Der Mann ohne Motivationen

18. April 2008, 09:57
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Harald Sicheritz hat Daniel Glattauers Roman "Darum" verfilmt – wohl auch im melancholischen Bewusstsein, dass ein "Darum" auf Fragen nach dem "Warum" gar nicht hilft

Wien – Wenn manche schon aus Fehlern klug geworden sind: Wie ist das denn überhaupt mit dem Wert der Erfahrung ? Vor allem, wenn sie Taten betrifft, die einen aus dem hinauskatapultieren, was man gemeinhin "Gesellschaft" und die damit verbundenen Sicherheiten nennt?

Wie viel "Erfahrung" muss man haben, um ein Verbrechen nachvollziehen zu können? Dieser Frage ging Daniel Glattauer, als Standard-Gerichtsreporter zusätzlich sensibilisiert, in einem Roman nach, der gewissermaßen im Krimigenre ansetzt, um dann in ein Porträt eines Täters/Autors – wenn schon nicht ohne Eigenschaften, so doch ohne Motivationen – zu kippen.

Darum, so der Titel, das ist im Prinzip – wie man nicht nur aus Mordgeständnissen weiß – meist die blödeste aller Begründungen. Weil "Darum": dahinter verbirgt sich vieles. Und im Fall von Glattauers Helden, dessen jüngstes Romanmanuskript Verlagslektoren nicht für plausibel und von zu wenig Erfahrung getragen halten, ist dieses Darum wie ein Wespennest, in das man gerne hineinsticht. Nur müsste man nachher auch beschreiben können, wie sich das anfühlt, was man damit auslöst.

Auf Glattauers Roman bezogen heißt das: Man glaubt dem Protagonisten aufgrund eines offenkundigen Unvermögens, Erfahrung mitzuteilen, weder, was er schreibt, noch, was er getan hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass er selbst nichts mehr glauben mag.

Jedenfalls hat jetzt der erfolgreichste österreichische Filmregisseur dieser Tage, Harald Sicheritz (Hinterholz 8, Poppitz, Muttertag), sich dieses Stoffes angenommen. Und vielleicht hängt dies ein wenig damit zusammen, dass Sicheritz selbst sich seit geraumer Zeit mit der Frage herumschlägt: Wie gibt man zum Beispiel Erfahrungen wieder, die man als Bürger macht, ohne permanent in kabarettistische Variationen zu verfallen?

Darum, in der Hauptrolle besetzt mit dem deutschen Filmstar Kai Wiesinger, ist insofern eindeutig Sicheritz’ bis dato melancholischster Film. Und er hat Momente, etwa eine Vergewaltigung in einem Männergefängnis, in denen man sich fragen mag: Was ist der Wert gewisser Erfahrungen, wenn nachher Trauma und Erkenntnis keinerlei proportionales Verhältnis haben?

Romane von Georges Simenon (Die Phantome des Hutmachers etwa) oder amerikanische Gerichtssaal-Dramen variieren oft ähnliche Konflikte. Und man könnte nun Sicheritz’ Film ankreiden, dass er gegenüber solchen Texten/Vorlagen zu wenig spezifisches Eigenleben gewinnt. Phasenweise wirkt er tatsächlich so, als würde ein RTL-Hauptabendthriller sich an diffus nachempfundenen Vorbildern abarbeiten.

Aber die Ahnung, die er vermittelt – und zwar, dass es verstärkt auch im heimischen Spielfilm darum gehen müsste, Erfahrung zu machen und abzubilden –, diese Ahnung vermittelt sich durchaus. Wer dann präziser nachhaken will, kann ja immer noch Daniel Glattauers Buch lesen. (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 04.04.2008)

4. 4., Annenhof 7, 19.00.
  • Man glaubt dem Protagonisten weder, was er schreibt, noch, was er getan hat: Kai Wiesinger in der Verfilmung von Daniel Glattauers Roman "Darum".
    foto: allegro film/domenigg

    Man glaubt dem Protagonisten weder, was er schreibt, noch, was er getan hat: Kai Wiesinger in der Verfilmung von Daniel Glattauers Roman "Darum".

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