Die Kinder von Torremolinos

5. April 2008, 16:58
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Aussteiger und Sinnsuchende wollten alle in dieses eine Dorf an der Costa del Sol. Sie vermuteten dort Freiheiten, wie sie James A. Michener in seinem Roman aus dem Jahr 1971 versprochen hatte

Das Wachtürmchen, das dem andalusischen Torremolinos gemeinsam mit längst verschwundenen Windmühlen seinen Namen gab, steht noch. Nur wird es heute selbst bewacht – von einer Skyline, die aus "Francos Goa" seit den 1960er-Jahren ein Synonym für spanischen Massentourismus gemacht hat.

"In Torremolinos, da gibt es nur Musik am Strand und junge Menschen, die ihren Kalender vergessen haben", schrieb James A. Michener in "Die Kinder von Torremolinos" für alle, die schon einmal ans Aussteigen gedacht haben. Heute liest sich das als Chronik einer Zeit, in der ziellos Treibende noch Hauptrollen in Bestsellern bekamen: Hippies, Drop-outs, Kriegsdienstverweigerer und Sinnsuchende kamen an einen Strand, der vor allem für seine LSD-Wellen bekannt war.

Als "ein Refugium für jene, die dem Wahnsinn der Welt entgehen wollen", beschrieb Michener Torremolinos, wobei das Dorf "selbst absolut verrückt" war. Schon damals gab es Zeitgenossen, die ihm heftig widersprachen: Kojak-Drehbuchautor William McGivern sah hier nur "Abenteurer und Säufer, wie moralisch verkommene, halbruinierte Amerikaner im Dorf". Michener begründete mit seinem Buch jedenfalls einen Mythos, dem Torremolinos zu keiner Zeit gewachsen war. Sogar Thomas Bernhard suchte hier 1988 bei seiner letzten Reise nach Spanien noch ein Stück Andalusien, wahrscheinlicher ist aber, dass er nur die ihm angenehme Anonymität einer künstlichen Urlaubswelt fand. Dieser Welt mit knapp 60.000 Einwohnern stehen heute mehr als fünf Millionen Nächtigungen im Jahr gegenüber.

Hohe Drop-out-Rate

Für den Psychologen Timothy Leary war das hier einfach "T-Town". Im selbst gewählten Exil versuchte er nach dem Selbstmord seiner Frau 1955 eine Lebenskrise zu bewältigen. In einer feuchten Wohnhöhle an der alten Hauptstraße des Dorfes, der Calle San Miguel tat er das, und später warb er mit den Worten "Turn on, tune in and drop out" im gleichnamigen Buch für gesellschaftlich akzeptierten Drogenkonsum.

Der Subkultur stand in Torremolinos bereits früh der internationale Jetset gegenüber. Man verbrachte seine Zeit im Fischerviertel La Carihuela, mietete sich im 1959 eröffneten Hotel Pez Espada ein. Frank Sinatra widmete man gleich die Bar (heute: Franky’s Bar), Anthony Quinn, Sophia Loren und Sean Connery kamen nach.

Micheners bevorzugten Schauplatz für die durstigen Kinder von Torremolinos, die Bar "El Alamo", vis-à-vis der Pension "Micaela", gibt es immer noch. Nach "Harry’s Bar" und "Marco’s Bar" nennt sie sich nun "Tina’s Bar" und ist ein äußerst geistloser Platz geworden. Pläne für ein Leben als Aussteiger wird hier niemand mehr schmieden. Leonard Cohen ging angeblich ohnehin bereits lieber in den "Galloping Major" daneben, als er am Text für "Suzanne" feilte.

Im "La Fuente" trinkt heute Ian, ein holländischer Pensionist und Wahlspanier seit einer Dekade, seinen Mittagswein: Er kam wegen der Gay-Szene nach Torremolinos, die sich weit über die Costa hinaus herumgesprochen hat und einen bedeutenden Anteil an der touristischen Wertschöpfung der Stadt trägt.

Britische Hochburg

Torremolinos sollte nie wieder so werden, wie es Michener beschrieb: Zuallererst folgten Massen sonnensüchtiger Briten dem Tourismuspionier George Langworthy. Dieser erwarb zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Castillo de Santa Maria, das – nach seinem Abriss – Einheimischen als "das Schloss des Engländers" in Erinnerung blieb. Ein erstes Hotel wurde an dieser Stelle errichtet, und bereits in den 1970ern entstand fast die gesamte Infrastruktur, die den alten Ortskern zurückdrängte. "Viel ist nicht übrig vom Torre der 60er", bestätigt Julian Romanguera Mena vom Rathaus in Torremolinos und meint damit ganz sicher nicht die Hippie-Ära. Vielmehr denkt er an den Glamour vergangener Tage, der nun durch den Bau eines Fünf-Sterne-Luxusgiganten mit eigenem Heliport zurückgebracht werden soll.

Einzig dort, wo sich keuchende Touristen bergauf den Camino de la Playa emporkämpfen, gibt es noch so etwas wie spanisches Leben. Hier oben über der emporgewachsenen Stadt haben sich Einheimische vor der gewinnbringenden Invasion zurückgezogen: In der Bar "La Fuente" schenkt Kellner Santi seinen alten Stammgästen zu Mittag Rum-Stamperln aus, während man heftig über Fußball debattiert. Juanito, wohl der dickste Wellensittich im Ort, rotiert konfus im Käfig, gerade so, als hätte man ihm Verbotenes kredenzt – wie Leary, der Tieren LSD verabreichte. "Dem Tourismus geht es schlecht", meint Santi, und sein Wort bezeugen die "Se Vende"-Schilder in den Läden und Pensionen der Oberstadt.

Hier oben qualmen auch die Jugendlichen – heute heimlicher als zu Francos Zeiten – ihr Haschisch und geben dem städtischen Friedhof jenes Aroma, das wohl manche der Fremden, die hier hauptsächlich ruhen, gut kannten. Was sie gelesen haben mögen, kann man noch in der Secondhand-Buchhandlung in der Calle San Miguel nachvollziehen, wo abgegriffene hinduistische Philosophie in verstaubten Bänden aufliegt, die immer noch gratis verliehen werden.

Läden wie diese haben den Amerikaner Mike McGinley dazu inspiriert, Torremolinos mit einer Geschäftsidee für immer den Rücken zu kehren: Im zensurgeplagten Dubai führt er heute die florierende Secondhand-Buchkette "House of Prose", wo er Die Kinder von Torremolinos allerdings nicht auflegen kann. Noch bis in die späten 1980er-Jahre ließ er sich nicht davon abringen, dass Micheners Torremolinos wieder herstellbar sei. Für kurze Zeit hatte er sogar "Harry’s Bar" in dem Glauben gepachtet, daraus erneut das "Alamo" aus dem Roman machen zu können. Erst als er seine jetzige Frau Traude, eine Österreicherin, kennenlernte, die Michener bei seinen Recherchen zum Buch in Torremolinos immer wieder getroffen hat, einigte man sich darauf, diesen Ort Geschichte sein zu lassen. Micheners Buch schließt mit den Worten: "Jetzt aber weiß ich, dass die Menschen danach trachten müssen, ihre Träume zu verwirklichen, um zu erkennen, wie viel Wahrheit in ihnen ist." Die meisten Kinder von Torremolinos haben sie hoffentlich anderswo verwirklicht.

Aussteiger und Sinnsuchende wollten alle in dieses eine Dorf an der Costa del Sol. Sie vermuteten dort Freiheiten, wie sie James A. Michener in seinem Roman aus dem Jahr 1971 versprochen hatte. Die touristische Realität hatte zu diesem Zeitpunkt in Torremolinos aber längst begonnen. (Jan Marot/DER STANDARD/Printausgabe/5./6.4.2008)

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    Ein ganzes Dorf im Drogenrausch. Das war einmal - heute ist Torremolinos touristisch für die Massen erschlossen.

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