Das Jahr, das schon vierzig Jahre dauert

4. April 2008, 23:01
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Fünf "echte 68er" erinnern sich an Rebellion und Rauswürfe, Brando und Beat, Sex und Friseure - an "ihr" Jahr

Wien - Er war der Mann neben Rudi Dutschke. Die Mähne ist gleichgeblieben. Nur die Farbe wechselte von schwarz auf silbergrau. "Wir sind älter geworden. 40 Jahre älter. Wir sind nicht mehr die Jünglinge auf den vergilbten Fotos. Schön wär's, oder ich weiß nicht, vielleicht doch nicht."

Wer Gaston Salvatore 1968 suchte, wurde meist bei Studentenführer Rudi Dutschke fündig. Salvatore, gebürtiger Chilene und Neffe von Salvador Allende, taucht auf den alten Fotos fast immer an der Seite seines Freundes Rudi auf. Heute ist Salvatore Schriftsteller, lebt in Venedig und gehört zum lebenden Inventar des Jahres 1968, das irgendwie bis heute nicht aufgehört hat.

Und so begab es sich, dass sich fünf "echte 68er" - hübsche ironische Volte der Geschichte - in den Stuck-verzierten, goldgefärbelten Räumen des Wissenschaftsministeriums am Minoritenplatz einfanden, um über "ihr" Jahr zu reden.

"Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren - Was wurde aus den Forderungen der 68er-Uni-Rebellen?" war das Thema, das Standard-Kolumnist Gerfried Sperl, selbst erprobter 68er, mit Salvatore, dem Soziologen Michael Daxner, Forschungssektionschef Peter Kowalski und der Publizistin Trautl Brandstaller diskutierte. Wie war sie also, die "erste globalisierte Rebellion", wie Sperl sie nannte? Was ist von 1968 geblieben?

Geblieben ist, dass das Jahr buchstäblich "geblieben" ist. Es ist ein kollektiver Anker, auch für die, die es gar nicht erlebt haben. "1968 gilt als 'langes Jahr'", erklärte Kowalski soziologisch. Jener Mann, der damals 22-jährig, höflich klopfend, aber doch uneingeladen eine Sitzung der Magnifizenzen und Spektabilitäten an der Uni Wien enterte und mitteilte, dass er künftig daran teilzunehmen gedenke. Stichwort: Studentische Mitbestimmung.

1968 war Brando und Dean, Beat und Existenzialismus - "Juliette Greco haben wir alle geliebt" - und die Zeit, in der Fernsehen und Taschenbücher die Möglichkeit zu kollektiver Information geschaffen haben.

"68 war keine linke Angelegenheit", erinnerte Kowalski an viele 68er aus dem "österreichischen Katholizismus" und dem CV. (Brandstallers De-Sade- Übersetzung genügte für einen Rauswurf aus dem Verband katholischer Publizisten.) Und "68 war nicht nur in Wien", es hatte regionale Auswirkungen und "kulturrevolutionäre Folgen für österreichische Verhältnisse. Plötzlich gab es sogar in Bezirkshauptstädten bestimmte Bücher", erzählte der 68er, der den Marsch durch die Institutionen beispielhaft repräsentiert.

"1968 ist ein Jahr, das sich über Jahre hinstreckt", meinte Salvatore. Und was ist das Erbe dieses Jahres? Nachzulesen bei Marx. "Vieles, von dem, was sich als geblieben erweisen wird, hat mit marxistischer Analyse zu tun. Das Kommunistische Manifest ist die perfekte Analyse dessen, was wir heute vor Augen haben." Die 68er-Bewegung habe in den USA, dem damals "entwickeltsten Land", begonnen, sei dann nach Japan, dem "zweitentwickeltsten" Land, übergeschwappt, und dann nach Deutschland, Frankreich, England und Italien. Salvatore: "Was sagt das? Es entspricht der Entwicklung der Produktionskräfte: Wer am reichsten ist, kriegt so eine Bewegung als Erstes."

Dass es in Deutschland "explodiert" sei, lag an der Mauer und den Amerikanern in der Stadt. "Rudi und ich brauchten nur Plakate kleben, die Deutsche Presseagentur anrufen und die gesamte Welt erfuhr davon."

In Wien war alles ein bisschen ruhiger, vielleicht, weil sich viel in Graz abspielte. Daxner, laut dem Grazer Sperl, damals "in Wien Exponent der Grazer", beschrieb den Unterschied zu den deutschen 68ern: "Die Wiener waren gebildeter, weniger scharf in der Abgrenzung, weniger narzisstisch und sie hatten weniger Wirkung." Was sie nicht hinderte, den alten Herren an den Unis Dampf zu machen: "Ich hab doch noch bei Nazis studiert", erinnerte sich Daxner, der 1974 selbst in Osnabrück Professor wurde, schaudernd an damals.

Aber auch schmunzelnd über den "Theoriehunger. Der war aufgeladen, sexuell aufgeladen". Was heißt das für Nicht-Dabeigewesene? Ein theorielastiges Bed-in konnte schnell mal ein praktisches Problem für "das Private" werden: Eine falsche Lukács-Exegese - "und die Beziehung war aus".

Bed-ins und Baby Che

Etwas schwerer zu knacken waren die Universitäten. "Die waren Hochburgen des Konservativismus, wo konservatives bis reaktionäres Denken herrschte", erinnerte sich die Juristin und Politologin Brandstaller an die "intellektuelle Komatisierung Österreichs". Aber nicht nur an den Unis war etwas in Bewegung geraten. "Friseurlehrlinge haben auf einmal Freud gelesen, Lehrer im oberen Inntal ihre Kinder Che genannt."

Neben ein paar Guevara-Gedächtniskindern hinterließen die 68er aber noch viel mehr: Optimismus zum Beispiel. "Kein System ist so hermetisch, dass das Rebellische nicht immer wieder zum Durchbruch kommen könnte" (Kowalski). "Ohne 68 keine Frauenbewegung" (Brandstaller). "Es ist was sehr Großes geleistet worden, nicht zuletzt die Uni-Reform" (Salvatore). "Von meinem Jahrgang haben sechs Prozent studiert, heute sind es 20 Prozent. Das ist doch was. Das waren schon wir" (Daxner). Ja, das waren sie - die 68er.(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 5./6. April 2008)

  • Fünf 68er und ein 67er: Michael Daxner, Gaston Salvatore, Gerfried Sperl, Peter Kowalski und Trautl Brandstaller (v. li.) kämpften in Berlin, Graz, Wien gegen den "Muff". Das Originaltransparent ist aber ein "67er", es tauchte am 9. November an der Uni Hamburg auf, marschierte durch die Institutionen - bis ins Staatsarchiv.
    foto: urban

    Fünf 68er und ein 67er: Michael Daxner, Gaston Salvatore, Gerfried Sperl, Peter Kowalski und Trautl Brandstaller (v. li.) kämpften in Berlin, Graz, Wien gegen den "Muff". Das Originaltransparent ist aber ein "67er", es tauchte am 9. November an der Uni Hamburg auf, marschierte durch die Institutionen - bis ins Staatsarchiv.

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