Als Spießer zu Spontis wurden

11. April 2008, 12:49
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Unbegreiflich, was in 365 Tagen alles passieren konnte: Vier Bücher zu einem Jahr, das die Welt veränderte – wenn auch nicht so, wie es sich viele vorgestellt hatten

Rainer Langhans hatte seinen ersten Geschlechtsverkehr kurz vor 1968. Er war damals ein Student in Berlin, mit einer Menge anderer jüngerer Menschen teilte er eine Annahme: "Hier in dieser Gesellschaft läuft vieles falsch, eigentlich alles, auch konkret politisch." Im Sozialistischen Studentenbund Deutschlands (SDS) begegnete er einem Mädchen namens Birgit, Germanistin, Haarschnitt wie Jean Seberg.

Mit ihr konnte Rainer Langhans über Probleme reden, das Einverständnis ging bald weiter. "Komm, sagte sie zu mir. Jetzt muss es sein. Ich zeige dir das. Sie hatte ein winziges Zimmer im Dachgeschoss. Es gab kein fließendes Wasser. Man pinkelte in einen Eimer, den man über eine Stiege runter in den Hof bringen musste. Unter dem Dachbalken stand ihr winziges Bett. Dort passierte es. Sie hat es sehr schön, sehr zärtlich, sehr behutsam mit mir gemacht. Mein erstes Mal."

Noch ganz privat

Die Episode aus den eben erschienenen Erinnerungen von Rainer Langhans Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre ist deswegen von Interesse, weil hier das Private noch ganz privat bleiben darf. Schon wenig später galt die Devise, dass das Private das Politische sei und umgekehrt. Die Feministin Helke Sander stellte an den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen die programmatische Frage: Warum sprecht Ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?

Wenn die umfangreiche Literatur zum Kulminationsjahr 1968 einen gemeinsamen Nenner hat, dann ließe er sich vielleicht in dieser Neubestimmung finden. Das Jahr der Revolte, das Jahr, in dem Sexualität und Klassenkampf durch den Titel eines vielgelesenen Buches von Reimut Reiche auf eine gemeinsame Agenda gerieten, das Jahr der Krise der westlichen Demokratien war ein Jahr der vielfachen Verwandlungen: Spießer verwandelten sich in Spontis, zum ersten Mal konnten persönliche biografische Durchbrüche in größerem Stil historisch werden.

Deswegen ist es durchaus angebracht, einen kleinen Literaturbericht zu der Reevaluierung des Jahres 1968 im Jahr 2008 mit einem Erinnerungsbuch zu beginnen. Rainer Langhans war damals überall dabei, die Kommune 1 ist in der populären Rezeption viel stärker mit den Achtundsechzigern verbunden als der Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus, der im selben Jahr stattfand und die Initiation für die erste Generation des westdeutschen Terrorismus darstellte.

Die Kommune 1 hatte zwar auch schon mit Anschlägen kokettiert (ein "Pudding-Attentat" auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey im April 1967 wurde nicht durchgeführt, die umfangreiche Beimischung von LSD zum Berliner Trinkwasser erschien wohl nur plausibel, solange man selbst auf einem Trip war), sie beließ es aber noch weitgehend bei der Andeutung subversiver Aktionen.

Für Rainer Langhans liegt hier auf jeden Fall ein Schlüssel für die weiteren Ereignisse: "Der größte Fehler der ganzen Bewegung: dass sie nicht daran gearbeitet hat, dieser Versuchung zu widerstehen." Der Versuchung, Krieg zu spielen.

Geheimes Magnetfeld

Ganz ähnlich, wenn auch analytischer, sieht der Politologe und Zeithistoriker Wolfgang Kraushaar die Sache in seinem Buch Achtundsechzig. Eine Bilanz. "Die Gewalt war das geheime Magnetfeld der Achtundsechziger." Er entdeckt dafür die ersten Anzeichen schon in einem harmlosen Film wie Zur Sache, Schätzchen von May Spils, der im Sommer 1967 in Schwabing spielt, wo es eigentlich keinen Grund geben sollte, zur Waffe zu greifen, in dem jedoch dauernd mit einer Pistole herumhantiert wird. "So’n Ding hat ne fiese Ausstrahlung", heißt es in dem Film. Der Krieg in Vietnam lieferte der sich herausbildenden Militanz die Vorbilder wie die Legitimation. Was Jürgen Habermas noch als "Techniken der begrenzten Regelverletzungen" beschrieb, ging bald weit darüber hinaus. Der Philosoph, der deutliche Kritik an der Studentenbewegung übte, sah auch die ödipale Energie, von der viele Achtundsechziger angetrieben wurden – sie leisteten Widerstand gegen den Imperialismus und konnten das eigene Größenselbst dabei an die globale Lage anschließen. Dadurch wurde es gleich noch viel größer.

"Die Militanz nährte den Narzissmus", schreibt Wolfgang Kraushaar. Vierzig Jahre später bietet diese Facette der Achtundsechziger jede Menge Angriffsfläche für Vertreter einer konservativen Wende. Sie wollen das Stilgemisch und die transgressive Energie, die sich im 1968 begonnenen Marsch durch die Institutionen nicht ganz verloren haben, zu den einzigen Inhalten der Achtundsechziger erklären, und setzen dagegen eine prekäre Mischung aus Rückkehr zur Nation, zur Natur und zur Gewalt (der Verhältnisse). Fast immer ist in diesen Texten auch ein versteckter Neid zu erspüren, darauf, dass 1968 nicht nur ein ereignisreiches Jahr war, sondern dass die Zeitgenossenschaft in diesem "vielleicht, vom Jahr der Französischen Revolution abgesehen, dichtesten Jahr der Weltgeschichte" (Peter Sloterdijk mit dem angemessenen Pathos eines Zeitgenossen) tatsächlich eine Generation traf, die zu den glücklichsten in der Geschichte gehört – in den westlichen Demokratien, wohlgemerkt, denn das Jahr 1968 fand ja auch in den restlichen Ländern der Erde statt. Zum Beispiel in der Tschechoslowakei, wo der Prager Frühling niedergeschlagen wurde.

"Ich begreife nicht, wie in 365 Tagen überhaupt so viel passieren konnte", schreibt Hans Magnus Enzensberger in dem von Rudolf Sievers herausgegebenen Band 1968. Eine Enzyklopädie aus dem Suhrkamp Verlag, der mit seinen Büchern selbst ein wesentlicher Bestandteil von 1968 war (und deswegen für die entsprechende Enzyklopädie kaum Ausgaben für Textrechte hatte, sie liegen fast alle im eigenen Haus). Peter Sloterdijk hebt hervor, dass im Rückblick ein erster "Ernstfall der Globalisierung" erkennbar ist – mit dem Ende der Kolonialreiche und dem eskalierten Stellvertreterkrieg in Vietnam gab es plötzlich jede Menge Bezugspunkte für die frei flottierenden Identifikationsenergien einer vom eigenen System enttäuschten Jugend. Weltweit gingen die Studenten auf die Straße, in Japan und in Paris, in den USA und in Berlin, wo der Tod von Benno Ohnesorg am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien zu einer Initialzündung wurde. Nun fühlten sich die Studierenden noch mehr im Recht gegenüber den "Bullenschweinen" und dem System, das sich hinter seiner Exekutive verschanzte.

Immer ging es dabei ums Ganze – um den Staat vor der eigenen Haustür und um das Weltsystem, in das er eingebunden war. Wolfgang Kraushaar spricht von "Maximalisten", und meint damit jene Gruppen, denen die Provokation nicht weit genug gehen konnte – erst wenn die Autoritäten dazu gezwungen wurden, ihr wahres Gesicht zu zeigen, würde das System zusammenbrechen. Dagegen wollten die "Gradualisten" eine Politik der möglichen Schritte – für Helke Sander zum Beispiel lief die große Frage der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zuerst einmal auf die Gründung von selbstverwalteten Kindertagesstätten (Kitas) hinaus. Schon allein des umfangreichen Dokumentenmaterials wegen, das Wolfgang Kraushaar eingearbeitet hat, wird sein Buch für jede Beschäftigung mit der "Kulturrevolution" von 1968 eine wichtige Ausgangsposition sein.

Daneben erweist sich aber, dass die Form des Lesebuchs oder der Enzyklopädie diesem "Puzzle" besonders angemessen ist. Für den kleinen österreichischen Promedia Verlag hat Angelika Ebbinhghaus die Textsammlung Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte herausgegeben. Hier sind – neben einer sehr verdienstvollen Übersicht über die Lage in den einzelnen Ländern im Zeitraum zwischen 1960 und den frühen Siebzigerjahren – zahlreiche einzeln schwer auffindbare Klassiker der Agitation und der Argumentation aus den Sechzigerjahren nachgedruckt, aus denen sehr deutlich wird, warum zum Beispiel der amerikanische Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein von einer Revolution im Weltsystem sprechen kann: die amerikanische Hegemonialmacht diente als vereinheitlichender Faktor in einer Deutung des globalen Zusammenhangs. Die Linke musste sich in diesem Zusammenhang neu definieren. Das vielzitierte Wort "Trau keinem über dreißig" gilt für Wallerstein vor allem für Neuansätze in der linken Analyse der Ziele einer erneuerten Arbeiterbewegung.

Nicht zufällig endet der Textteil des Buches von Angelika Ebbinghaus mit Antonio Negri, dem in den vergangenen Jahren zu neuer Bekanntheit gekommenen Theoretiker des Empires und der Multitude, dessen intellektuelle Wurzeln hinter das Jahr 1968 zurückreichen.

In seinem Bericht über die Arbeitskämpfe in Porto Marghera 1960–1969 stehen die Gewerkschaften, die nur in die "Verwaltung des Plans" verstrickt sind und "einfach auf mehr Entwicklung" setzen, eindeutig auf der falschen Seite. Die autonome Linke hat ganz andere Vorstellungen: "Was man nun zur Diskussion zu stellen beginnt, ist die Organisation des ‚Arbeitstages‘. Es geht um die Frage, inwiefern die Verpflichtung, jeden Tag zur Arbeit zu erscheinen, gerechtfertigt ist, und um die Verurteilung des ‚Todesregimes‘, d. h. der unglaublichen Gesundheitsschädlichkeit, die in den Fabriken herrscht."

Die Erfahrungen der italienischen Arbeitskämpfe geistern heute noch durch die intellektuelle Literatur (zum Beispiel bei dem gerade schick werdenden Philosophen Paolo Virno), allerdings weniger deswegen, weil sie politischen Erfolg hatten, sondern weil sie einen kulturellen Bezugspunkt bilden – das soziale Ereignis wirkt nachhaltig, gewisse Formen des Zusammenseins und des Heraustretens aus dem gesellschaftlichen Regime bilden heute einen utopischen Horizont für eine Generation, der bald nach 1968 eine Wirtschaftskrise die weltweiten Realitäten deutlich machte. Was für die Achtundsechziger noch weitgehend eine Globalisierung des Identifikationspotenzials war, wurde schon bald ganz konkret: zuerst kam die Rohstoffkrise der Siebzigerjahre, dann kam die Arbeitskonkurrenz durch die Niedriglohnländer, und nun noch die Erderwärmung.

Die Revolte von 1968 brachte keine revolutionäre Veränderung der Welt auf Systemebene. Rudi Dutschkes euphorischer Satz "Geschichte ist machbar" wurde vielfach widerlegt, und hat doch einen wahren Kern, den Wolfgang Kraushaar in dem letzten Brief von Theodor W. Adorno an Herbert Marcuse formuliert findet: "Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der Letzte zu unterschätzen: sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen."

An dieser Unterbrechung arbeiten die Angehörigen der "Protest- und Wohlstandsgeneration" bis heute in vielen Bereichen, vom Bioladen bis zum alternativen Investmentfonds. Und ihre Kinder müssen nicht selten mit Eltern klarkommen, die auch im fortgeschrittenen Alter noch so sprechen wie Rainer Langhans am Ende seines Erinnerungsbuchs: "Irgendetwas habe ich hier noch zu tun. Ich denke, dass ich es rausfinden werde." (Bert Rebhandl, ALBUM/DER STANDARD, 05/06.04.2008)

Rainer Langhans: "Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre", € 20,50/256 Seiten Blumenbar Verlag München 2008.

Wolfgang Kraushaar: "Achtundsechzig. Eine Bilanz", € 20,50/334 Seiten, Propyläen Verlag Berlin 2008.

Angelika Ebbinghaus (Hg.): "Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte", € 12,90 208 Seiten, Promedia Verlag Wien 2008.

"1968. Eine Enzyklopädie", zusammengestellt von Rudolf Sievers, € 18,50 Euro/489 Seiten edition suhrkamp Frankfurt/Main 2008.
  • Artikelbild
    cover: blumenbar
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