Dirigentin Susanna Mälkki: Ein polyphoner Kopf

16. April 2008, 11:04
posten

Die Leiterin des Ensemble Inter­contemporain, debütiert am Pult der Symphoniker: Über ihre Vergangenheit als Orchestermusikerin

Wien – "Leute zusammen spielen zu lassen, war nie ein Problem." Sie habe zwar früh gewusst, dass sie Dirigentin werden wollte, bekennt Susanna Mälkki, sich das aber nicht gleich eingestanden. Trotz der deutlich verspürten Selbstverständlichkeit, als sie zum ersten Mal vor einem Orchester stand, kam dieser Schritt relativ spät. Erst mit 25 Jahren studierte sie Dirigieren, verfolgte zuerst eine Karriere als Instrumentalistin und schließlich Solocellistin bei den Göteborger Symphonikern.

Heute ist die 1969 in Helsinki geborene Musikerin an der Spitze angelangt: Heuer debütiert sie bei den Berliner Philharmonikern, beim Concertgebouw Amsterdam und dirigiert unter anderem das Cincinnati Symphony. Und seit zwei Jahren leitet sie das renommierte Ensemble Intercontemporain. Ihre Rolle als "directrice musicale" sei aufwändiger als die eines Chefdirigates anderswo:

"Es bedeutet einen großen Zeitaufwand, weil wir sehr viel Repertoire durcharbeiten. Es war die Idee von Gründer Pierre Boulez, diesen Prozess demokratischer zu machen, und ich habe auch die Musiker ermutigt, mir zu sagen, wenn sie interessante Komponisten entdecken." Stilistisch steht Mälkki für eine Öffnung, ohne deshalb strenge Kriterien aufzugeben: "Ich bin mit allen Arten von Musik aufgewachsen, ganz ohne Purismus. Generell ist es mir wichtig, dass die Stücke gut geschrieben sind, also das haben, was die Franzosen Metier nennen. Mir ist es aber lieber, jemand hat gute Ideen, als er schreibt langweilige Musik. Ich will etwas hören, was ich noch nie gehört habe." Was Mälkki weniger fasziniert, drückt sie ebenfalls deutlich aus: "Es gibt auch in der Neuen Musik Formen des Populismus. Viele wagen nicht mehr zu experimentieren. Ich weiß, dass Komponisten mit dem Publikum kommunizieren möchten, aber es ist wichtig, es auch zu fordern."

Da liegt die Frage nahe, wie sie Jean Sibelius sieht, der lange als Antipode der Moderne galt und dessen 3. Symphonie sich im Programm ihres Wiener Debüts als Dirigentin der Symphoniker findet: "Da bin ich als Finnin vielleicht ein bisschen parteiisch, aber ich fühle schon eine gewisse Affinität. Die 1. und 2. Symphonie sind noch sehr traditionell, aber ab der 3. wird er interessant. Es gibt – trotz der Folklore – originelle Lösungen, moderne, überraschende und dunkle Momente. Auch wenn das klischeehaft klingt, hat er für mich eine Art erdgebundener Energie."

Ausführlich kann Mälkki davon erzählen, wie spannend die Motive bei Sibelius ineinander greifen. Das Ganze der Werke hatte sie schon immer im Blick: "Ich spürte stets ein Bedürfnis nach Musiklogik, habe schon immer polyphon gedacht. Vielleicht bekommt man eine Vorstellung der Struktur und Architektur von Musikstücken, wenn man meistens die Basslinie spielt."

Auch sonst hätten ihr ihre Erfahrungen als Cellistin sehr geholfen: "Vor allem konnte ich die Arbeit von Dirigenten aus praktischer Sicht verfolgen. Dabei habe ich viel gelernt, etwa, wie unterschiedlich Musiker auf verschiedene Dirigenten reagieren." Und auch die Kenntnis der komplexen Prozesse innerhalb von Orchestern sei vorteilhaft: "Die Grade an Energie, Motivation und auch künstlerischer Reife können verschieden sein, aber letztlich müssen alle gemeinsam atmen." Dabei grenzt sie sich doch deutlich von der Tradition der "Pulttyrannen" ab: "Es gibt Hierarchie, es braucht eine Vision und jemanden, der letztlich die Verantwortung übernimmt. Aber ein Orchester ist keine Armee!" (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 08.04.2008)

Konzerthaus, 8., 9.4., 19.30
  • Susanna Mällki hält nichts von Pultdiktatur: "Ein Orchester ist keine Armee!"
    foto: aymeric warmé-janville

    Susanna Mällki hält nichts von Pultdiktatur: "Ein Orchester ist keine Armee!"

Share if you care.