Wenn tödliche Krankheiten chronisch werden

7. April 2008, 12:42
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Die Kosten für Gesundheit steigen kontinuierlich. Welchen Anteil dürfen Medikamente haben? Eine STANDARD-Diskussion

Auf der Suche nach Sparpotenzialen für die angeschlagenen Krankenkassen nimmt die Politik Arzneimittel ins Visier. Nach Schätzungen sind die Ausgaben für Medikamente im Vorjahr um 8,2 Prozent gestiegen. Martin Rümmele bat Pharmig-Generalsekretär Jan Oliver Huber, den Großhändler Andreas Windischbauer und die Ökonomin Maria Hofmarcher zum Gespräch.

STANDARD: Arzneimittel seien zu teuer, hieß es in den letzten Wochen sehr häufig. Wie sehen Sie das?

Huber: Das ist nicht richtig. Es wird hier manipuliert. Selbst die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse kritisiert, dass der Hauptverband mit aggregierten Zahlen agiert. Fakt ist, dass der Medikamentenanstieg im Vorjahr bei 6,8 Prozent lag.

Windischbauer: Die 8,2 Prozent sind eine Hochrechnung des Hauptverbandes, die auf Zahlen aus dem September beruht. Wir als Großhandel haben Zahlen, die nicht über sieben Prozent gehen.

Hofmarcher: Mir wurden Zahlen zwischen 7,5 und 7,7 Prozent zugetragen.

STANDARD: Offenbar sind sich die Experten nicht einig. Sind Arzneimittelausgaben nicht grundsätzlich zu hoch?

Hofmarcher: Das Wachstum überschreitet jedenfalls die Bandbreite von drei bis vier Prozent, die in den vergangenen Jahren gewünscht war.

Huber: Diese Regelung, die unserer Meinung nach verfassungswidrig ist, ist im Vorjahr ausgelaufen. Es gab also keine Beschränkung mehr.

STANDARD: Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?

Hofmarcher: Wir wissen dass Österreich seit geraumer Zeit in einem ordentlichen Mittelfeld liegt. Auch die Quote der Arzneimittelausgaben in Prozent der Gesundheitsausgaben ist in Europa nicht die höchste. Die bestehenden Regulierungssysteme waren bisher durchaus effektiv und die Dynamik ist nicht galoppierend. Immer unter der Voraussetzung, dass die Menschen mit innovativen Medikamenten versorgt werden. Was mir aber wichtig erscheint, ist, dass dieser Bereich auf jeden Fall von der Regulierungsseite her laufend angepasst werden muss. Durch die medizinische Entwicklung und den steigenden Bedarf durch den Anstieg chronisch kranker und alter Menschen braucht es einfach Strukturen, die es ermöglichen, Menschen diese Medikamente zur Verfügung zu stellen, ohne dass es zu einer Explosion der Kosten kommt.

Huber: Das findet ja statt. Wir liegen mit den Arzneimittelausgaben deutlich unter den anderen Ländern. Die gesamte Quote an den Gesundheitsausgaben - also Spitäler und niedergelassener Bereich - liegt bei 12,6 Prozent.

STANDARD: Der Rechnungshof kritisiert, dass Spitäler Medikamente kostengünstig bekommen, damit sie großflächig verteilt werden. Verfälscht es nicht die Zahlen, wenn Sie die Ausgaben von Spitälern und Krankenkassen zusammenrechnen?

Windischbauer: Es gibt sicher einen Unterschied, weil der Spitalsbereich im Vergleich zum niedergelassenen Bereich überdimensional groß ist. Im Spitalsbereich liegen wir bei Medikamentenverabreichungen in Europa auf dem 5. Platz, im Apothekenbereich auf dem 12. Platz. Und deshalb gibt es nicht unerhebliche Verschiebungen aus den Spitälern zu den niedergelassenen Apotheken.

Huber: Früher sind Patienten aus dem Spital mit einer Monatspackung entlassen worden. Heute bekommen sie eine Ration für einen Tag und müssen dann sofort zu ihrem niedergelassenen Arzt, um ein Rezept zu bekommen. Das bedeutet aber auch, dass im letzten Jahr, vor allem in Wien und Tirol, die Medikamentenausgaben in den Spitälern nicht gestiegen sind und dafür Ausgaben systematisch in den niedergelassenen Bereich gedrängt wurden, wo sie die Krankenkassen bezahlen.

Hofmarcher: Ich bin der Auffassung, dass die Verschreibmultiplikatoren, die sich hier ergeben, besser koordiniert werden müssen. Konkret sollten auf Krankenhaus-Ebene nur die Wirkstoffe verordnet werden.

STANDARD: Heißt das, schuld ist nicht die Industrie, sondern die duale Finanzierung - Länder zahlen die Spitalskosten, die Krankenkassen den niedergelassenen Bereich - Kosten werden hin- und hergeschoben?

Huber: Das ist zu einfach. Wir müssen auch fragen, woher der Kostenanstieg kommt. Und da kommt der Großteil aus Mengensteigerungen.

Windischbauer: 2006 auf 2007 war hier gewaltig. Wir reden von vier bis fünf Millionen Verordnungen mehr. Grund ist auch die Überalterung. Zwei Drittel aller Verschreibungen kommen Menschen zugute, die älter sind als 60 Jahre.

Huber: Diesen Mehrbedarf muss man einfach akzeptieren, außer wir wollen eine Rationierung.

STANDARD: Verschreiben Ärzte zu viel oder zu schnell Medikamente?

Hofmarcher: Es gibt sicher eine Tendenz. Aber Patienten erwarten das auch und deshalb gibt es auf beiden Seiten so etwas wie ein Verhaltensversagen, weil auch bei den Ärzten oft aufgrund von Überlastung schnell ein Medikament gegeben wird. Das ist aber in jedem System so. Hier fehlt gerade in Österreich eine Unterstützung. Ärzte sollten sich hier mit Kollegen vergleichen können. Hausärzte verschreiben zum Beispiel deutlich mehr Psychopharmaka als Fachärzte. Das zeigt eine Unsicherheit.

Huber: Es gibt ja so ein Monitoring bei den Kassenärzten. Da ist sicher eine Chance, falsche Verschreibungsweisen zu entdecken. Wir als Industrie sind daran interessiert, dass nur das verschrieben wird, was medizinisch notwendig ist. Bei der Kritik, die hier an teuren Medikamenten kommt, muss ich aber darauf hinweisen, was diese Medikamente auch leisten. Denken sie an Krebs vor 20 Jahren und das, was heute möglich ist. Da hat die Industrie viel geleistet, und es ist fair, einen Preis dafür zu verlangen. Pharmaunternehmen sind Wirtschaftsunternehmen.

STANDARD: Die Pharma-Industrie macht Milliardengewinne. Sind die Produkte zu teuer?

Hofmarcher: Von der Industrieseite her, also den Fabrikabgabepreisen ist Österreich recht moderat. Das hat viel damit zu tun, dass es effektive Verfahren gibt, über Verhandlungen diese günstige Position beizubehalten.

Huber: Wir hätten schon gerne höhere Preise.

Hofmarcher: Dass die Preise hier so sind, hängt auch damit zusammen, dass die Potenz der forschenden Pharmaindustrie in Österreich geringer ist. Man muss weniger Industrieförderung machen als in anderen Ländern, wo die großen Konzerne sitzen. Es gibt aber auf den Weg zwischen Hersteller und Patient noch Verbesserungspotenzial.

Windischbauer: Die Spannen für Großhandel und Apotheken sind ebenfalls sehr unterdurchschnittlich. Wenn man auf niedrige Preise niedrige Spannen aufschlägt, ist das unattraktiv.

STANDARD: Können Sie die Preise genau aufschlüsseln?

Windischbauer: Die Mehrwertsteuer ist bei 20 Prozent. Lässt man die weg, dann liegt die Handelsspanne bei einer durchschnittlichen Packung bei etwa 28 Prozent und der Fabriksabgabepreis bei 72 Prozent. Das ändert aber nichts am Trend. Es bekommen mehr Leute Medikamente, die Industrie bringt innovativere Produkte.

Huber: Die starke, gesetzlich verordnete Förderung von Generika hat einen massiven Preisrückgang bewirkt. Es ist in Ordnung, dass nach Ablauf der Patente für ein Medikament günstigere Nachahmer auf den Markt kommen, aber es hat eben einen starken Preisrückgang über alle Produkte gegeben. In Österreich gibt es eine in Europa einzigartige Regel, dass nämlich das Originalprodukt bei der Zulassung des dritten Generikums auch nur noch so viel wie dieses kosten darf.

STANDARD: Die Regierung plant, die Ausgabensteigerungen bei Medikamenten auf vier Prozent einzufrieren. Macht das Sinn?

Hofmarcher: Die Festlegung auf vier Prozent ist natürlich willkürlich. Als Zielorientierung macht eine Bandbreite aber Sinn. Es ist ein guter Haltegriff für alle Beteiligten. Wenn wir dann doppelt so hohe Raten erzielen, kann man das als Hinweis auf eine Anpassung deuten.

Windischbauer: Was fehlt, sind die Ziele für das Gesundheitswesen. Wir reden immer nur über Zahlen. Wir haben Krankheitsbilder, die wir heilen können, wir können mit Medikamenten den Alltag von Betroffenen verbessern. Das sind Werte. Wir führen aber keine Werte-Diskussion.

Huber: Ich bin generell gegen Vorschreibungen von Mengen, Preisen und Rabatten. Das ist Planwirtschaft.

STANDARD: Müssen wir die hohen Arzneimittelausgaben hinnehmen?

Huber: Wir haben die demografische Entwicklung und den medizinischen Fortschritt. Dennoch liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich unter dem EU-Durchschnitt. Ich sehe hier wenig Luft für Einsparungen.

Hofmarcher: Ich denke, dass wir die hohen Kosten wohl hinnehmen müssen, wenn wir aus bisher tödlichen Krankheiten chronische machen. Dennoch gibt es Möglichkeiten. Die Preise und Erstattungsmechanismen müssen laufend angepasst werden. Die Kassen müssen noch rigoroser Technologiebewertungen durchführen. Wir müssen beim Verschreibverhalten und den Konsumgewohnheiten genauer hinschauen. Und: Packungsgrößen sollten bei chronisch Kranken größer sein.

Huber: Das wollen die Kassen nicht.

Hofmarcher: Außerdem wünsche ich mir eine Wirkstoffverschreibung, der Apotheker sucht das günstigste Produkt.

Huber: Weil die Preise der Orginalprodukte mit Generika so gedrückt werden, brauchen wir das gar nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2008)

  • Maria Hofmarcher-Holzhacker ist Ökonomin und Gesundheitsexpertin am Institut für Höhere Studien in Wien. Zuletzt arbeitete sie  mehrere Jahre im Gesundheitsbereich der OECD in Paris. Sie berät unter anderem auch Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky.
    foto: standard/matthias cremer

    Maria Hofmarcher-Holzhacker ist Ökonomin und Gesundheitsexpertin am Institut für Höhere Studien in Wien. Zuletzt arbeitete sie mehrere Jahre im Gesundheitsbereich der OECD in Paris. Sie berät unter anderem auch Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky.

  • Andreas Windischbauer ist Vorstand des Großhandelsunternehmens Herba Chemosan AG. Er ist Apotheker und Vorsitzender des Handelsverbandes Arge Pharmazeutika. Die Herba Chemosan ist Marktführer im österreichischen Arzneimittelgroßhandel.
    foto: standard/matthias cremer

    Andreas Windischbauer ist Vorstand des Großhandelsunternehmens Herba Chemosan AG. Er ist Apotheker und Vorsitzender des Handelsverbandes Arge Pharmazeutika. Die Herba Chemosan ist Marktführer im österreichischen Arzneimittelgroßhandel.

  • Jan Oliver Huber ist Generalsekretär des pharmazeutischen Branchenverbandes Pharmig, der Interessenvertretung der österreichischen Pharma-Industrie. Der Verband  hat rund 120 Mitglieder, die den Medikamenten-Markt zu fast 100 Prozent abdeckt.
    foto: standard/matthias cremer

    Jan Oliver Huber ist Generalsekretär des pharmazeutischen Branchenverbandes Pharmig, der Interessenvertretung der österreichischen Pharma-Industrie. Der Verband hat rund 120 Mitglieder, die den Medikamenten-Markt zu fast 100 Prozent abdeckt.

  • Medstandard-Diskussion
    foto: standard/matthias cremer

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