"Magnifizenz, im Audimax is a Wirbel"

4. April 2008, 22:24
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Fritz Schwind, 1968 Rektor der Uni Wien, über Frackträger, Redenschwinger und "die Ferkelei" - Ein STANDARD- Interview

STANDARD: 1968 - was ist Ihre erste Erinnerung an dieses Jahr?

Schwind: Es gab am 12. März anlässlich des Gründungstags der Universität Wien im Jahr 1365 eine akademische Feier. Da musste der Rektor als Dekorationsfigur auftreten. Ich bin mit meiner Frau zu dieser Festivität im großen Festsaal der Universität, wir sind grad bei der Vorspeise, da kommt der Ball- Pedell herein und sagt: "Magnifizenz, im Audimax is a Wirbel. Wir müssen die Polizei holen." Ich habe gesagt, das schau ich mir an. Habe an mir heruntergeblickt - Frack, Rektorskette, Orden. Als Adjustierung, um sich mit revoltierenden Studenten zu unterhalten, nicht ideal. Also habe mich umgezogen und bin dann in Zivil hinuntergegangen ins Auditorium Maximum.

STANDARD:: Was fanden Sie dort vor?

Schwind: Da war ein Diavortrag eines Diplomaten über Griechenland. Es war die Zeit der Militärdiktatur der Obristen. Eine Gruppe von Studenten war eingedrungen, hatte sich zum Pult vorgekämpft und einen Wirbel gemacht. Genau in dem Moment bin ich erschienen. Damals war ich ja bekannt wie ein roter Hund. Alles Applaus. Was wollt ihr eigentlich, habe ich gefragt? "Wir wollen nur mit denen diskutieren." Aber ihr seht doch, die wollen nicht. "Dann wollen wir wenigstens sagen, warum wir da sind." Sag ich, okay, ich weiß es auch nicht, also sagt es uns. Dann hat jemand in ein paar Sätzen das Wesentliche gesagt: Niemand könne über Griechenland reden, ohne über die Demokratie in diesem Land zu reden. Dann sind sie gegangen. Ich habe wieder meinen Frack angezogen und weiter repräsentiert. Am nächsten Tag kam eine Reihe von Anrufen, die sich beschwert haben, dass ich da nicht hineingefahren bin, sondern mit ihnen geredet habe.

STANDARD: Interessanterweise erwähnten Sie nicht den 7. Juni 1968 als Erstes. Wie haben Sie denn die legendär gewordene "Uni-Ferkelei" im Hörsaal 1 in Erinnerung behalten?

Schwind: Die habe ich eigentlich gar nicht erlebt. Ich hatte damals Besuch eines portugiesischen Rektors und war mit ihm in der Oper. Sie haben dann angerufen bei mir zu Hause, irgendwer soll kommen. Ich war ja nicht erreichbar und habe das dann erst nachher erfahren. Bei mir ist die sogenannte Ferkelei als Nichterlebnis in Erinnerung. Es war mir lästig und unangenehm, das war nicht ganz mein Geschmack, aber sonst war dieser Auftritt nicht so wesentlich.

STANDARD: Ihre 2002 verstorbene Frau Christl war Künstlerin, die mit Illustrationen von Märchen- und den ersten Schulbüchern nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt wurde. Haben Sie damals zu Hause über die Uni-Ferkelei, die ja als Kunstaktion "Kunst und Revolution" angekündigt war, unter künstlerischen Aspekten gesprochen?

Schwind: Dass es keine Kunst war, war so selbstverständlich, dass man darüber kein Wort verloren hat. Das war eine Schweinerei und sonst nichts. Dass das Kunst wäre, wäre uns nicht in den Sinn gekommen.

STANDARD: Sie sagten nach einer Hörsaalbesetzung am 30. Mai 1968 in einem Radio-Interview, Sie hätten zwar "erhebliche Ordnungswidrigkeiten" gesehen, aber man solle das "nicht überbewerten". Sie glaubten nicht, "dass das Anlass für Entwicklungen sein wird, wie anderwärts in der Welt" - warum waren Sie da so sicher?

Schwind: Es entsprach meiner damaligen Einstellung, dass man nichts unternehmen soll, um die Stimmung anzuheizen, sondern nach Möglichkeit mit den Leuten reden. Zum Teil waren die Dinge, die sie gewollt haben, ja nicht unsinnig. Man konnte aus der Sicht der Universitätsverwaltung vieles ja gar nicht wissen, also war das ganz interessant, was die da wollten.

STANDARD: Welche Dinge, die die 68er forderten, waren denn nicht unsinnig?

Schwind: Eine gewisse Mitwirkung der Studenten an dem, was sie werden sollen und was vor sich gehen soll, ist nicht unberechtigt. Es ist natürlich eine Maßfrage. Das Mitbestimmen der Studenten etwa für die Frage einer Habilitation ist ein kompletter Unsinn. Die können nicht beurteilen, ob der vom Fach etwas versteht. Sie können aber wohl sagen, ob er in der Lage ist, das, was er sagen will, so vorzubringen, dass es auch verständlich ist. Das rednerische Talent können Sie beurteilen, das sachliche natürlich nicht. Natürlich war die Universitätsorganisation zum Teil etwas reformbedürftig. Das war halt eine mehr dem 18. als dem 20. Jahrhundert angemessene Form. Alle Wissenschaften haben sich seither ungeheuer spezialisiert, das muss auch einen Niederschlag in der Organisation finden, und die 68er waren ein gewisser Anstoß in diese Richtung.

STANDARD: Wie gefällt Ihnen denn die Richtung, in die die Universitäten weiterentwickelt wurden? Hätten Sie auch gern die Autonomie gehabt, die Ihre Nachfolger heute haben?

Schwind: Für meinen Bedarf habe ich genug Autonomie gehabt.

STANDARD: Bruno Kreisky nannte die demonstrierenden Studenten beim SPÖ-Maiaufmarsch, gegen die die Polizei mit Knüppeln vorging, "Revolutionsharlekine". Sie sprachen von "meinen Revoluzzern", das klingt eher väterlich milde, denn professoral streng. Warum waren Sie so gelassen?

Schwind: Ich habe die Studenten eher als meine Kinder gesehen, die mir anvertraut waren. Es war mir daran gelegen, dass man die Universitäten über diese Krisensituation hinausbringt. Damals war Kreisky in der Opposition. Schwarze Alleinregierung. Ich habe ihn einmal besucht und ein langes Gespräch mit ihm gehabt, wir sahen die Studentensache ziemlich ähnlich. Er war natürlich mit dem Wirbel auch nicht einverstanden. Er war ja unter den Sozialdemokraten ein ausgesprochener Aristokrat.

STANDARD: Ihre Kinder haben damals studiert. Gab's daheim Diskussionen?

Schwind: Nein, im Gegenteil. Denen ist das eigentlich ziemlich auf den Nerv gegangen. Ich habe einmal gesagt, ich bin zwar auch kein Revoluzzer, aber so konservativ wie meine Kinder bin ich noch lang nicht.

STANDARD: Wie resümieren Sie für sich persönlich das Jahr 1968?

Schwind: Ich habe mich gefreut, dass ich es so lebendig gehabt habe. Es war ja doch eine Herausforderung. Jeden Tag beim Hineinfahren in die Uni zu denken, na, brennt jetzt die Bude oder ist wieder was besetzt, oder ist wieder ein Wirbel oder irgendwas im Schwange? Das war schon interessant. Ich war natürlich nicht erfreut über so Vorfälle wie im Hörsaal 1, aber das war halt so und man musste schauen, dass man irgendwie mit dieser Situation fertigwird. Es war eine ganz besondere Situation, und ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich da mitspielen durfte. Es war der Höhepunkt meines Lebens. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 5./6. April 2008)

Zur Person:

Fritz Schwind wird am 1. Juni 95 Jahre alt. Der gebürtige Innsbrucker trat in die Fußstapfen seines Vaters, des Rechtshistorikers Ernst von Schwind. Dieser war in den Jahren 1919/20 Rektor der Uni Wien, Sohn Fritz, Professor für Bürgerliches Recht, im bewegten Studienjahr 1967/68 . Damals wechselte das Rektorat jährlich. 1978 schrieb der konservative Jurist für Justizminister Broda das Internationale Privatrechtsgesetz. Er hat drei Kinder.

  •  Rektor Fritz Schwind war am  Abend der "Uni-Ferkelei" in der Oper.
    foto: standard/fischer

    Rektor Fritz Schwind war am Abend der "Uni-Ferkelei" in der Oper.

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