"Ich sammle keine Orchester!"

6. April 2008, 18:43
posten

Der Dirigent Paavo Järvi gastiert mit seinem Cincinnati Symphony Orchestra im Wiener Konzerthaus - Er wird 2010 auch das Orchestre de Paris übernehmen

Ein Gespräch über Leonard Bernstein, frühe Bruckner-Sünden und seine Aversion gegen Spezialisten.

* * *


Manchmal wär’s wohl praktisch, es gäbe einen doppelt. Der eine Paavo Järvi könnte weiterproben, während der andere Järvi Interviews gibt. Und während der eine Järvi dann Fragen beantwortet, könnte der andere Järvi, nach Ende der Probe, zum vereinbarten Essen mit wichtigen Leuten gehen. Obwohl es Paavo Järvi bedauerlicherweise nur einmal gibt, und man also auf ihn ein ziemliches Weilchen wartet, bis eben die Probe endet, wirkt der aus Estland stammende Dirigent gar nicht abwesend.

Sicher. Das ein oder andere beschwichtigende Telefonat während des Gesprächs (Järvi: "Fangt schon mal zu essen an – ich kommen gleich!") muss sein. Ansonsten hat man es allerdings mit einem 45-Jährigen zu tun, der weiß, dass Pläne dazu da sind, umgeworfen zu werden – wenn nötig. "In jedem Orchester gibt es eigene Konzepte über das, was gut genug ist. Aber, nichts ist gut genug – so passiert es immer, dass wir etwas zu wenig Zeit haben. Aber sie geben mir die Extrazeit!" Sie, das meint hier das Frankfurter Radio Symphonie Orchester, dessen Chef Järvi ist.

Es könnte aber auch das Cincinnati Symphony Orchester gemeint sein oder auch die Kammerphilharmonie Bremen. Paavo Järvi ist Chef dreier Orchester und in Estland auch noch künstlerischer Berater des dortigen Nationalorchesters.

"Nein, ich sammle keine Orchester! Ich mag nur keine Gastdirigate. Als Gast bist du einer, der gleich wieder gehen muss, du kannst auch deine Projekte nicht machen. Wenn ein Musikdirektor für sich Brahms reserviert hat, ist Brahms für den Gast tabu, und das ist auch richtig so. Außerdem mag ich Abwechslung, bin eklektisch in meinem Geschmack, versuche also, das Repertoire meiner drei Orchester unterschiedlich zu halten. Klar: Alle zwei Wochen fliege ich von Europa nach Amerika und zurück, aber das ist nicht so schlimm. Wenn man das im großen Zusammenhang sieht, bin ich eine glückliche Person mit sehr guten Beziehungen zum jeweiligen Orchester. Nein, ich leide nicht permanent an Jetlag. Ich würde nur gerne meine Kinder aufwachsen sehene, das ist tatsächlich ein Problem."

Die Stilvielfalt

Bei all der Repertoireflexibilität, die sich somit ergibt, könnte es aber ein Problem geben – bezüglich der Frage nach einen persönlichen Järvi-Stil. "Meine Affinitäten sind klar. Was ich nicht mag, ist aus Marketinggründen ein Spezialist zu sein. Eine Nische, das wäre die Hölle für mich!" Er akzeptiere auch keine Einladungen, "wenn es heißt: ,Könnte Järvi nicht ein nordisches Programm machen?‘ Mache ich nicht! Spezialist – das ist für mich eine Umschreibung für Desinteresse! Spezialist der Moderne? Wenn du nicht Mozart dirigieren kannst, bist du kein Dirigent! Überhaupt ist Dirigieren ein Job für die zweite Lebenshälfte!"

Und davor? "Vorbereitung. Ich machte Bruckner erstmals mit 25, dachte, es sei toll. Wenn ich das jetzt höre, registriere ich ein Desaster. Alles war falsch. Ich war nicht bereit – nicht technisch gemeint wohlgemerkt. Aber die Architektur, das innere Leben der Strukturen, das fehlte. Allerdings: Es ist gut, dass ich es machen konnte. Nur so entwickelt sich etwas. Informationen sind nichts, wenn man nicht Zeit hat, sie zu verdauen. Ich höre ja auch alles nach, was ich mache, korrigiere."

Die Musikerfamilie

Einen Teil der gründlichen Vorbereitung besorgte die Herkunft – Järvi ist Teil einer Musikerfamilie, Vater Neeme Järvi ist auch Dirigent, "ruft immer noch gerne in der Nacht an, wenn ich eigentlich schlafen will, um mit mir Musikdinge zu diskutieren, die er entdeckt hat. Unglaublich!" Dann gibt es auch noch Schwester Maarika Järvi, die Flötistin ist und Bruder Kristjan, den Chefdirigenten der Tonkünstler.

1980 emigrierte die Familie aus Sowjetrussland in die USA – "damals im Glauben, dass wir nie mehr zurückkommen werden können. Und ein wenig im Irrtum befand ich mich auch, weil ich dachte, durch den familiären Hintergrund wüsste ich so viel übers Dirigieren. Dann traf ich Leonard Bernstein und begriff: Ich weiß gar nichts, es war ein Schock. Ich bin aber dankbar dafür, sonst wäre ich einer geworden, der einen Maestro darstellt."

Die Energie, die Art und Weise, wie Bernstein kommunizierte, frappierte. "Wie wichtig ihm die Musik nach wie vor war! Auf dem Podium wirkte er jugendlich, danach war er wieder ein alter Mann. Das war ein echter Star, kein Fabriksprodukt." Weil auch er keines sein will und auch nicht fließbandmäßig arbeiten möchte, wird Järvi wohl eines der drei Orchester abgeben – er wird nämlich 2010 auch Chef des Orchestre de Paris.

Was wegfallen wird, sagt Järvi nicht. Er schwärmt lieber vom Cincinnati Orchester, mit dem er gerade auf Europa-Tournee ist: "Es ist grundsätzlich falsch zu sagen, amerikanische Orchester spielten technisch gut, aber es fehle ihnen an Tiefe. Das Cincinnati Orchester ist auch da eines der besten in Amerika, nur muss das auch kommuniziert werden." Järvi meint, es sei das europäischste Orchester Amerikas. Die Brillanz amerikanischer Prägung treffe hier Sensibilität und den Klangcharme der Europäer. Und klar: Dazu habe auch er einen Beitrag geleistet. So unbescheiden ist Järvi Gott sei Dank. (Ljubiša Tošiæ aus Frankfurt, DER STANDARD/Printausgabe, 04.04.2008)

6. April, Konzerthaus, Werke von Pärt, Britten und Schostakowitsch, 19.30
  • Paavo Järvi,  sehr direkt: "Wer nicht Mozart dirgieren kann, ist kein Dirigent! Spezialisten-tum ist nur ein Synonym für Desinteresse!"
    foto: chen

    Paavo Järvi, sehr direkt: "Wer nicht Mozart dirgieren kann, ist kein Dirigent! Spezialisten-tum ist nur ein Synonym für Desinteresse!"

Share if you care.