Edlinger-Ploder: "Lehrer sollen 40 Stunden in der Schule arbeiten"

5. April 2008, 13:26
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Die ÖVP-Landesrätin startet in der Steiermark einen eigenen Ganztags-Schulversuch und will das Lehrerdienstrecht reformieren – Ein derStandard.at-Interview

Geht es nach der steirischen ÖVP-Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder, sollen LehrerInnen künftig ihre Aufgaben im Rahmen einer 40-Stunden-Woche direkt in der Schule erfüllen. Ihre Vorstellung von einer "Traumschule" mit Ganztagsbetrieb sei nicht mit dem geltenden Dienstrecht für die Schul-PädagogInnen kompatibel.

Über den Modellversuch "Neue Mittelschule", der derzeit in der Steiermark anläuft, sagt Edlinger-Ploder: "In Wahrheit ist das nur eine Verbesserung der Hauptschule". Ab Herbst soll deshalb in der Pädagogischen Hochschule Graz ein Schulversuch nach den Vorstellungen der Landesrätin unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse erarbeitet werden. Die Forderung der Unterrichtsministerin Claudia Schmied, dass sich Schuldirektoren ihr Personal selbst aussuchen können, hält sie für "absolut sinnvoll". Auch die Umwandlung der Landeslehrer in Bundeslehrer sei nicht "vorweg abzulehnen". Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Wie sind Sie mit der Umsetzung der Neuen Mittelschule in der Steiermark bisher zufrieden?

Edlinger-Ploder: Die Anmeldung ist sehr erfolgreich verlaufen, es gibt also durchaus Zuspruch. Es ist aber nicht die gemeinsame Schule, die ich mir vorstelle. In Wahrheit handelt es sich nur um eine Verbesserung der Hauptschule - es beteiligt sich auch nur eine AHS. Auch die Rahmenbedingungen wurden nicht verändert. Wir müssen aber auf eine ganztägige Schulform hinarbeiten.

derStandard.at: Was wollen Sie also tun?

Edlinger-Ploder: Wenn es Pädagogische Hochschulen gibt, sollen sie ihren Namen nicht nur tragen, sondern auch verdienen, also auch Forschung betreiben. Ich habe deshalb ein Projekt initiiert, in dem die Pädagogische Hochschulen und die Universität kooperieren und gemeinsam Forschungsarbeit leisten. Dabei sollen die Erkenntnisse aus der Wissenschaft direkt in die Praxis umgesetzt werden. Mit diesem Projekt wollen wir die beste Schule für unsere Kinder finden.

derStandard.at: Welche Fragen sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Edlinger-Ploder: Leistungsdruck in den Schulen, Erkenntnisse aus der Hirnforschung und Professionalisierung von KindergartenpädagogInnen – ihre Ausbildung sollte ebenfalls im akademischen Sektor stattfinden - sind wichtige Themen für uns.

Lernen ist grundsätzlich kein Stressfaktor, sondern kann den Kindern auch Freude bringen. Die Frage, ob es besser oder schlechter ist, wenn Kinder mit unterschiedlichen Potenzialen in einer Klasse sitzen, soll ebenfalls wissenschaftlich wie praktisch hinterfragt werden. Wir wollen zeigen, dass den Kindern ein ganztägiger Unterricht gut tun. Das alles wird in den Übungsschulen der Pädagogischen Hochschule stattfinden.

derStandard.at: Das heißt, sie machen jetzt ihre eigene "Neue Mittelschule"? Wann soll es los gehen?

Edlinger-Ploder: Der Unterricht in den Übungsschulen, bei dem das alles berücksichtigt wird, sollte im September beginnen. Das gemeinsame Bildungsforschungsprojekt der Pädagogischen Hochschule und Universität dauert vorerst drei Jahre. Ich möchte zeigen, wie eine Traumschule aussehen kann. Der wissenschaftliche Hintergrund ist wichtig, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

derStandard.at: Sie treten für die Ganztagsbetreuung ein – was bedeutet das dann für die Arbeitsbedingungen der LehrerInnen?

Edlinger-Ploder: Das Dienstrecht unserer Lehrer und Lehrerinnen ist damit nicht kompatibel und auch nicht zum Wohle unserer Lehrer. Da werden unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedlich bezahlt. So ein Dienstrecht gibt es in keinem anderen Beruf. Wir haben ein allgemeines Arbeitsrecht, das von einer 40-Stunden-Woche ausgeht. Natürlich wird man bei den Lehrern und Lehrerinnen auch weiterhin eine gewisse Unterscheidung machen müssen, aber die Frage, ob man etwa für Nachmittagsbetreuung, das Verbessern oder für einen Elternsprechtag anders bezahlt wird, stellt sich für mich nicht mehr.

derStandard.at: Das heißt, Lehrer sollen künftig 40 Stunden pro Woche in der Schule verbringen?

Edlinger-Ploder: Ich sehe den Arbeitsplatz für Lehrer mit unterschiedlichen Aufgaben. Diese Aufgaben hat er im Rahmen einer 40-Stunden-Woche zu erfüllen. Das würde natürlich bedeuten, dass Lehrer in der Schule einen adäquaten Arbeitsplatz vorfinden und es wäre klug, wenn sie 40 Stunden an der Schule verbringen. Auch jetzt arbeiten Lehrer 40 Stunden pro Woche, aber sie sind immer wieder – manchmal gerechtfertigten – manchmal ungerechtfertigten - Vorwürfen ausgesetzt, die geforderte Arbeit nicht zu erledigen. In einem Leistungsprofil sollte klar angeführt werden, was der Lehrer tun soll und was nicht. Ich denke, dass wir damit auch den Lehrern und ihrem Image etwas gutes tun.

derStandard.at: Was sagen Sie zu den Forderungen der Unterrichtsministerin, die Landeslehrer dem Bund zu unterstellen und den Direktoren die Personalhoheit zu übertragen?

Edlinger-Ploder: Das ist prinzipiell nicht vorweg abzulehnen. Es handelt sich um ein gewachsenes System, dass sehr komplex und nicht einfach zu reformieren ist. Auch die Forderung, dass sich die Direktoren ihr Personal selbst aussuchen sollen ist absolut sinnvoll. Man muss sich aber dann auch die Frage stellen, ob die Beibehaltung der Schulsprengel sinnvoll ist. Eine Auflösung wäre aber nur durch eine Entlastung der Gemeinden für die Infrastruktur möglich. Ändert man eine Regelung bedingt das aber entsprechend weitere organisatorische Maßnahmen zu treffen. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 4. April 2008)

Zur Person

Die Juristin Kristina Edlinger-Ploder, geboren 1971 in Linz, ist in der Steirischen Landesregierung für die Ressorts Wissenschaft und Forschung, Verkehr und Technik verantwortlich. Von 2003 bis 2005 war sie Bildungs- und Finanzlandesrätin.

  • Die steirische ÖVP-Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder will das Dienstrecht für Lehrer reformieren: "So ein Dienstrecht gibt es in keinem anderen Beruf."
    foto: krug

    Die steirische ÖVP-Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder will das Dienstrecht für Lehrer reformieren: "So ein Dienstrecht gibt es in keinem anderen Beruf."

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