Schüler als Erziehungsexperten

8. April 2008, 23:15
posten

Brauchen Kinder Grenzen? Fünf Jugendliche geben ihre eigenen Antworten

Esther Huppmann (18), Schülerin der Bakip 19:

Mit Erziehung habe ich jeden Tag zu tun, nicht umsonst bin ich Schülerin einer Kindergartenschule. Dazu kommt meine Ausbildung in Früherziehung, da kümmere ich mich um Kinder von bis zu drei Jahren. Ein Kind autoritär zu erziehen ist nicht gut für seine Entwicklung. Es braucht sowohl bestimmte Freiheiten als auch Grenzen. Ein Kind muss wissen, wie weit es gehen darf. Kinder brauchen ein gutes Verhältnis zu ihrem Erzieher, das ist die Basis. Hat ein Kind Angst, ist der Versuch einer Erziehung zum Scheitern verurteilt. Das Emotionale ist, was in jeder Erziehung zählt. Ich möchte den Mittelweg finden, meinem Kind zwar sagen, was recht und unrecht ist, aber nicht auf den Tisch hauen und sagen: So ist es und basta. (Lalé Eleonora Cabuk)



Valérie Purth (17), Schülerin der Sir Karl Popper Schule:

Erziehungstheorien beschäftigen mich in letzter Zeit viel. Mein Spezialgebiet für die Matura in Italienisch ist Maria Montessori. Ich selbst war bis zur Oberstufe in Klassen des Montessori-Zweigs. Diesen Erziehungsstil befürworte ich, er lässt den Kindern genug Freiraum. Eltern sollten ihr Kind in seiner natürlichen Neugier und seinen individuellen Interessen unterstützen und es so früh wie möglich zur Eigenständigkeit anregen. Das Wichtigste in der Erziehung ist für mich der Respekt der Eltern für das Kind und dass sie sich ihrer Verantwortung als Vorbilder immer bewusst sind. Mit Druck kann man das nicht erreichen. Aber auch ein Laissez- faire-Stil ist nicht sinnvoll, schließlich braucht das Kind Verlässlichkeit. (Lalé Eleonora Cabuk)


Reinhard Brandl (16), Schüler des BRG 18:

Zuckerbrot und Peitsche, das ist für mich der autoritäre Erziehungsstil. Ich halte eine absolut autoritäre Erziehung nicht für richtig, aber mit Liebe verbunden, kann es durchaus gut sein. Die goldene Mitte ist für mich der gemäßigt autoritäre Erziehungsstil. Man muss auf die Umstände eingehen: Regeln aufstellen, wenn sie notwendig sind und Freiheiten lassen, wenn das Kind sie braucht. Ich würde meinen Kindern viel Liebe geben, aber auch sagen, was nicht geht: Rauchen zum Beispiel. Meine Kinder sollen viel lernen fürs Leben, auch, wie sie mit anderen Kindern umgehen. Und auch dann werde ich eingreifen: zum Beispiel wenn ich merke, dass meine Kinder mit seltsamen Leuten zu tun haben und sich selbst in Gefahr bringen. (Lalé Eleonora Cabuk)


Dan Glazer (18), Schüler des BG Biondekgasse, Baden:

Ich halte nicht viel von autoritärer Erziehung, wertvoll finde ich vor allem Gleichberechtigung. Es darf keine soziale Hierarchie in der Familie geben, der große Bruder darf nicht wichtiger sein als der kleine. Mir ist es wichtig, dass Eltern zu ihren Kindern eine persönliche Beziehung haben, der Vater soll auch ein Freund sein können. Oft nehmen Väter zu schnell die Rolle des Beschützers ein und stellen sich über ein Kind. Ich finde diese Art von Rangordnung völlig überflüssig und störend, das gab es in meiner Kindheit nicht. Ich durfte fast alles, was ich wollte, und die wenigen durchaus wichtigen Grenzen überzeugen mich bis heute. Denn es ist diese Erziehung, die es mir ermöglicht hat, zu dem zu werden, was ich heute bin. (Hannah Tiefengraber)


Anna-Sophie Sailer (17) , Schülerin des BG Biondekgasse, Baden:

Autoritäre Erziehung finde ich weder gut noch schlecht. Man sollte bei der Erziehung einen Mittelweg einschlagen, etwas zwischen autoritär und liberal. Denn Kinder einsperren will ich auf keinen Fall, aber es müssen klare Grenzen definiert werden, sonst lässt man ein Kind hilflos und allein zurück. Da geht es nicht darum ein Kind einzuengen, sondern zu beschützen. In meiner Familie, ich lebe mit meinen Eltern und meinem zwei Jahre jüngeren Bruder zusammen, gab es und gibt es immer noch ausgesprochene Grenzen, und die werden nicht hinterfragt. Über die Ausgehzeiten diskutieren wir in der Familie, aber ich verstehe die Verbote, die mir gestellt werden, auch wenn sie mir manchmal nicht gefallen. (Hannah Tiefengraber)
(DER STANDARD Printausgabe, 5./6.4.2008)
  • "Hat ein Kind Angst, ist der Versuch einer Erziehung zum Scheitern verurteilt": Esther Huppmann, 18

    "Hat ein Kind Angst, ist der Versuch einer Erziehung zum Scheitern verurteilt": Esther Huppmann, 18

Share if you care.