Rausch und Super-Design

11. April 2008, 14:11
posten

Die Wiener Kunstszene um 1968 war überschaubar. Nur wenige Galerien versuchten, den Zeitgeist auszustellen und auch an den Mann zu bringen. Im Wirtshaus regierte der "Doppler"

Wien – Von Psychedelikern, Sternenleuten, Spiritual Communities, Aquarians oder sonst wie kosmischem Volk ist nichts übermittelt, sie alle prägten Wiens Kunstlandschaft im Jahr mit dem Sommer der Liebe nicht. Kein heimischer Andreas Baader steckte das Kaufhaus Steffl in Brand, keine als Gruppe deklarierte außerparlamentarische Opposition hat irgendwie nachhaltig irgendjemanden anagitiert, und die von George Steiner entdeckte "Suhrkamp-Kultur" hatte auch keinen entscheidenden Einfluss auf die Großstadtbohème an der schönen blauen Donau. Und in zumindest einem Punkt stimmen die Aussagen aller Zeitzeugen überein:

"Eigentlich war da nichts, gar nichts!" Man traf oder mied sich. Und mangels geeigneter Lokalitäten fand man sich dennoch zwangsassoziiert, als Haufen forciert eigenwilliger Charaktere. Das Diskutieren zu erleichtern, wurden Substanzen konsumiert. Als weitaus gebräuchlicher denn Peyotekaktus, Meskalin, LSD oder Hanf zum Öffnen der Pforten der Wahrnehmung zeigte sich Alkohol. Und der wurde in "Dopplern" genossen: seit dem Weinskandal leider etwas aus der Mode gekommene Zwei-Liter-Gebinde. Franz Kafkas "Strafkolonie" war mental weitaus näher denn Woodstock, Stil als Gemeinsamkeit war schon aus Konkurrenzgründen undenkbar.

Spurlos ging der 68er-Liebessommer aber auch an Wien nicht vorüber. Vor allem im Bereich der Architektur wurden auch international nachhaltig einflussreiche Positionen besetzt. Die bildende Kunst widersetzte sich so automatisch wie vehement dem Reiz fantasievoll gestalteter Oberflächen aus, kommentiert bisweilen zynisch die naiven Ideologien mancher Kollegen aus London, New York oder San Francisco. Es gilt, eher an Oberflächen zu kratzen, denn solche aufzupolieren. Die Malerei wird einzig zum Zweck neuer Bildfindungen überwunden. Kollektive formieren sich meist für den Moment, Drogenexperimente finden schon einmal unter ärztlicher Aufsicht statt (Arnulf Rainer zeichnete 1964 an der Universitätsklinik von Lausanne gut bewacht unter Mescalin.)

Die Kunst der Zeitgenossen als Ware auch für den Handel funktionierte, zumindest verglichen mit heute, so gut wie nicht. Rudolf Leopold und Serge Sabarsky streunten durch die Stadt, um alle noch billigen Egon Schieles aufzukaufen, während etwa Alphons Schilling am Rande der Aktionisten nach Erweiterungen der Möglichkeiten des Auges suchte, Sehmaschinen konstruierte, mit Linsenraster-Fotografie experimentierte und Leinwände rotieren ließ, Christian Ludwig Attersee mit Buchstabenprothesen seinen sangesfreudigen Seglerkörper zu erweitern suchte. Plätze, all das auch auszustellen, gab es wenige. Da war die eher konservative, noch immer von Fritz Wotrubas Wiederaufbaunetzwerk beeinflusste Galerie Würthle, die im Zauberjahr 1968 unter anderem Malereien von Jürgen Messensee feilbot. Da war die Galerie im Griechenbeisl, 1960 gegründet und bis 1971 geführt vom Künstlerpaar Christa Hauer und Johann Fruhmann. Im Programm waren spätes Informell, einige Mitglieder der 1968 in der Secession gegründeten Gruppe Wirklichkeiten, Martha Jungwirth etwa oder Franz Ringel, und "gemäßigte" Positionen, die sich mit dem (Sozial-)Körper auseinandersetzten: Hermann Painitz, Edda Seidl-Reiter, Richard Kriesche.

Und dann gab es natürlich die Galerie Nächst St. Stephan, die Speerspitze der Avantgarde (1954 durch Monsignore Otto Mauer gegründet). Nachdem Joseph Beuys dort im Juli 1967 seine Aktion Eurasienstab abgehalten hatte, kam es dort 1968 zu der neben den Aktionen der Aktionisten wohl wichtigsten Manifestation in Wien: "Super-Design" mit Bruno Gironcoli, Roland Goeschl, Hans Hollein, Oswald Oberhuber und Walter Pichler – eine Schau, in der Hans Holleins mobile Architekturen auf Walter Pichlers Prototypen und Bruno Gironcolis erste Ansätze für Mutterschiffe trafen. (Markus Mittringer, ALBUM/DER STANDARD, 05/06.04.2008)

  • Christian Skreins legendäres Plakat "Wir nicht"mit Dominique Steiger, Kurt Kalb, Walter Pichler, Christian Ludwig Attersee, Ernst Graf,Oswald Wiener und Ingrid Schuppan-Wiener, 1968.
    foto: christian skrein

    Christian Skreins legendäres Plakat "Wir nicht"mit Dominique Steiger, Kurt Kalb, Walter Pichler, Christian Ludwig Attersee, Ernst Graf,Oswald Wiener und Ingrid Schuppan-Wiener, 1968.

Share if you care.