hat in den letzten 20 Jahren eine beispiellose Verdeutschung...

  • Pflanzerei [1]

    Warum weinen Menschen? Woher kommt die vermehrte Augenflüssigkeit bei Traurigkeit? Weil...

  • Über die Ungerechtigkeit [1]

    Im Zentrum von Buenos Aires gibt es ein unscheinbares Parkstück...

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20 Postings
That's thirty minutes away. I'll be there in ten.
00
10.4.2008, 11:33


...diesmal ist franzobels text nicht ganz so hochartifiziell und aufgeblasen superintellektuell ausgefallen, sonder es ist ein sanfter und vernünftiger text geworden der auch lesbar ist.

...und er hat selbstverständlich recht, wenn er sagt, dass in jedem menschen ein brutales, inhumanes "etwas" steckt, dass von zeit zu zeit herauskommen möchte, in totalitären und absolutistischen folter-systemen kommt dieses "etwas" dann regelmäßig zum vorschein und kann sich ganz ungeniert und offen in der gesellschaft zeigen, die jahre 38-45 berichten davon.

...ich wünsche mir einen weiteren text dieser art, oder einen handke text, der ja bekannter maßen auch ein fußball verständiger ist, zumindest kenne ich ihn so.

jeff5
11
gähn

Cauby Peixoto
 
10
Woher kommt das Böse?

Bei der Recherche über die Entstehung des Bösen scheint der Autor http://tinyurl.com/3hc9ym
ausgelassen zu haben.

DPfand
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Kunstgewerblerischer

Gurkensalat mit ein bisserl Antifa-Soßl drüber...

Und derweil (am vergangenen WE, 05.04.) sollen 50 Rapid-Hools in Nürnberger Geleitschaft in der Commerzbankarena zu Frankfurt gewesen sein...

thomas P
 
12
die aufgabe der kunst .....

jaja ...wen ein gröhlender fan nichtmal beim anblick eines polizei sonderkommandos davon abgeht seinem gegenüber auf den kopf oder sonstwohin zu tretten ....dann wird ihn sicherlich die erleuchtung bei betrachten/erfahren einer wieauchimmer gearteten "künstlerischen" darstellung kommen.....

der umkehrschluss aus der "verantwortlichkeit" der kunst gegenüber der gesellschaft muss wohl kauten das die kunst versagt hat oder nie die "aufgabe" hatte....

SagServus
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Kann mal wer kurz erläutern was sich damals so zwischen den zwei Mannschaften zugetragen hat?

ibindes arbeitet
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nichts, mal ein faul da, ein faul dort aber
die grenzen kannte damals jeder,
im gegensatz zu heute

Gerhard Müller
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Nichts hat sich zugetragen, in Wirklichkeit

denn diese Leute damals hatten noch Ehre im Leib.

Nichts im Vergleich zu heute, wo das Foul Stilmittel des Fußballspiels geworden ist und nicht ein individueller Ausrutscher eines Spielers, je nach Temperament und Stimmungslage.

Kein Vergleich, aber ungleich amüsanter und städteverbindender.

Das höchste der Gefühle wäre so ein Kopfstoß wie von Zinedine gewesen, nur damals waren die Kontrahenten nicht so deppert und sind beim ersten Händewedeln des Kontrahenten umgefallen. Und wenn einer gefoult wurde und sich dann erlaubt hätte, endlos und völlig unmotiviert Butterwalgen zu spielen, der hätte sofort Platzverweis bekommen. Trainingssperre wegen Verunglimpfung des eigenen Vereins.

So war das. Aber heute? Lauter unanständige Leut!

exc
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10.4.2008, 16:59

ja ja damals war alles besser
ich kann mich noch gut an holzhackerpartien in den frühen 70ern erinnern

lucarelli99
13
BUDFORD?

naja, eher bemüht das texterl. und der autor des in der tat sehr empfehlenswerten buches heißt BUFORD ohne "d".

Ahnungs Loser
02
und

wie jeder andere gute klugscheißer auch, wissen sie bestimmt, dass die "D"-Taste direkt neben der "F"-Taste liegt - ein Tippfehler ist da doch unmöglich!!

Easy Rawlins
03
Der gute alte Heumarkt

Auch unvergessen: "Reiss eam de Brust auf und sch*ss eam auf's Heaz."

Der Große von Gegenüber
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Reiss eam des Beuschl ausse ...

Austro-Spanier
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Erinnerst dich an den Weltmeister Schurl Blemenschütz und an die ältere Frau mit dem Regenschirm in der ersten Reihe, die unaufhörlich "Ohrenreiberl und Knackwatschen" brüllte?

Æthelstæne 1
 
00


"Schurli, Schurli, reib eam an de Uhrli!"

So hat´s mir ein Freund meiner Eltern erzählt...

untitled
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schade, dass ich das nie erleben durfte..
mein vater hat mir davon erzählt, war sicher ne recht groteske veranstaltung ;)

Hübner
 
02

Ja, und nachher werden wir uns wieder wundern, daß "... so etwas nicht viel öfter geschieht: warum werden nicht ständig Radrennfahrer vom Velo gerissen, Langläufer an Bäume gebunden, Tennisspieler mit Spiegeln, Fußballer mit Pfiffen irritiert..."
Komisch.
Nicht?

Araschmarrn
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Pruuust... danke für dieses Posting! Ich sehe vor meinem geistigen Auge den Langlaufweltcup und alle 20 m einen an einen Baum gebundenen Langläufer. Man kann sich auch lebhaft den durchschnittlichen Verlauf eines Biathlon ausmalen, mit ein paar Extrakugeln im Sackerl...

Hübner
 
00

Des is ja des:
Feizig sei is so a Gaudi!

11-Freunde
20
chappeau

oida, schlicht aum punkt brocht.

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