Mai 1968, ein wenig abseits - Konstantin Kaiser

4. April 2008, 19:30
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Das innere Leben war aufregender als unsere registrierbaren Manifestationen. Die Barrikaden in Paris schienen die Welt in strahlende Rotation versetzt zu haben

Damals, im Mai 1968, in Innsbruck, widerfuhr mir die einmalige Ehre, dass ich meinen "eigenen" Staatspolizisten hatte. Eine solche Sternstunde kehrte in meiner weiteren politischen und beruflichen Karriere nicht wieder. Der Herr E., Mitglied der SPÖ, beobachtete mich bei den wenigen Aktionen, die unsere kleine Gruppe zuwege brachte, ein Straßentheater auf dem Adolf-Pichler-Platz, eine Flugblattaktion gegen einen Vortrag von Otto Habsburg, die sich eigentlich weniger gegen diesen selbst als gegen die, die sich um ihn formieren wollten, richtete. Im Café Central saß er zwei Tische weiter und wusste, dass er zu unauffällig war. Einmal sprach er mich an: Er habe nun einen Bericht zu schreiben und wäre dankbar, wenn ich ihm die Triftigkeit seiner Angaben bestätigen könnte.

Ich hatte noch einen Büroraum im Parteihaus der SPÖ zur Verfügung, denn formell war ich Obmann eines in Innsbruck kaum bestehenden "Verbandes Sozialistischer Studenten". Ich benützte den Raum auch als Büro für die "Galerie Junge Generation", im Grunde nur ein Ausstellungsraum im Dachgeschoß des Parteihauses.

1967 zeigten wir dort Jüdische Kinderzeichnungen aus Theresienstadt; der Direktor des Museums in Prag kam zur Eröffnung – 1969 wurde er aus seinem Amt entfernt. Die Galerie wurde geschlossen, als eine Ausstellung gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam gezeigt werden sollte. Zur gleichen Zeit konfiszierte der Landesparteivorstand die bereits gedruckte Auflage einer sozialistischen Jugendzeitung, in der ich mich, erschüttert von dem Attentat auf Rudi Dutschke, kritisch über den Zustand unserer schönen Zweiten Republik geäußert hatte.

Noch einmal kehrte ich 1969 in dieses Büro zurück, um einen Hochschülerschaftswahlkampf zu führen. Um eine kleine Studentengruppe, die sich "Aktion" nannte, für ein Wahlbündnis zu gewinnen, mussten wir als Spitzenkandidaten einen Staatsrechtler akzeptieren, der sich schon bei seiner Vorstellung als politisch farblos bekannte. So blieb der Liste Studentische Demokratie (neckisch abgekürzt hieß sie LSD) nur der eine Erfolg, erstmals einen unabhängigen Kandidaten neben dem etablierten Block (der christlichen Verbindungen) und dem Ring (der Freiheitlichen) ins Hauptausschuss-Kabarett entsandt zu haben.

Konstituieren durch Protest

Unser inneres Leben war vermutlich aufregender als unsere staatspolizeilich registrierbaren Manifestationen. Der Prager Frühling, die Kulturrevolution in China, die Barrikaden in Paris schienen die Welt in strahlende Rotation versetzt zu haben, ein Ansturm neuer Ideen erfasste uns in vielfacher Verschlingung; Herbert Marcuses Schriften über den "Eindimensionalen Menschen" und die repressive Toleranz, die Frankfurter Schule mit ihren Theorien von der Epoche des "Spätkapitalismus", Fragmente psychoanalytischer Aufklärung überspülten unser bisheriges Wissen und Nachdenken.

In einer Sozialität, in der uns die Mitmenschen wie von fremden Sternen geleitet erschienen, strebten wir nach unbedingter Selbstständigkeit, nach dem freien Zusammenschluss Gleichgesinnter. Diese Gemeinschaft war rundum bedroht, musste sich schützen und konstituieren durch ständigen Protest gegen ein stumpfes, sprachloses, in der faschistischen Volksgemeinschaft wurzelndes Einverständnis.

Der im Judenwitz, in der Verachtung der Intellektualität und anderer Völker und Kulturen hervortretende Antisemitismus und Rassismus zeichnete uns die Konturen dessen nach, wogegen unser Protest sich zu richten hatte. Erst jetzt waren wir aus der Einsamkeit unserer früheren (oft oktroyierten) Lebensplanungen herausgetreten, vor uns lag ein offener Horizont zwar nicht unbeschränkter, jedoch neuer, ungeahnter Möglichkeiten.

Woraus bestand nun dieses Wir, dessen Ideale ich hier noch einmal beschwöre? Der Staatspolizist E. schätzte uns auf etwa 40 Leute; auch sein eigener Sohn nahm gelegentlich an unseren Zusammenkünften teil. (Also vielleicht 41.) Und ergeht es mir beim Schreiben dieser Zeilen nicht neuerlich so, dass sich das Wir unversehens an die Stelle des Ich setzt? Bemerkt der geübte Massenpsychologe hier nicht gleich eine Entgrenzung des Ich durch Projektion und Identifikation, die nicht folgenlos bleiben konnte?

Die Protestbewegung, die mit der Chiffre "1968" gekennzeichnet wird, war keine Jugendbewegung. Auch in Innsbruck gesellten sich zu unserer Gruppe bald Menschen, die schon länger Außenseiterpositionen eingenommen hatten, ein avantgardistischer Schriftsteller, ein verschrobener Buchhändler. Dazu kamen auch Versprengte aus den Reihen der KPÖ; anders als etwa in Wien spielten Frauen und Männer, die schon gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatten, in Innsbruck eine geringere Rolle.

Aber die "Bewegung" war geprägt durch Menschen, für die der Gefühls- und Gedankenaufschwung, den sie mitlebten, zusammenfiel mit einer wichtigen Phase der Persönlichkeitsentwicklung, für die also nun ihr persönlicher Lebensgang und der Weltlauf im Gleichtakt zu sein schienen. Die Bewegung wuchs heraus aus den gegebenen politischen, kulturellen und sozialen Widersprüchen; keine "neuen Menschen" haben hier die Bühne des Protests betreten. Und vielfach haben diese neuen "Jungen" nur ausgelebt und zur Sprache gebracht, was ihre Eltern sich versagt und insgeheim gewünscht haben, all die kleinen und größeren Rebellionen, die in den zaghaften Nachkriegsjahrzehnten unterlassen wurden.

Man war natürlich aufgebracht gegen die Protestierenden; zugleich verfolgte man ihre Aktionen mit geheimer Sympathie und Sorge um das weitere Schicksal der Beteiligten. Dass hier auch Antisemitisches mit emporgespült wurde, kann nicht wundernehmen. Doch richtete sich die 68er-Bewegung, zumindest soweit ich sie selbst erfahren habe, nicht nur gegen den Popanz längst ausgehöhlter höherer Werte und gegen die Unselbstständigkeit von Menschen in lebenslangen Hörigkeitsverhältnissen, sondern ebenso gegen jenes postfaschistische Arrangement, in dem der antisemitische Affekt an die politische und kulturelle Struktur delegiert und das Wissen über das Geschehene dem Schweigen überantwortet war.

Über einige Probleme, die damals entstanden sind, lohnt es sich, weiter nachzudenken. Zum einen orientierten wir uns zunehmend an der Vorstellung einer in allen Ländern des "Spätkapitalismus" gleichermaßen bestehenden sozialen Struktur, in der die Entwicklung unabhängig von sonstigen geschichtlichen Voraussetzungen auf epochal bedingten Geleisen verlaufen musste. Daraus entstand uns das Dilemma von Reform und Revolution. Diese soziale Struktur erschien uns als derart kompakt und alle Lebensregungen manipulativ in ihren Strudel ziehend, dass uns jede wirkliche Veränderung nur durch einen völligen Umsturz erreichbar vorkam. Wie konnten sich in der "verwalteten Gesellschaft" die Gegenkräfte formieren, den Umsturz zu bewerkstelligen? Wo fand sich der archimedische Punkt, die Welt von außen aus den Angeln zu heben? Die Reformen, die die Sozialdemokratie Bruno Kreiskys im Namen einer notwendigen "Modernisierung" anstrebte, stellten sich in dieser Perspektive als bloße Ausbesserungsarbeiten am "System" dar.

An einem Nullpunkt

Zum anderen sahen wir uns an einem neuen Anfang, an einem Nullpunkt, und es war uns sicher nicht bewusst, dass wir damit die Nullpunktideologie der Nachkriegszeit karikierten. Wir standen in einem dramatischen Verhältnis zum Weltgeschehen, glaubten, dass mit uns eine neue Zeitrechnung anhebe. Zugleich spürten wir die Befristung der Zeit, die noch vorhanden war, all die gefährlichen Entwicklungen, die wir kommen sahen, aufzuhalten. Zwischen dem erstarrten Block des Spätkapitalismus und der befristeten Zeit suchten wir eine Gegenwart, empfanden mit Paul Celan – "Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt."

Wir waren uns vielleicht des sozialen, nicht aber des geschichtlichen Orts, an dem wir uns befanden, bewusst. Die entschiedene Ablehnung des Antisemitismus hatte bei aller Entschiedenheit ihre Grenzen. Das zeigte sich bald, als sich viele von uns mit der palästinensischen Befreiungsbewegung gegen den im Sechstagekrieg siegreichen Staat Israel solidarisierten. Da war von einem "zionistischen Gebilde" die Rede, ohne jede Reflexion, dass die wirre Zusammenballung von Weltjudentum, israelischer Staatlichkeit und finanzkapitalistischer Verflechtung, gegen die der Antizionist auftritt, nichts als den alten antisemitischen Wahn in gar nicht so neuem Gewand reproduziert.

Inzwischen wissen wir, dass die bloße Ablehnung des Antisemitismus nicht ausreicht, um unsere Geschichte und uns selbst verstehen zu können. Erst war eine ganz andere Kenntnisnahme des Geschehenen erforderlich, war es notwendig, sich der Geschichte zu stellen, statt sie als Gruselkabinett dessen zu missbrauchen, von dem man sich um so leichter in eine neue Freiheit abzustoßen vermöchte.

Wer ist jetzt "Wir", muss ich mich fragen, offenbar immer noch auf der Suche nach einem Zusammenschluss von Gleichgesinnten, von dem witzigerweise schon Goethe in einer Bemerkung über Denis Diderot als dem Höchsten spricht. Und was ist aus dem Staatspolizisten E. und seinem Sohn geworden?

Es würde mich interessieren.

(Konstantin Kaiser, ALBUM/DER STANDARD, 05/06.04.2008)

Zur Person:
Konstantin Kaiser, geb 1947 in Innsbruck, ist Schriftsteller und Literaturwissenschafter. Er leitete 1966–1968 eine Galerie in Innsbruck und folgte seinem Zwillingsbruder Leander Kaiser nach Wien. Die beiden schlossen sich der linken Studentenbewegung MLS und der "Kommune Wien" um Robert Schindel an. Kaiser war 1969 Mitbegründer der Zeitschrift Hundsblume. Heute leitet er die Theodor-Kramer-Gesellschaft in Wien. 2000 hat er gemeinsam mit Siglinde Bolbacher das Lexikon der österreichischen Exilliteratur herausgegeben. 2007 erschien In welcher Sprache träumen Sie? Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands (Hg.: Herz-Kestranek, Kaiser, Strigl).
  • Konstantin Kaiser: "Woraus bestand nun dieses Wir, dessen Ideale ich hier noch einmal beschwöre? Der Staatspolizist E. schätzte uns auf etwa 40 Leute; auch sein eigener Sohn nahm gelegentlich an unseren Zusammenkünften teil. Und ergeht es mir beim Schreiben dieser Zeilen nicht neuerlich so, dass sich das Wir unversehens an die Stelle des Ich setzt?"
    foto: heribert corn

    Konstantin Kaiser: "Woraus bestand nun dieses Wir, dessen Ideale ich hier noch einmal beschwöre? Der Staatspolizist E. schätzte uns auf etwa 40 Leute; auch sein eigener Sohn nahm gelegentlich an unseren Zusammenkünften teil. Und ergeht es mir beim Schreiben dieser Zeilen nicht neuerlich so, dass sich das Wir unversehens an die Stelle des Ich setzt?"

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