Der schale Plakat-Geschmack

4. April 2008, 21:16
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"Ende einer Diktatur?" Aus der Sicht der Wildplakatierer ist das vieldeutig interpretierbar

Es war natürlich nur eine Frage der Zeit. Und spätestens diese Woche war es dann auch soweit: Die neuen Gewista-"Halbschalen" an den Laternenmasten – mit denen das Plakatunternehmen Gewista den Wildplakatierern den Kampf angesagt hatte – waren komplett zugekleistert. Tatort: Die Universitätsstraße zwischen NIG und Hauptuni.

Von den originalen und offiziellen Ronacher-Plakaten etwa lugte nur noch das oberste Eckerl raus – mit der in diesem Fall durchaus mehrdeutigen Ankündigung: "forbidden". Der Rest der Schale waren Flugzettel – unter anderem mit dem Veranstaltungshinweis: "Ende einer Diktatur?" Und das ist zumindest aus der Sicht der Wildplakatierer nicht minder vieldeutig interpretierbar.

Halbschalen

Zur Erinnerung: Das Diktat der Gewista-"Halbschalen" war zu Beginn dieses Jahres ausgerufen worden. Um das Stadtbild zu verschönern, so die offiziell kommunizierte Intention. Die Realität sieht freilich etwas anders aus: Die neuen "Halbschalen" rücken die Hinweise auf hochwertige Kulturveranstaltungen – wie etwa der "Erotik-Messe" – um einiges massiver ins Straßenbild. Praktischerweise hatte man die für solche Fragen zuständige Abteilung für Stadtgestaltung erst gar nicht befragt.

Gleichzeitig werden aber die letzten wild geklebten Plakate auf den noch freien Masten und Stromkästen regelmäßig herunter gerissen. Sodass nicht mehr Plakate, sondern nur noch deren Fetzen das Auge erfreuen.

Im Umfeld der Hauptuni zeigt sich nun, dass man den Wildplakatieren mit den neuen Halbschalen im Grunde sogar die Arbeit erleichtert hat: Jetzt haben sie eine schöne Fläche und brauchen ihre Flugzettel nicht mehr mühsam um die Masten herum wickeln. Und die Gewista kann jetzt damit beginnen, das Wiener Ortsbild so richtig zu verschönern – dass die Wildplakat-Fetzen nur so fliegen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 5./6.4.2008)

  • Streit um die "Halbschalen"
    foto: david

    Streit um die "Halbschalen"

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