Nachlese: "Produkte der Indoktrinierung"

7. April 2008, 16:34
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Das Nationalbewusstsein des jungen Adriastaates könnte durch die Wahl entscheidend gestärkt worden sein - Historiker Alojz Ivanisevic erklärt im derStandard.at-Interview, warum

Nach der Präsidentenwahl bleibt alles anders in Montenegro. Der Sieg des amtierenden Staatsoberhaupts Filip Vujanovic von der regierenden Demokratischen Partei der Sozialisten (DPS) dürfte zur Stabilisierung des seit 2006 unabhängigen Adriastaates beitragen, erklärt der Wiener Historiker und Südosteuropa-Experte Alojz Ivanisevic im Gespräch mit derStandard.at. Die Nationalitätenfrage scheint in der Wahlkabine hingegen keine allzu große Rolle gespielt zu haben. Die Fragen stellte Florian Niederndorfer.

derStandard.at: Ein Drittel der Bewohner Montenegros gelten als Serben. Was sind die Unterschiede zwischen "Serben" und "Montenegrinern"?

Ivanisevic: Es gilt das Bekenntnisprinzip. Wer sich zu einer eigenen montenegrinischen Nation, mit eigener Geschichte, eigener Staatstradition, eigener, autokephaler orthodoxer Kirche und nicht zuletzt einer eigenen "montenegrinischen" Sprache bekennt, ist ein Montenegriner. Wer dagegen die montengrinische Geschichte und Kulturtradition als ein Teil der serbischen Geschichte und der serbischen Kultur sieht, ist ein Serbe. Die Serben und Montenegriner sind also, wie übrigens alle anderen Nationen auch, im Wesentlichen Produkte der Indoktrinierung.

derStandard.at: Warum gab es im Vergleich zur Kosovo-Frage kaum Debatten über die Unabhängigkeit von Montenegro?

Ivanisevic: Weil das offizielle Serbien Montengro im Grunde genommen - wie in der Vergangenheit, zwischen 1878 und 1918 - als einen zweiten serbischen Staat betrachtet und sich Hoffnungen macht, dass "die serbische Option" in Montenegro in absehbarer Zeit die Oberhand gewinnen und - im günstigsten Fall - eine Wiedervereingung mit Serbien herbei führen wird. Kosovo dagegen ist - als zweiter albanischer Staat - für Serbien endgültig verloren.

derStandard.at: Die Präsidentenwahl galt auch als Richtungsentscheidung für den Kurs Montenegros gegenüber Serbien. Bedeutet der Sieg von Filip Vujanovic also die Prolongierung montenegrinischer Souveränität?

Ivanisevic: Der Sieg Vujanovic' bedeutet auf jeden Fall eine Festigung montenegrinischer Staatlichkeit und des montenegrinischen Nationalbewusstseins. Durch die Präsenz Montenegros auf der internationalen Bühne - politisch, und nicht zu unterschätzen, sportlich - wird das montenegrinische Nationalbewußtsein immer stärker werden und damit automatisch die serbische Option in den Hintergrund drängen.

derStandard.at: Gibt es eigentlich ernsthafte Bestrebungen, die Unabhängigkeit wieder rückgängig zu machen?

Ivanisevic: Diese Bestrebungen gibt es durchaus, aber wohl keine Chance zur Verwirklichung.

derStandard.at: Nicht alle montenegrinischen Serben scheinen sich für Andrija Mandic entschieden zu haben, der für die serbische Volksgruppe ins Rennen gegangen ist. Ist die nationale Frage also doch nicht so wichtig?

Ivanisevic: Das nationale Bekenntnis ist schon wichtig, aber ein Teil der (bekennenden) Serben hat die montenegrinische Staatlichkeit längst als Realität akzeptiert; Stichwort Montenegro als "zweiter serbischer Staat". Sie stellen eine Masse dar, aus der sich - durch entsprechende Indoktrinierung - immer mehr "neue Montenegriner" rekrutieren werden. Die Nationalitätenstatistik Montenegros wird in zehn Jahren ganz anders aussehen als die heutige.(Florian Niederndorfer/ derStandard.at, 7.4.2008)

  • Zur Person: Alojz Ivanisevic wurde 1955 in Nova Gradiška (Kroatien) geboren und studierte Geschichte, Völkerkunde und katholische Theologie in Wien. Seit 1999 ist Ivanisevic Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem im Bereich von Nation, Religion und Konfession in Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert
    foto: universität wien/iog

    Zur Person: Alojz Ivanisevic wurde 1955 in Nova Gradiška (Kroatien) geboren und studierte Geschichte, Völkerkunde und katholische Theologie in Wien. Seit 1999 ist Ivanisevic Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem im Bereich von Nation, Religion und Konfession in Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert

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    Rote Fahnen allerorten: Montenegro ist seit Sommer 2006 unabhängig

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