Die globalisierte Rebellion

23. Juni 2008, 23:19
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Es begann als Protest gegen die verzopften Strukturen der Universitäten - Gerfried Sperl über 1968 in Berlin, Paris bis Graz

Was heute unter der Chiffre „1968“ firmiert, begann für die breitere deutsche Öffentlichkeit bereits am 2. Juni 1967: Im Verlauf einer Anti-Schah-Demonstration kam der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel zu Tode. Die folgenden Demonstrationen und ihr Höhepunkt im Jahr darauf, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April, dem Gründonnerstag, in Berlin waren eine Ausweitung der Rebellion. Zugleich jedoch die Einengung der Betrachtung: Studentische Horden, die sich sowohl von ihren Eltern als auch von ihren Professoren lossagten, Pflastersteine in die Hand nahmen und damit gegen Polizei und Springer-Presse vorgingen. Angetrieben wurde diese „Neue Linke“ vom Spiegel und anderen Medien.

Die Ansätze der Rebellion waren fast überall die gleichen: Das mittlerweile verkrustete Humboldt’sche System, dominiert ausschließlich von den Professoren, ließ keine Änderungen zu. Kritik an Lehrveranstaltungen (man nennt das heute „Evaluierung“) war verpönt. Geschlechtertrennung in den Studentenheimen war die Regel. Politische (Protest-)Veranstaltungen auf dem Universitätsgelände waren verboten.

All das begann sich seit Beginn der 60er-Jahre aufzustauen. Die Professoren und die Politik wehrten ab, die erdrückende Mehrheit der Zeitungen nahm davon keine Kenntnis. Es passierte, was in solchen Situationen geschieht: Nach und nach gewannen Radikale in den Studentengremien die Oberhand. Die Verknüpfung mit dem Vietnamkrieg, der Dritten Welt und der Anti-Schah-Bewegung sorgte überall für ein glühendes Biotop. Die „Bullen“ wurden als Instrument der Staatsmacht zum erklärten Feind, Bespitzelung und Hausdurchsuchungen oder periodische Festnahmen (Rudi Dutschke wurde bei jeder Flugzeugankunft überall in Europa hopsgenommen) waren weitere Reaktionen „des Systems“. Als es die ersten Toten gab, kam erst der Aufschrei. Zu spät. Denn in dieser Konfrontation ging der Reformwille (einer Mehrheit) gegenüber den Umsturzfantasien (einer eklatanten Minderheit) unter. Hervorgegangen aus diesen Konflikten ist eine reformierte Universität und die Fernwirkung auf die grüne Politik, die – ebenso wie die Frauenbewegung – aber kein unmittelbares Produkt der 68er-Bewegung ist.

Berlin begann 1962 in Bingen am Rhein. Lothar Krappmann, der Vorsitzende der deutschen Studentenschaften, stellte ein Memorandum zur Zukunft vor. Der Titel „Studenten und die neue Universität“. Ihr Inhalt: Abschaffung der bisherigen Fakultäten, radikaler Umbau der Verwaltung, Mitbestimmung der Studenten und des nichtwissenschaftlichen Personals bereits an den Instituten, Zuerkennung des allgemeinen politischen Mandats der Studenten (das bedeutet, Studentenvertretungen verstehen sich als eine Art Gewerkschaft).

Die Professorenschaft weigerte sich, auch nur kleine Teile dieses Katalogs an Forderungen zu realisieren, die Politik (bis hinein in die SPD) solidarisierte sich ebenso wie die große Mehrheit der Zeitungen mit den akademischen Lehrern. Studentische Charismatiker begannen, atmosphärisch unterstützt durch die Unruhen an der University of California in Berkeley 1963/64, nach theoretischen Hilfsmitteln zu suchen – und sie fanden sie in der neomarxistischen Literatur ebenso wie in zahlreichen scharfen Analysen, welche die Verzopfungen der „Ordinarienuniversität“ auflisteten.

Sie wurden unterstützt durch die zeitgeistigen Aufbrüche, das Schwinden der Abhängigkeitsverhältnisse der Frauen durch die Einführung der Pille (1961), die Entmachtung der Elternhäuser durch das Transistorradio und den Motorroller. Diese plötzliche technische und geografische Unabhängigkeit führte zu einem vollkommen veränderten und erstarkten Selbstbewusstsein. Und die Universitäten mutierten nach und nach zum Austragungsort dieses neuformulierten Klassenkampfes. Berlin war dazu noch ein symbolischer Ort: Die Stadt der Mauertrennung zwischen Ost und West, wo man das politische Mandat besonders gut demonstrieren konnte. Zum Beispiel bei Besuchen von US-amerikanischen Politikern, die an der Mauer von „Freiheit“ sprachen, aber in Vietnam Krieg führten; in Berlin von „Freiem Handel“ redeten, aber in Asien, Afrika und Südamerika die Agrarpreise drückten.

Noch eine weitere Spezialität hatte Berlin: und zwar die Erfindung der Kommunen. Die „Kommune 1“ (1967 bis 1969) beherbergte nicht nur die heute noch berühmten Exponenten der freien Liebe wie Rainer Langhans und Uschi Obermaier, sondern eine Reihe von Mitgliedern, die den Kern der „Roten Armee Fraktion“ bildeten (u.a. Kunzelmann und Baader). Rudi Dutschke war ein erklärter Gegner der freien Liebe. Er wählte die sehr traditionelle Form der Ehe.

Paris war genauso wie Berlin oder Berkeley, London oder Mailand mit dem Erwachen einer „skeptischen Generation“ (Hans Schelsky) konfrontiert. Dazu kamen zwei Faktoren. Zunächst die politische Situation: Nach zehn Jahren der Regierung Charles de Gaulle schien das Land politisch erstarrt. „Frankreich langweilt sich“, schrieb die Zeitung Le Monde Mitte März 1967.

Unter der erstarrten Decke schwelte jedoch der Konflikt, welcher sich seit dem Ende des Algerienkriegs 1962 zusammengebraut hatte – eine Kolonialismusdebatte kombiniert mit den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die auch zur Verhaftung von Studenten führten. Noch wichtiger war die Situation der Universitäten: Zwischen 1957 und 1967 hatte sich die Zahl der Studierenden in Frankreich auf 500.000 verdoppelt. Darauf antwortete die Regierung nicht mit strukturellen didaktischen Veränderungen, sondern mit Neubauten, darunter Nanterre, sowie mit einer Straffung der Führungsspitzen, was Daniel Cohn Bendit die „Kasernierung einer ganzen Generation“ nannte.

Der erste Aufruhr: Im November 1967 streikten faktisch alle Studierenden aller Universitäten. Am 22.März 1968 konstituierte sich in Nanterre die Bewegung 22.März, ihr Anführer wird „Dany le Rouge“, der spätere Europa-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Wie überall waren die Wortführer meist exzellente Studenten (oft der Soziologie), wie überall waren die Forderungen zunächst gemäßigt: Gegen Frontalunterricht, gegen rigide Abfrageprüfungen, gegen Massenvorlesungen. Für eine Demokratisierung der Universität, für politische Diskussionen an den Unis selbst. So wie anderswo wurden diese Forderungen zurückgewiesen, die Gangart der Studenten wurde _radikaler. Ganz anders als in Berlin weitete sich aber hier die Rebellion über Streiks der Renault-Arbeiter zu einem Generalstreik sowie zu einer Staatskrise aus. Die Herrschaft General de Gaulles war erschüttert.

Warschau erlebte im März 1968 Studentenunruhen der anderen Art. Wie in Paris, wie in Berlin waren sie gegen die Mächtigen des Staates gerichtet, fanden aber den Applaus vieler westlicher Kommentatoren – schließlich waren die Adressaten die Statthalter der sowjetischen Diktatur. Dass sie das Gomulka-Regime von links kritisierten (beeinflusst vom Prager Frühling) wurde kaum reflektiert, von der Öffentlichkeit ignoriert. Begonnen hatte der Warschauer Aufruhr mit Protesten gegen die Absetzung des umjubelten Mickiewicz-Dramas Totenfeier vom Spielplan der größten Warschauer Bühne. Immerhin handelt das Stück aus der Romantik von einem Aufstand gegen Russland.

Rollkommandos offiziell „aufgebrachter Studenten“ (Presseberichte) drangen auf das Uni-Gelände vor, die Polizei nahm aber die sich wehrenden Studenten fest, allen voran Adam Michnik, der damit neben Cohn-Bendit und Dutschke zur dritten westeuropäischen Leitfigur der 68er wurde. Parteichef Gomulka verknüpfte die Niederschlagung mit einem „Kampf gegen den Zionismus“, weil die wichtigsten Rädelsführer aus jüdischen Familien stammten. Michnik, später Herausgeber der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza, wurde zu drei Jahren Haft verdonnert. Ein anderes Resultat der antisemitischen Kampagne: 20.000 jüdische Polen verließen das Land, meist Studenten und junge Intellektuelle.

Prag 1968 (Aufstieg und Niederschlagung des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“) ist für den Verlauf der europäischen Geschichte wahrscheinlich der wichtigste Schauplatz überhaupt. Der „Prager Frühling“ und seine Entstehung haben mit der Studentenrebellion nur einen Teil seines theoretischen Hintergrunds gemeinsam: nämlich Lehrende an der Karls-Universität, die Texte westlicher Marxismuskritiker wie die der „Frankfurter Schule“ zu Gesicht bekamen oder Philosophen wie Milan Machovec, die im Rahmen der „Paulus-Gesellschaft“ im Westen diskutierten und neues Gedankengut mitbrachten. Vieles lief auch über die damals erst acht Jahre alte Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Mailand und andere italienische Städte erlebten Studentenunruhen nach Berliner und Pariser Vorbild. Die Demo-Szene verwandelte sich hier sehr rasch in ein terroristisches Verschwörermilieu. Prominenteste Figur war der Verleger Feltrinelli, der – nach einem Bericht von Gaston Salvatore – Rudi Dutschke einen Bombenkoffer übergab. Dutschke und Co machten davon jedoch keinen Gebrauch und deponierten ihn auf einem Dachboden.

Ganz anderer Art aber war die Besetzung der Mailänder Architektur-Triennale – als Aktion gegen das Diktat der herrschenden Baukultur und Auftragsvergabe. In Italien wirkten immer noch die persönlichen Netzwerke aus der Zeit des Faschismus und Postfuturismus nach. Die dritte Säule des italienischen Aufbegehrens war der Film – mit nachhaltigen künstlerischen Ergebnissen. Stärkster Exponent dieser Phase: Bernardo Bertolucci. Er drehte 1968 insgesamt vier Filme. Der aufregendste war Partner nach dem Dostojewski-Roman Der Doppelgänger und mit der Filmmusik von Ennio Morricone. In einem Interview für mehrere Zeitungen sagte Bertolucci im Herbst 2007: „1968 hielten wir Sex für politisch. Ich entwickelte eine Theorie, derzufolge die Positionen der Kamera wie Stellungen beim Sex waren.“

Die Grundüberlegung des neuen Denkens sei gewesen: „Wenn man abends schlafen ging, wusste man: Ich wache nicht morgen auf, sondern in der Zukunft. Heute höre ich kaum noch junge Leute, die von der Zukunft sprechen.“

London erlebte ebenfalls Demonstrationen, aber die Uni-Zentren liegen außerhalb. In Cambridge und Oxford gab es nur kleinere Sit-ins. Gewaltaktionen kamen von der „Angry Brigade“, deren kleine Bombenattacken vor allem gegen Banken gerichtet waren und der 1972 der Prozess gemacht wurde. Ein Mitglied wurde später Regierungsbeauftragte für Frauenfragen.

Die dominante Jugendkultur war musikalisch durchwachsen, sie war auch eine Widerstandskultur, wie sie sich beim Megakonzert der Rolling Stones 1968 im Londoner Hyde-Park manifestierte. Street Fighting Man wurde zum weltweit gefeiertsten Rock-Song, an dem sich unzählige andere orientierten. Stärker beeinflusst von den USA als vom Kontinent, überzogen die Lebensart der Hippies und die Drogenkultur das Konsumverhalten der jungen Menschen.

Auch das wurde zu einem bleibenden Aspekt der 68er-Bewegung, weil daraus rasch ein Riesengeschäft für die Musikindustrie aber auch für die internationalen Drogenkartelle wurde. „Die Veränderung ist das Erbe der 68er“, sagte Daniel Cohn-Bendit im Standard-Interview am 15.März 2008. Die 68er sind mit ihren politischen Vorstellungen gescheitert – sieht man ab von den Fernwirkungen auf die grünen und alternativen Bewegungen. Ihr konkretester Erfolg waren die Hochschulreformen, die sich in Österreich am stärksten an die studentischen Vorschläge hielten. Mitbestimmung, Abkehr vom traditionellen Fakultätsprinzip und stärkere Forcierung des Seminarbetriebs sind die wichtigsten Auswirkungen.

Die Entwicklung alternativer Lebensstile, Instrumente wie Bürgerinitiativen und die Loslösung der Frauen aus der autoritären Umklammerung durch die Männer sind drei der markantesten Resultate der 60er-Jahre. Nicht „erfunden“ von den 68ern, aber angestoßen von ihnen und der parallel entstandenen Frauenbewegung.

Wien und Graz waren kleinere, jedoch heute noch unterschätzte Nebenschauplätze. Theoretisch und praktisch kamen den internationalen Entwicklungen die Gegendemonstration zum 1. Mai 1968 der SPÖ in Wien (mit zahlreichen Verhaftungen) nahe, weiters auch die Störungen des Wiener Uni-Betriebs durch Besetzungen und Demos unter der Führung von Peter Kowalski (heute Sektionschef) und Silvio Lehmann („Republikanischer Klub“) sowie neben kleineren eine große Grazer Demo, bei der Helmut Strobl („Aktion“, späterer Stadtrat der ÖVP) und ein kommunistischer Student verhaftet wurden.´ In Graz hatten sich mehrere typische 68er-Elemente früher ereignet. Bereits 1964 war der eben aus den USA nach München berufene Physik-Nobelpreis-Träger Rudolf Mößbauer auf Einladung der Hochschülerschaft (und des Landeshauptmanns Krainer!!!) für die Abschaffung der Fakultäten und die Einführung von Departments eingetreten. Wilde Professorenproteste waren die Folge. Im Jahr 1967, kurz nach dem Start von Vorlesungskritiken in Berlin, begann die „Aktion“ damit auch in Graz. Wegen der Publikation eines „Mangelkatalogs“ wissenschaftlicher Arbeiten auf Professorenseite musste der Studentenchef Gerd Lau Graz verlassen und in Innsbruck weiterstudieren.

Was den Schauplatz Wien ziemlich einmalig macht, ist die 68er-Verknüpfung zwischen Kunst und Revolution. Der skandalöse Höhepunkt: Die „Uni-Ferkelei“ im Juni im Hörsaal1 der Universität. Veranstalter: Der SÖS, eine VSStÖ-Abspaltung. Die Akteure: Günther Brus, Oswald Wiener und der „Aktionismus“-Gründer Otto Mühl, der kurz darauf die Kommune Friedrichshof gründete. Als Antwort auf die „Uni-Ferkelei“ inszenierte der Grazer Chemie-Student Matthias Wabl (heute Professor in San Francisco) eine „Bußfahrt“ mit einem Boot in der Mur. Diese entpuppte sich jedoch rasch als Unterstützungsaktion für Brus, Wiener und Co. Der mehrere Monate in der Berliner Kommune1 lebende Robert Schindel gründete schließlich auch in Wien eine Kommune, ohne sich freilich Otto Mühl anzuschließen. Sie mündete wie anderswo in die heute noch aus Kostengründen günstigen Wohngemeinschaften. (Gerfried Sperl, DER STANDARD-Printausgabe, 5.4.2008)

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    Berlin 1968

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