Visionen, Drogen und Dämonen

11. April 2008, 12:49
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Die literarische Bewegung der Beat-Generation bietet den philosophischen und kulturellen Hintergrund der 68er-Revolutionen - Auf Spurensuche

Die Geburtsstunde der 68er-Revolution ist das Jahr 1944. Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs begegnen einander an der Columbia University in New York, die Beat-Generation erblickt das Licht der Welt. Der Einfluss der drei Schriftsteller auf das Kultur- und Geistesleben des 20. Jahrhunderts ist enorm und bis heute deutlich erkennbar. Ginsberg, Kerouac und Burroughs publizieren zunächst wenig, schreiben stilistisch unterschiedlich, betrachten sich aber als Vordenker einer neuen literarischen Schule. Mitte der 40er-Jahre übernehmen sie den Begriff "beat" von Herbert Huncke, einem "storyteller" und Times-Square-Junkie, dessen Weg sich kurzzeitig mit ihrem kreuzt.

Das Adjektiv "beat" bedeutet eigentlich "müde, heruntergekommen" und wird von Kerouac in einem erweiterten Sinn verwendet: Es steht bei ihm auch für "euphorisch", und, sich auf Jazz und Bebop beziehend, für "upbeat" oder "being on the beat" ("im Rhythmus sein"). In der New Yorker Subkulturszene macht sich die Gruppe rasch einen Namen. 1952 erscheint im New York Times Magazine mit "This is the Beat Generation" ein programmatisches Pamphlet von John Clellon Holmes, welches den Literaten landesweit Aufmerksamkeit verschafft und den Weg für ihre größten literarischen Werke bahnt: Kerouacs Romane On the Road und Visions of Cody, Ginsbergs Gedicht The Howl sowie Naked Lunch von Burroughs.

Worin aber liegt das Gemeinsame der "Beat Generation", die sich ganz bewusst von den literarischen Vorgängern der Zwischenkriegszeit, der "Lost Generation" eines Hemingway, Henry Miller oder Scott Fitzgerald abgrenzte? Sie alle tragen eine tiefe Skepsis gegenüber Staat, Obrigkeit, Gesetzen und jeglichen Gesellschaftsregeln in sich. Sie sind angewidert vom "American Dream", angewidert vom schönen Schein kleinbürgerlicher Reihenhaus- und Kleingartensiedlungen, möblierter Apartments, geregelter Arbeitszeiten, geplanter Lebensentwürfe und Karrieren. Konventionen und Normen werden radikal überschritten, erklärtes Ziel ist die absolute Selbstbestimmung des Individuums, wider jede Autorität.

Die Protagonisten propagieren und leben den Gegenentwurf zum Bürgerlichen, nicht zuletzt auch sexuell: Homosexualität, Hedonismus, freie Liebe, Experimentieren und Hinwendung zu Esoterik und transzendentalen Erfahrungswelten spielen eine gewichtige Rolle in ihren Biografien – und ihrem literarischen Werk. Wichtige Inspirationsquellen waren Freunde wie Neal Cassidy, Vorbild unter anderem für die Hauptfigur in Kerouacs On the Road, und auch Joan Vollmer und Edie Parker, die Ehefrauen von Burroughs und Kerouac. Alkohol sowie Drogen aller Art werden zwecks Bewusstseinserweiterung ausprobiert, deren Wirkung wird ausführlich, wortreich und detailliert illustriert.

Ein großer Teil der Werke landet vor Gericht. Die Vorwürfe lauten: Obszönität, explizite Gewalt und Freizügigkeit. Formal sind die Bücher der Beat Poets äußerst unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen allerdings die Getriebenheit. Stakkatoartige Wortschöpfungen, rasche Aneinanderreihungen wortgewaltiger Kaskaden von Gefühls-, Erlebens- und Daseinsbeschreibungen, in schnellem, getriebenem Rhythmus skandiert, prägen die Beat Poetry. Für die moderne Subkultur scheint die Initialzündung einer neuen Gesellschaftsordnung gegeben. Die Beat-Bewegung verselbstständigt sich rasch. Rebellische Figuren, schlampig, "beat" – also "heruntergekommen" – gekleidet, in existenzialistischem Schwarz, grüblerisch, drogen- und alkoholerfahren. Jazz- und poesiebesessene Typen, die den vorgegebenen "way of life" nicht bedingungslos akzeptieren, werden eine neue Kategorie im amerikanischen Film. Marlon Brando in The Wild One oder James Dean in Rebel Without a Cause zeugen vom Einzug der "Beatniks", der "Hipsters" in den amerikanischen Alltag. Im existenzialistischen, künstlerischen Milieu gehören die Werke der Beat-Generation zum unverzichtbaren Accessoire einer antibürgerlichen, exklusiven Gegenkultur.

Insubordination & Flucht

Allen Ginsbergs wichtigstes Gedicht, zugleich auch eines der Hauptwerke der Beat-Generation, ist das 1956 publizierte The Howl (Geheul). Ginsberg beschwört darin mit beinahe hypnotischer Monotonie, in stakkatoartigem Rhythmus, in Tonalität und Klang eines Gebetes, einer Hymne ein anderes Amerika, eine andere Welt, eine andere Gesellschaft. Heute, aus historischer Sicht und unter Vernachlässigung der heute beinahe lächerlich wirkenden Vorwürfe der sexuellen und sozialen Obszönität, bleiben vor allem Einflüsse der frühen europäischen und amerikanischen Moderne bestehen. In Form einer Hymne ist der Beginn einer Protestbewegung hör- und spürbar. Der Klang, der Rhythmus des Gedichtes wird oft in Texten und Popsongs modifiziert und zitiert. Bob Dylan und Leonard Cohen zählen in den 60er-Jahren zu engen Freunden Ginsbergs. Mit dem Verleger und Dichter Lawrence Ferlinghetti bilden sie eine Gruppe, die sich vor allem um die Freiheit der Kunst, der Meinungsäußerung bemüht.

Während sich der Mainstream der neuen Werte bedient, sie sich nutzbar macht, durchleben die Autoren auf ihren Irrfahrten quer durch Amerika, Mexiko, Europa, Marokko und wieder Amerika die Höllenfahrten ihrer Ideale. Teils auf der Flucht vor dem Gesetz, teils auf der Flucht vor den Dämonen der Drogen- und Alkoholexzesse, mittellos, berauscht von Unabhängigkeit, befreit von Skrupeln in jeglicher Hinsicht.

Anfang der 50er-Jahre entwickelt Burroughs, beim Schreiben seines Hauptwerkes Naked Lunch, zusammen mit Kerouac und Ginsberg, die "Cut-up"-Methode. Er schreibt komplette Kapitel, zerschneidet sie in einzelne Sequenzen und ordnet sie nachher neu. In dieser Technik entsteht auch die Nova-Trilogie. Der Gedanke dazu ist, mit dieser Methode jedem Leser die Möglichkeit des persönlichen Zugangs in Einzelsequenzen zu gewährleisten. Als Naked Lunch<7i> 1959 erscheint, wird das Buch, wegen expliziter Darstellungen sexueller Obsessionen und Gewalt, in vielen Bundesstaaten der USA verboten. In den 60er-Jahren übersiedelt Burroughs nach London, später nach New York, wo er mithilfe von Ginsberg am City College Lehrer für "Creative Writing" wird. Kontakte zu Andy Warhol, dessen Factory sowie zu Mick Jagger, Susan Sontag, Patti Smith und Dennis Hopper folgen.

Dennis Hopper ist einer der jungen Schauspieler Hollywoods, die sich selbst in der Philosophie der Beatniks erkennen. Jack Nicholson, eng befreundet mit Richard Brautigan, einem aufgrund seiner surreal anmutenden grotesken Romane und Gedichte beliebten Hippie-Literaten der kalifornischen, studentisch-intellektuellen Subkultur, schreibt das Script zu dem 1967 unter der Regie von Roger Corman gedrehten Film The Trip. Subjektive Selbstwahrnehmung und Halluzination infolge LSD- und Marihuana-Konsums werden mittels surrealistischer Bilder und psychedelischer Musik thematisiert.

Vorlage für diesen wie auch den 1969 folgenden, unter der Regie von Dennis Hopper zum Kultfilm gewordenen Easy Rider mit Peter Fonda, Jack Nicholson und Hopper selbst in den Hauptrollen sind On the Road sowie diverse Shortstorys Kerouacs. Die Imagination von Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit im "land of the free" ist ständiges, bis heute gültiges Thema der Populärkultur.

Ausweglosigkeit

Die Protagonisten der Beat-Generation erleben nur partiell ihre Erfolge. Der ewig getriebene Jack Kerouac stirbt, verbittert, 1969 an den Folgen seines Alkohol- und Drogenkonsums. Neal Cassidy wird 1968 in Mexiko neben den Geleisen einer Eisenbahn tot aufgefunden. Die Umstände seines Ablebens blieben ungeklärt. Richard Brautigan, der Einzelgänger zwischen Ausweglosigkeit und Alltagspoesie, begeht 1984, zermürbt von anhaltender Erfolglosigkeit, Selbstmord. Allen Ginsberg hingegen erfährt intellektuell-universitäre Anerkennungen und Ehren als Literat. Sowohl in seinen gesellschaftspolitischen Engagements in der Bürgerrechts- und der Friedensbewegung als auch im Kampf um die gesellschaftliche Anerkennung von Homosexualität und Religionsfreiheit zählt Ginsberg bis zu seinem Tod, 1997, zu den intellektuellen Ikonen und Instanzen der US-Gesellschaft.

Einer Berg- und Talfahrt gleicht das Leben William S. Burroughs. Er erschießt 1951 im Drogenrausch beim Nachstellen der "Wilhelm-Tell-Apfel-Szene" in Mexiko seine Frau; mithilfe von Ginsberg und Kerouac gelingt die Darstellung des Todes als Unfall. Nach dem Freispruch folgen Jahre auf Reisen, quer durch Europa, Afrika und den amerikanischen Kontinent. Jahrelang zieht sich Burroughs komplett zurück, experimentiert mit Drogen, wendet sich dem Zen-Buddhismus, später Scientology zu und schreibt 1971 visionäre Texte über die Veränderung des menschlichen Lebens durch moderne Elektronik. 1997 stirbt er an den Folgen eines Herzinfarkts.

Sollte Charles Bukowski mit der Bezeichnung "Last Generation" letztendlich recht behalten? Bezugnehmend auf die verlorene "Lost Generation" der Zwischenkriegszeit und die müde, heruntergekommene "Beat-Generation", bezeichnet er seine, die nachfolgende Schriftstellerriege als letzte, als "Last Generation". Sind nachfolgend nur selbstbestimmte, egozentrierte Individualisten, ohne Bezug auf Kollegen und Gesellschaft, am Werk? Den literarisch-philosophischen Hintergrund der 68er-Protestbewegungen, jenseits politischer Pamphlete, bilden oftmals, neben Hermann Hesses Glasperlenspiel<7i>, die Werke der Beat-Poeten. Heute sind viele Forderungen der studentisch-intellektuellen Revolutionäre der späten 60er-Jahre selbstverständlich. Viele der damals initiierten Veränderungen – Gleichberechtigung, unabhängig von Geschlecht, Rasse und Religion, Selbstbestimmung des Individuums, Anerkennung von Homosexualität, Bürgerrechte, Persönlichkeitsschutz, die Fristenlösung und vieles mehr – sind heute zur Norm mutiert.

Berühmt-berüchtigt<7b>

Unzählige Künstler beziehen sich bis heute, direkt und indirekt, auf die Literaten der Beat-Generation. Zeitgenossen wie Leonard Cohen, Bob Dylan und Sam Shepard, zahllose Popmusiker, Songwriter, Literaten, vor allem der Independent-Szene, zitieren deren Werke und Titel, imitieren deren Klang und Sprache. Charles Bukowski aus der Sicht des Underdogs, Boris Vian und Serge Gainsbourg als Bourgeois. Kollaborationen von Robert Wilson, Tom Waits, Kurt Cobain, U2, Laurie Anderson, David Cronenberg oder Gus Van Sant mit den Beat-Poeten sind Beispiele dieser Nachwirkungen. Aber auch Jazzmusiker wie Charlie Parker, bildende Künstler wie Jackson Pollock und Andy Warhol nennen die Beatniks als prägenden Einfluss. Zitate berühmt-berüchtigter Titel und Texte finden sich bis heute in Festival- und Bandnamen. Marc Almonds New-Wave-Band Soft Cell ist ebenso Zitat wie die Wiener Band Naked Lunch oder der Name Steely Dan der 70er-Rockband, der sich auf einen in Naked Lunch beschriebenen Stahldildo bezieht. Und im Jahr 2008? Wahrscheinlich in derselben Unkenntnis, wie Legionen von Jugendlichen das hochpolitische Statement eines Palästinensertuches als modisches Accessoire benutzen, eröffnete neulich in Wien ein Fastfood-Lokal unter dem Namen Naked Lunch. Höchste Zeit, die Originaltexte wieder zu lesen oder aufs Neue zu entdecken.

Eine These zum Abschluss: Begründet im ansteigenden Skeptizismus bezüglich Globalisierung und reinem Kapitalismusstreben, einer beinharten Arbeitswelt und rein utilitaristisch orientierten Leistungsgesellschaft, in der die geforderten Spitzenleistungen und sozialen Anforderungen zunehmend nur mithilfe von Doping und Drogen zu bewältigen sind, finden alternative Lebensformen und Philosophien erneut regen Zulauf. So gesehen ist eine Umkehr Richtung Spiritualität, eine Reduktion auf das Wesentliche, auf soziale und natürliche, naturgegebene Werte und Wertigkeiten, ein Hinterfragen tradierter Gewohnheiten und Bestrebungen sowie eine neue geistige Revolution der Gesellschaft nur eine Frage der Zeit. Hoffentlich. (Gregor Auenhammer, ALBUM/DER STANDARD, 05/06.04.2008)

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    Die Protagonisten der Beat-Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs am Riverside Drive, New York City, 1944.

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