Rapid und die Flucht in die Floskeln

11. April 2008, 14:28
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Der 32. Meistertitel klopft in Hütteldorf quasi an. Ob er reingelassen wird, ist noch fraglich. Peter Pacult sagt: "Ge­wonnen ist gar nichts."

Wien/Linz - Läuft einem ein x-beliebiger Rapid-Spieler, zum Beispiel am 6. April 2008 nach einem 2:1 im Linzer Stadion gegen den LASK, über den Weg, dann ist der verschwitzt, erregt, fast zuvorkommend, jedenfalls gut gelaunt. Er bleibt artig stehen, riskiert widerstandslos eine Verkühlung, zwickt sich die Minuten von seiner Karriere locker ab. Er spricht viel, sagt aber doch recht wenig. Und das hat überhaupt nichts mit dem zu vernachlässigenden, weil dummen Vorurteil zu tun, dass Fußballer eben Fußballer sind.

Es ist kaum zu verheimlichen, dass Rapid drei Runden vor Schluss einen Zähler mehr als Titelverteidiger Red Bull Salzburg aufweist. Die Auslosung schaut auch nicht wirklich übel aus, zwei Heimspiele sind einwandfrei erstrebenswerter als zwei Auswärtspartien. Sofern man sie gewinnt. Die "Mission 32" läuft und läuft und läuft, wobei es natürlich nicht gänzlich auszuschließen ist, dass sie Rapid im letzten Moment noch davonrennt und davonrennt und davonrennt. Wie sagte doch Karl Daxbacher, der Trainer des LASK: "Rapid wird von einer Welle der Euphorie getragen. Es war gewiss ein Riesenschritt. Aber durch sind sie noch lange nicht." Peter Pacult, der in einer Abstellkammer, die im Linzer Stadion "Interviewraum" genannt wird, neben seinem Kollegen in einem abgewetzten Fauteuil lungerte, nickte zustimmend.

Herr Daxbacher verdiente insofern Respekt, als er über den doppelt fragwürdigen Elfer (eventuell abseits von Erwin Hoffer, eventuell kein Foul an Erwin Hoffer), der das Match zuungunsten des LASK kippen ließ, nicht großartig diskutierte. "Gepfiffen ist eben gepfiffen, warum sollte ich mich aufregen. Für uns wackelt ein Europacupplatz gehörig. Es wird schwierig, die Austria wieder von Rang drei zu verdrängen."

Rapid steckt derweil mitten im Verdrängungsprozess. Die Einsamkeit, die freilich sehr öffentlich ist (7000 Fans waren nach Linz gereist), wird gesucht. Und bisher wurde sie auch gefunden, von den vergangenen elf Spielen konnten neun gewonnen werden. Tormann Helge Payer bat um die Erlaubnis, folgendes zum 25. Mal sagen zu dürfen. "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben."

Kapitän Steffen Hofmann gestattete, alle verfügbaren Floskeln, die den Zustand auch nur am Rande beschreiben, ihm in den Mund zu legen. "Weil Floskeln stimmen. Man muss die Situation auf das Einfache reduzieren. Das ist kompliziert genug." Eine kleine, unvollständige Auswahl: Fokussiert bleiben. Man hat es selbst in der Hand. Euphorie mitnehmen. Druck ignorieren. Normal trainieren und arbeiten.

Das Ritual

Trainer Pacult pflegt nach jedem Spiel schleunigst in die Kabine zu verschwinden. Um ein paar Gedanken später wieder zu erscheinen. Das ist sein Ritual. In Linz hatte er es besonders eilig. "Wenn sogar die Haare in deinen Ohren gefilmt werden, will man nur weg." Er sagte, dass am Freitag gegen Austria Kärnten "alles wieder bei null beginnt. Gewonnen ist nichts." Über Stefan Maierhofer war Pacult verärgert, der hatte den Ball weggedroschen und die fünfte gelbe Karte kassiert. "Es ist nicht alles Licht." Finster ist beispielsweise, dass Hannes Eder einen Seitenband-riss erlitten und Rapid nur einen gesunden Innenverteidiger hat, Herrn Jürgen Patocka. Aber der Ball ist rund, und Ümit Korkmaz, der gegen den LASK mit seinem schwächeren linken Fuß aus 25 Metern getroffen hat, sagte: "Glück gehört dazu." (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 8. April 2008)

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