Banges Warten auf die heurige Ernte

9. April 2008, 11:04
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Analysten sind sich einig: Die Preise für Agrarrohstoffe werden nicht mehr auf das niedrige Niveau von vor einigen Jahren zurückkehren

Analysten sind sich einig: Die Preise für Agrarrohstoffe werden nicht mehr auf das niedrige Niveau von vor einigen Jahren zurückkehren. Allerdings sind sich Experten nicht darüber einig, ob die Rallye zu Ende ist.

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Wien – Die Bundesanstalt für Agrarwirtschaft hat in einer Expertise von Karlheinz Pistrich die voraussichtlichen Entwicklungen für die Agrarpreise festgemacht. Demnach wird für 2008 in der EU eine bessere Ernte als 2007 erwartet und dies auch zu sinkenden Getreidepreisen führen. Allerdings werden sich die Preisrückgänge bei zehn bis 20 Prozent über denen vor 2007 einpendeln.

Ob dieses Szenario wirklich eintreten wird, darüber tappen die Analysten naturgemäß im Dunkeln. "Man weiß es erst, wenn die Ernte in der Scheune ist", sagt Ernst Gauhs, Vizepräsident der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien und Agrarrohstoff-Händler der RWA (Raiffeisenware Austria).

Vieles spreche dafür, dass die Preise langfristig zurückgehen und die Anstiege, wie sie 2007 verzeichnet wurden, zu Ende sind. "Die Preise wurden spekulativ angetrieben", sagt Gauhs. "Das ist daran zu sehen, dass die Weizenernte des vergangenen Jahres weltweit zusammengerechnet eigentlich eine recht gute Ernte war. Trotz Ausfällen in Australien und der Ukraine."

Aufgrund der fundamentalen Rahmenbedingungen – steigende Weltbevölkerung, mehr Fleischkonsum, zunehmende Agrarspriterzeugung – bleibt der Preisdruck hoch, ist sich der Experte sicher: "Um diesen Bedarf zu decken, wird man künftig jedes Jahr eine Rekordernte benötigen." Auch sind die Lager auf einem historisch niedrigen Niveau und sollten erst einmal aufgefüllt werden.

Dennoch sollte es bis zum Sommer zu einer Entspannung kommen, was sich in den letzten Tagen und Wochen auch bereits ankündigte, erklärt Johann Marihart, der als Chef des Bioethanolwerks in Pischelsdorf ebenso an sinkenden Preisen interessiert ist wie als Chef des größten heimischen Zuckerverarbeiters Agrana. Hohe Preise und steigende Nachfrage brächten es mit sich, dass sich Investitionen in die Landwirtschaft wieder lohnten, was wiederum zu Produktivitätsgewinnen führen würde. Weltweit wurden die Anbauflächen heuer ausgeweitet.

Agrarsprit wie Diesel aus Raps/Palmöl oder Weizen und Mais für Benzinalkohol sei an den Preisanstiegen der Vergangenheit nicht schuld, meint Marihart – zumindest in Österreich. "Wir waren ein Überschussland und haben Flächen stillgelegt", sagt er. Wenn jetzt zwei Prozent der Getreideernte für die Spritproduktion eingesetzt werden, ließe sich dies über aufgelassene Stilllegungsflächen kompensieren.

Das Potenzial, alle Wünsche einer wachsenden und reicher werdenden Weltbevölkerung zu bedienen, sei da. Sollte es aber heuer wieder zu Missernten kommen – "was dann passiert, wage ich mir nicht auszumalen", sagt Gauhs. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2008)

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