"Ich wollte Weltstadt werden!"

11. April 2008, 13:07
101 Postings

Udo Lindenberg, der große Alte des deutschen Rock, veröffentlicht mit "Stark wie Zwei" sein bestes Album seit Jahrzehnten - Im STANDARD-Interview

Standard: 1968 war für Sie ein zentrales Jahr. Sie zogen weg vom Dorf in die große Stadt Hamburg. Heintje regierte mit "Heidschi Bumbeidschi" die Hitparaden, gefolgt von Peter Alexander mit "Der letzte Walzer". Das Modernste waren wohl "Hey Jude" von den Beatles oder die Stones mit "Jumpin’ Jack Flash". Was war da los?

Lindenberg: Ich saß in Westfalen fest. Das war so ne Zwischenstation. Hamburg war damals die Musikzentrale Deutschlands. Da musste ich hin, war aber noch ein bisschen am Straucheln und Schleudern und hatte Probleme mit der Sauferei. Ich landete deswegen zwischendurch auch mal in einem Bundeswehrlazarett. Als ich dann in Hamburg ankam, war da gar nicht mal soo viel Action. Ähm, welche großen Dinge passierten eigentlich 1968?

Standard: Die Pariser Studentenunruhen, der RAF-Brandanschlag auf ein Kaufhaus in Frankfurt, der Mord an Martin Luther King, Proteste gegen den Vietnamkrieg.

Lindenberg: Ah, ja, Vietnamkrieg! Ja, das kriegten wir damals über die Studenten in Hamburg mit.

Standard: Was haben Sie sich damals von der großen weiten Welt erwartet? Lose Sitten, Drogen, provinziellen, miefigen Zwängen zu entkommen?

Lindenberg: Ich wollte Weltstadt werden! Erst kam die eigene kleine Befreiung, die Weltenbefreiung kam dann aber bald mit dem politischen Interesse. In den Studentenkneipen lag die Mao-Bibel rum. Oder wir hörten: Die DDR ist sooo gemein! Dieses Zeug. Es war einfach eine Zeit der Bewusstseinswerdung. Die Hippiebewegung faszinierte mich, ich hab dann auch auf meinem Mantel das Love-and-Peace-Zeichen gehabt. 1969 bin ich dann nach München. Das war die totale Hippiezeit und es war superschön. Blümchen im Haar, dicke Joints, Drogen eingeschmissen.

Standard: In diese Zeit fiel auch die Entscheidung, vom englischen auf deutschen Gesang zu wechseln. Ein historischer Bruch. Den Leuten das neue Lebensgefühl auch in Muttersprache vermitteln zu wollen als einer der ersten in Deutschland neben Rio Reiser und Ton Steine Scherben. Gab es da Anfeindungen? Von wegen: Da versucht einer die große weite Welt in die kleinen deutschen Verhältnisse zu zwängen.

Lindenberg: Leicht war das nicht. Ist ja klar. Ich habe rumprobiert und wusste auch nicht, wie das geht, vorne am Mikrofon mit dem Gazellengang. Also erst mal einen Doppelkorn, bisschen austarieren. Daraus ist dann meine Bühnenperformance entstanden: unten getrommelt, oben gerudert, der Paniktanz! Aus einer leichten Besoffenheit heraus. Dazu Hippieklamotten, Henna in den Haaren und das ganze Gedöns. Ton Steine Scherben bei den Studenten war ja im Kleinen okay, aber das war nicht die Breitensportart, die ich anstrebte. Dass die ganze Nation auf dem Kopf steht und so. Einer musste also den Job machen. Und ich wusste auch, dass ich mich zu beeilen hatte, damit mir keiner zuvorkommt. Ich hatte dann Freunde aus der politischen Abteilung. Die sagten: Udo, lies mal hier und lies mal das. Dafür war ich dann auch sehr offen. Ich wollte nicht nur Entertainer sein. Eine Bühne ist ja auch eine Informationsplattform, ein Sprachraum für alles, was so passiert. Liebe und Terror – und alle Themen. So halte ich es bis heute. Volksbildnerische Tätigkeit! Auch ein bisschen einen auf Detektiv machen. Bisschen was rauskriegen. Forschen. An Informationen rankommen, die nicht für alle zugänglich sind.

Standard: Die Rolle des gesellschaftlichen Seismographen bescherte Ihnen 1988 das deutsche Bundesverdienstkreuz. War das ein Schock?

Lindenberg: Ich kannte den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker persönlich. Jugendaustausch mit Moskau und so. An dem war ich auch beteiligt, mit Musikbegleitung. Der meinte: Udo, diese Lieder, die Sie da machen, von Liebe und "Wir kriegen das hin" und "Friedliche Revolution" und so, das hat ja auch zu einer Veränderung des Klimas beigetragen. Die Erfindung von "Easy-Deutsch" ist schon ein tolles Ding, dafür und für deine Beteiligung an der Friedensbewegung kriegste jetzt den Orden. Mit der Plakette war ich dann auf dem Hamburger Kiez. Ich und meine Rockerfreunde haben uns breit gemacht. Und plötzlich rutschte der Orden so in den Gully. Wir haben ihn aber wieder rausgeholt. Schöne Sache.

Standard: Was folgt auf so eine Ehrung, eine Schreibblockade? Da will man Zustände lockerer machen und dann wird man eine Institution.

Lindenberg: Nö, das muss man lockerer sehen. Es folgte dann ja gleich das Engagement gegen die Rechtsradikalen. Es geht immer weiter. Man kann auch nicht ewig die alten Dinger singen. Es muss ja krachen.

Standard: Sie wurden dann schnell eine fixe Anlaufstelle, von wegen: Wir brauchen Udo, wenn es gegen rechts oder AKWs geht. Fühlt man sich da rein künstlerisch noch wohl? Ist das nicht auch einmal eine lästige Bürde?

Lindenberg: Tja, das waren die 90er-Jahre. Guter Whisky wird über die Jahre besser. Meine neue Platte, das ist jetzt ein achtjähriger Whisky, ein Destillat vom Feinsten!

Standard: Der alte Zirkusgaul bekommt Entzugserscheinungen?

Lindenberg: Auch die Fans wollen mich! Mit Songs kann man wahnsinnig viel erreichen. Texte müssen wie Pfeile von den Indianern sein, die sehr tief treffen.

Standard: Wird man im Alter toleranter, oder kann man sich sein Feuer und seinen Zorn bewahren?

Lindenberg: Nö, Toleranzen tanzen hatten wir schon, als ich 20 war. Hermann Hesse. Der Respekt vor dem heiligen Individuum. Wir haben Freude an Toleranz! Dem anderen nicht wehtun – aber jeder soll seine Anarchie in freundlicher Absprache mit den anderen durchziehen. Wir sind die Pioniere. All die jungen Leute in ihren grauen Anzügen, die schon zu Lebzeiten im Sarg zur Probe liegen, denen muss man mit Rock ’n’ Roll etwas entgegensetzen!

(Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 05/06.04.2008)

Zur Person:
Udo Lindenberg, geboren 1946 in Westfalen, seit 1968 in Hamburg lebend, zählt zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik. Mit seinem Panikorchester und Alben wie "Andrea Doria", "Ball Pompös" und Hits wie "Sonderzug nach Pankow" kommentiert und bereichert er seit 40 Jahren den deutschen Alltag.
  • Udo Lindenberg: "1968, das war die totale Hippiezeit – und es war superschön! Blümchen im Haar, dicke Joints, Drogen eingeschmissen."
    fotos: cremer

    Udo Lindenberg: "1968, das war die totale Hippiezeit – und es war superschön! Blümchen im Haar, dicke Joints, Drogen eingeschmissen."

Share if you care.