Neu starten nach der Haft

4. April 2008, 16:32
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Wird jemand aus dem Gefängnis entlassen, muss er sich meist erst neu orientieren - Dafür kann er spezielle Hilfe in Anspruch nehmen

Frage: Welche Probleme tauchen für Menschen auf, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden?
Antwort: Wenn jemand aus dem Gefängnis kommt, überwiegt nicht unbedingt die Freude an der wiedergewonnenen Freiheit. Nach der Haft gibt es nämlich eine Menge Aufgaben, die der Entlassene plötzlich wieder selbstständig lösen muss. Er hat meist keine Wohnung. Einen Job muss er sich in der Regel erst wieder suchen. Viele haben auch Schulden oder laufen Gefahr, wieder alten Süchten (nach Drogen oder Alkohol) zu verfallen. Auch wenn ein Mensch mit den besten Vorsätzen aus dem Gefängnis entlassen wird, ist es wegen dieser vielen Probleme für ihn oft schwierig, wieder ein geregeltes Leben aufzubauen. Immer wieder kommt es auch vor, dass gerade erst aus der Haft Entlassene wieder in die Kriminalität abrutschen (zum Beispiel wegen Geldproblemen). Muss jemand alle Anforderungen alleine bewältigen, kann er daran verzweifeln. Leider ist es gar nicht so selten, dass Menschen gerade nach dem Verbüßen einer Haftstrafe ohne Freunde und Familie dastehen.

Frage: Wie wird Ex-Häftlingen geholfen?
Antwort: Seit mehr als 50 Jahren gibt es in Österreich die Bewährungshilfe, die (ehemalige) Häftlinge mit ihren Problemen nicht alleine lässt. Seit 2002 gehört sie mit einigen anderen Einrichtungen zu "Neustart". "Neustart" ist nicht nur für Täter, sondern auch für Verbrechensopfer da. Die Mitarbeiter von "Neustart" sind Sozialarbeiter, also speziell geschulte Betreuer. Sie versuchen im Idealfall schon innerhalb der letzten sechs Monate vor der Entlassung eines Häftlings, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Frage: Wie genau kann Häftlingen geholfen werden?
Antwort: Die Betreuer von "Neustart" können mit dem Häftling noch im Gefängnis einen Plan entwickeln, was vor und nach der Entlassung zu tun ist. Weil Häftlinge auch ab und zu Ausgänge haben, können sie in der Außenwelt manches schon vor ihrer tatsächlichen Entlassung regeln und bereits damit beginnen, einige Punkte des Planes abzuarbeiten. Außerdem gibt es Bildungsangebote speziell für Häftlinge oder frisch Entlassene, mit denen sie ihre Chancen am Arbeitsmarkt verbessern können. In Gefängniswerkstätten können Inhaftierte ihr Geschick erproben und gleichzeitig auch ein wenig Geld dazuverdienen.

Frage: Warum wurde diese Hilfestelle eingerichtet?
Antwort: In den 50er-Jahren, also direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, stieg die Jugendkriminalität stark an. Bis dahin hat es überhaupt keine geeigneten Einrichtungen für die Behandlung jugendlicher Straftäter gegeben - lediglich Erziehungsanstalten, die im Prinzip dazu da waren, die Problemkinder aus der Gesellschaft wegzusperren. Diese Taktik konnte man aber nicht mehr länger verfolgen, weil die Arbeitskraft der Jugendlichen gebraucht wurde. 1956 wurde dann bei der ersten österreichischen Jugendrichtertagung der Aufbau der Bewährungshilfe gefordert. (Gudrun Springer/DER STANDARD-Printausgabe, 4.4.2008)

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    foto: standard/corn
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