Freiland, Fremdland: Eine Spurensuche

3. April 2008, 17:24
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Bernhard Kammels Spielfilmdebüt "Die Tochter"

Er habe die anderen an das Ziel bringen wollen, an das er selbst geglaubt hatte, meint der dicke Wirt über den Verschwundenen. Die Frau, die ihm bei Kaffee und Strudel gegenübersitzt, ist auf der Suche nach ihrem Vater. Sie ist Mitte 40, hat gescheiteltes Haar und macht einen gesetzten Eindruck. Ihre Schritte sind langsam und bedächtig, ihre Bewegungen zweckmäßig. Seit 25 Jahren ist ihr Vater bereits verschwunden, nun ist sie in das kleine österreichische Dorf gekommen, um seine Spur aufzunehmen.

Doch in Bernhard Kammels Die Tochter geht es in Wirklichkeit zunächst einmal um eine Suche nach Orientierung: Freiland heißt das Dorf, in dem die Mutter noch heute wohnt und von dem man nur den Bahnhof mit seinen dicken Steinmauern zu sehen bekommt. Es ist ein unwirklicher Ort, den die Frau wie einen abgeschlossenen Bühnenraum betritt: die Küche, in der die Mutter noch immer die "Deutungshoheit" über den Vater besitzt; das Gasthaus oder das kleine Waldhaus, in dem die Frau einer zweiten begegnet.

Die Frau ohne Namen wird im Laufe des Films zunehmend zu einer seltsam Vertrauten in der noch seltsameren Fremde. Oder jedenfalls setzt Kammel seine Schauplätze derart abstrakt in Szene, dass das Alltägliche zum Geheimnisvollen wird: In stechend scharfem Schwarz-Weiß tastet sich die Kamera über Blätter oder Holzwände, wird zum jedes Detail erspähenden Mikroskop oder gleitet in langsamer Fahrt um Personen herum oder auf diese zu.

Diese eindringlichen Plansequenzen von teilweise mehreren Minuten Dauer übernehmen somit das Motiv der Suche und verlagern es in eine andere Richtung. Denn bald geht es nicht mehr um die Figur des Vaters, der wiederholt als Erinnerungsbild auftaucht. Sondern es ist eine Art innerfilmisches Bewusstsein, dem der auch als Fotograf und Schriftsteller tätige Kammel nachspürt. Eine Nervosität legt sich in die Bilder ebenso wie in die Töne, wenn etwa das Ticken einer Wanduhr zunehmend lauter und zugleich langsamer wird.

Hier tauchen natürlich unweigerlich filmhistorische Vergleiche auf, von den frühen Arbeiten Polanskis bis zu den schweigenden Bildern eines Sven Nykvist. In den manipulierten Bildern über den Vater sei das Wahre der Tochter versteckt, heißt es einmal. Doch zu dieser Erkenntnis muss man selbst gelangen. (Michael Pekler, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2008)

2. 4., Schubert 1, 17.00 / 4. 4., Annenhof 8, 13.45
  • Eine Frau sucht ihren verschwundenen Vater und findet dabei allerhand:
"Die Tochter".
    foto: diagonale

    Eine Frau sucht ihren verschwundenen Vater und findet dabei allerhand: "Die Tochter".

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