Die echte ORF-Reform steht noch aus

3. April 2008, 20:37
26 Postings

Ein Jahr nach einer Programmreform lässt sich nicht über diese urteilen - Politik regiert noch immer in den ORF hinein – mit er­kenn­baren Folgen - Kommentar der anderen von Thaddäus Podgorski

Vor 40 Jahren war die "größte Rundfunkreform der Geschichte" ein Jahr alt, und die neue ORF-Geschäftsführung stellte via Gallup-Institut dem Volk die Frage: "Sehen Sie einen wesentlichen Unterschied in der Qualität der Sendungen des Rundfunks und Fernsehens seit der Rundfunkreform?"

41 Prozent erklärten das Programm für schlechter, und nur 19 Prozent fanden es besser, 31 Prozent konnten keinen Unterschied feststellen, und neun Prozent sagten: weiß nicht. Das beweist also, dass man nicht nach einem Jahr über eine neue Geschäftsführung den Stab brechen soll. Aber – sagen die Auskenner – der ORF muss abspecken und die Strukturen verändern . Doch das eine ist ohne das andere nicht möglich. Dicke Kinder werden bekanntlich nicht geboren, sondern erzogen.

Die erste ORF-Führung hat mit einer 4,5-Milliarden-Schilling-Spritze und der begleitenden Prachtentfaltung den ORF zu einem Riesen gemästet. Abgesehen von den Studiobauten in den Bundesländern und in Wien, begann eine Anstellungswelle. 1967 betrugen die Personalkosten 458,5 Millionen Schilling , 1974 waren es schon 880 Millionen. Und die Strukturen, deren Gralshüter die Betriebsräte waren und sind, wurden de facto nie geändert. Warum?

Jeder, der im ORF Generaldirektor werden oder bleiben will oder gar ein Comeback versucht, braucht die Betriebsräte. Und die stellen die Bedingungen. Comebacks sind am teuersten. Bedingung Nummer eins: Die Strukturen müssen erhalten bleiben, denn sie sind die Grundlage der Macht. Alle anderen Bedingungen sind individueller Natur: Der eine möchte Intendant oder Direktor werden, der andere hat Spielschulden, die er nicht los wird, mancher ist an einer Filmfirma beteiligt, die Aufträge braucht, und alle miteinander haben Freunde und Verwandte, die vom ORF was wollen.

Jeder ORF-Chef schlüpfte also selber in seine Handschellen. Mit Ausnahme von Gerhard Zeiler. Der hat alles versprochen, wurde gewählt und hat mithilfe von Erhard Busek nichts gehalten. Wer von Betriebsräten gewählt werden muss, kann auch die Strukturen nicht ändern und damit auch nicht abspecken. Das Unternehmen wird also immer größer und größer und produziert immer weniger. Es braucht ja fast das ganze Geld für seinen Grundumsatz.

Die Größe und die Lage des ORF außerhalb der Stadt auf einem Berg haben eine eigenartige, fast koptische Gesellschaft hervorgebracht. Sie hat ihre eigenen Restaurants, ihren Supermarkt, eine Trafik, einen eigenen Arzt, eine eigene Bankfiliale und, wie ich glaube, auch schon ein eigenes Wetter.

Pater Paterno wollte sogar eine eigene Hauskapelle errichten. Das habe ich mit Gottes Hilfe verhindert. Alles in allem: eine Gemeinschaft, die sich selbst genügt. Ähnlich den Politikern ist für sie das Leben „draußen“ fremd geworden. Es verbindet sie eine eigenwillige Ästhetik, und ihr gemeinsamer Geschmack schlägt sich auch im Programm nieder. Dieses Programm, vielfach angekauft oder außer Haus produziert, wird von ihnen sorgfältig verwaltet. Das ist der wahre ORF-Job.

Karriere für Funktionäre

Karriere machen kann man nur als Funktionär. So wollen es die Strukturen. Also darf man sich nicht wundern, dass es immer mehr davon gibt. Fahrdienstleiter ohne Eisenbahn. Schade um die vielen Begabungen.

Die Politiker müssten endlich über ihre immer länger werdenden Schatten springen und den ORF außer Streit stellen. Damit er nicht weiter auf den Werbestrich gehen muss. Denn ein Medium, das über Nacht aus Grenzdebilen Kultfiguren machen kann, bedarf einer intellektuellen öffentlich-rechtlichen Prophylaxe. (Thaddäus Podgorski/DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2008)

Zur Person
Thaddäus Podgorski (72) war Rundfunkjournalist bereits beim Sender Rot-Weiß-Rot in der Nachkriegszeit, Autor und Schauspieler; 1972 war er Chefredakteur im ORF, 1986 bis 1990 Generalintendant.

Schwerpunkt ORF in derStandard.at/Etat

  • Wolf hat sich Programmmacher mit Rückrat gegenüber der Politik gewünscht, Podgorski bestätigt ihn.
    foto: orf/ali schafler

    Wolf hat sich Programmmacher mit Rückrat gegenüber der Politik gewünscht, Podgorski bestätigt ihn.

Share if you care.