Lorenz: "Derzeit geht kein Mensch auf mich los"

6. April 2008, 19:50
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Der ORF hat Jahr eins seiner Reform überstanden - "Wir arbeiten nicht gegen das Publikum", sagt TV-Direktor Wolfgang Lorenz im STANDARD-Interview

2007 sah Österreich gut ein Fünftel kürzer ORF: 68 statt 87 Minuten. Den Zielmarktanteil für 2008 hält Lorenz für eine "kühne Ansage": "Ich werde mich nicht erschießen, wenn's nur 38 Prozent sind".

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STANDARD: Sie haben sich 2006 als ORF-General beworben. Würde der ORF jetzt anders aussehen, wenn Sie ans Ruder gekommen wären?

Lorenz: Mit Sicherheit, ich hätte meine eigene Handschrift angelegt. Aber ich kann nicht sagen, ob zum Wohl oder Wehe der Firma. Wohl beides vermischt.

STANDARD: Mancher Beobachter der Lage sagt, dann wäre der ORF jetzt schon komplett hin.

Lorenz: Das glaube ich natürlich überhaupt nicht. Sie alle sind in eine Einschätzungsfalle gegangen: Allen bisherigen Generaldirektoren wäre es 2007 wegen der Digitalisierung ähnlich ergangen wie uns. Bei uns ist sie leider mit der Programmreform zusammengefallen, an der man die Verschuldensfrage nur scheinbar klar festgemacht hat. Aber es ist ein Irrtum, dass zum Beispiel das Lindnerfernsehen auf diesem Niveau weitergegangen wäre – seine Quoten wären ebenfalls stark gesunken.

STANDARD: Sie hätten im Programm mehr riskiert?

Lorenz: Ich hätte als Generaldirektor sicher eine persönliche Krise riskiert und alles aufs Spiel gesetzt. Möglicherweise wäre die Spielernatur so mit mir durchgegangen, dass das zu einem katastrophalen Ende geführt hätte. Aber: No risk no fun. Aber Graz 2003 ist nach wie vor die erfolgreichste Kulturhauptstadt aller Zeiten und die Politik hat sich davor zu Tode gefürchtet.

STANDARD: Sie haben spätestens 2011 wieder eine Gelegenheit, für den General zu kandidieren.

Lorenz: Sicher nicht.

STANDARD: Bleiben Sie bis 2011 Programmdirektor?

Lorenz: Wenn man mich nicht hinauswirft, selbstverständlich. Und es geht ja derzeit kein Mensch auf mich los.

STANDARD: Vermissen Sie das?

Lorenz: Nein. Ich finde normal, dass eine überwiegend erfolgreiche und gute Arbeit vom Publikum, von den Mitarbeitern, aber auch von den Gremien honoriert wird. Man kann doch nicht sagen, dass wir ein schlechtes Programm machen.

STANDARD: Ich kenne durchaus ein paar Menschen, die das seit der großen Programmreform 2007 geäußert haben.

Lorenz: Das war ein erstes Jahr von fünf. Wir haben selbstverständlich viele Fehler gemacht. Aber im Wesentlichen stimmt der Kurs. Unser Haus und sein Programm sind frischer, interessanter, demokratischer geworden und weg vom Hautgout des Staatsfunks. Man kann eine gute Klimabilanz ziehen.

STANDARD: Was steht denn in Ihrer Bilanz nach einem Jahr Programm auf der Habenseite?

Lorenz: Ich glaube nicht, dass vor zwei Jahren Sendungen wie "Die vier da", "Wir sind Kaiser" oder "Willkommen Österreich", mit Sicherheit die beste Late Night im deutschen Sprachraum, möglich gewesen wären.

STANDARD: Wurden 'Die vier da' nicht noch von der alten Geschäftsführung beauftragt?

Lorenz: Es ist immer die Frage für die neue: Tut man's oder tut man's nicht? Diese Verantwortung lag schon bei mir.

STANDARD: Alfred Dorfers auch nicht ganz unkritischer "Donnerstalk" kam jedenfalls aus der Geschäftsführung Monika Lindners. Wie das "Dancing Stars"-Finale, das ORF-Chef Wrabetz im Frühjahr 2007 mangels Alternativen als Ihren großen Erfolg feierte.

Lorenz: Stimmt ja auch. Immerhin war das die erfolgreichste Staffel, die voll uner meiner Direktion produziert wurde. "Dancing Stars" ist ein sauschweres Programm geworden, das sich nicht einfach weiterspielt, alleine von den Castings her.

STANDARD: Weitere Pluspunkte nach der Reform?

Lorenz: Die Information insgesamt, auch wenn ich die nicht verantworte. Zweifellos "Kreuz & quer", das ist ja eine Erfindung von mir aus den Neunzigerjahren. Der "Kulturmontag" und die Qualitätstermine für Film, Artfilm, Eurofilm und Dokfilm. Da sind doch große Freiräume geschaffen, die Leute spüren, dass sie auch selbst verantworten. Wir haben ein konstruktives und produktives Klima geschaffen. Schlecht aufgelegte Leute machen schlecht aufgelegtes Programm.

STANDARD: Nach "Mitten im Achten" und "Extrazimmer" schien mir die Stimmung nicht gerade auf einem Höhepunkt.

Lorenz: Ich würde gerne darauf verzichten, im vorigen Jahr angerichete Speisen noch einmal aufzuwärmen. Ich verweige den Dialog darüber. Irgendwann ist alles gesagt, in der Zwischenzeit von allen. Das ist mir einfach zu blöd.

STANDARD: Blöd finden Sie vermutlich auch, dass Sie "Mitten im Achten" ein "Kernstück" der Reform genannt haben.

Lorenz: Das war ein absoluter Schwachsinn, an dem ich mich leider auch noch vollmundig beteiligt habe.

STANDARD: Was wurde eigentlich aus Ihrer "persönlichen Haftung" für "Mitten im Achten", von der Sie im Publikumsrat gesprochen haben?

Lorenz: Was sind das für Vorstellungen? Wenn du ein Programm von hundert produzierst, das kein Erfolg war, und es eingestellt wird, hast du sofort zurückzutreten? Ich denke nicht daran. Wenn ich's in Summe nicht zusammenbringe, soll man mich abwählen. Aber: Es kann sich doch nichts weiterentwickeln, wenn wir nicht auch den Mut zum Scheitern haben. "Mitten im Achten" war Mut, kein Übermut. Die beiden zitierten Programme waren mit hoher Überlebensqualität ausgestattet, aber es gab andere Einschätzungen, so ist es passiert.

STANDARD: Soll zwischen den Zeilen heißen: Wrabetz, der beide Sendungen gegen ihren Willen einstellte, hat zu früh der Mut verlassen.

Lorenz: Es hat Auffassungsunterschiede über Konsequenz oder Kontinuität gegeben. Das ist völlig normal und angemessen. Diese Differenzen können wir uns leisten.

STANDARD: Inzwischen laufen im Vorabend, den Sie verösterreichern wollten, aber auch im Hauptabend mehr US-Serien als je zuvor.

Lorenz: Wir arbeiten für den Vorabend an Dokusoapformaten, im Gespräch ist etwa eine Alltagsdokusoap über alles, was ein Drehlicht hat von der Müllabfuhr über ÖAMTC, Notarzt bis Polizei und Feuerwehr. Und, ebenfalls idealerweise zwischen 18 und 19 Uhr, an einer Quizshowleiste. Aber der Generaldirektor hört solche Pläne nur solange gern, bis er von den Kosten erfährt: Wir müssen unser Geld vor allem in den Hauptabend stecken.

STANDARD: In US-Serien im Hauptabend für Montag, Donnerstag und, wenn kein Sport läuft, Mittwoch zum Beispiel.

Lorenz: Ich muss eine Niederlage bekennen: Ich bin im Match gegen amerikanisches Serienstangenware gescheitert. Alle Versuche, massiv dagegen anzutreten, waren nicht erfolgreich. Es ist daher sinnvoller, etwa die "Donnerstagnacht" erst um 22 Uhr zu beginnen als um 21 Uhr, wo sie gegen Serien bei RTL antreten muss. Und zum Serienmontag stand ich immer.

STANDARD: Ich darf aus Ihrer Bewerbung zitieren, in der Sie anprangerten: Das Programm sei "fremdbestimmt durch gekaufte Dutzendware, zu wenige Originale bietend". Oder: "Die Fernsehprogramme sehen rundum so aus, liefern mehrheitlich Klischees von verkitschtem Ersatzleben. Entspannung? Darf sich zumal öffentlich-rechtlich verantworteter Rundfunk eine in ihrer Gesamtheit entspannte Nation so vorstellen, dass alle gleichzeitig geistig auf Urlaub sind?"

Lorenz: Alles eine Frage der Dosierung. Es ist nicht mein Auftrag, zunächst darüber nachzudenken, wie ich das "Traumschiff" versenke und den "Musikantenstadel" abbrenne. Ich kann nur innerhalb eines Gesamtversorgungsauftrags schauen, dass das andere nach Möglichkeit gedeiht und sich entwickelt. Soll ich als Programmdirektor den Leuten das nehmen, was sie lieben, und oktroyieren, was ich liebe? Wir arbeiten nicht gegen das Publikum.

STANDARD: In Ihrer Bewerbung haben Sie in einer Neuauflage des "Club 2" "nur ein potenzielles Satireprogramm für die Donnerstagnacht" gesehen, der Rückgriff wäre "nur peinlich". Wie gefällt Ihnen der neue "Club 2", der Ihr "Extrazimmer" abgelöst hat?

Lorenz: Grosso modo geglückt. Gegen interessante Programme soll man sich nicht wehren. Würde nicht "Club 2" drüberstehen, wäre es keine Wiedergeburt, sondern eine interessante Diskussionssendung.

STANDARD: Sie haben sich selbst einmal als "erfolgssüchtig" charakterisiert. Wie geht es einem solchen Junkie nach einem Jahr Programmreform?

Lorenz: Gut. Die Frage ist doch: Wann verlässt einen der Mut? Wenn am Anfang etwas so in den Orkus gefahren ist? Verfällt man in Depression, die man dem Sender weiterreicht? Das war wirklich kein Erfolg, aber: Das Gute ist, dass wir uns ab Herbst erfangen haben und heute im Großen und Ganzen eine sehr repräsentative Performance liefern. Sonst hätten wir nicht noch immer 40 Prozent Marktanteil – ein Spitzenwert in Europa.

STANDARD: Erzielt mit zwei Programmen. Und schon der März liegt wieder unter dem Zielwert von 40 Prozent im Jahr.

Lorenz: Der Generaldirektor hat kühn 40 Prozent als Jahresmarke genannt, man muss diesem Ziel ehrgeizig zuarbeiten.

STANDARD: Zum Beispiel mit Investitionen ins Sommerprogramm wie einer eigenen Staffel "Einer gegen 100", wenn Marktanteile billiger sind, weil die übrigen Sender in der werbeschwächeren Zeit zurückfahren.

Lorenz: "Einer gegen 100" startet jetzt. Ich möchte im Sommerprogramm nicht absaufen, was der ORF in den letzten Jahren regelmäßig getan hat.

STANDARD: Sie glauben aber nicht an die 40 Prozent Jahresmarktanteil.

Lorenz: Eine kühne, optimistische und sehr positive Ansage. Ich werde mich aber nicht erschießen, wenn's nur 38 Prozent sind. Auch die sind in Europa äußerst ansehnlich.

STANDARD: Gibt es für Sie eine Untergrenze im Marktanteil für die Relevanz des ORF?

Lorenz: Wir sind natürlich hoch sensibel aufgestellt zwischen Auftrag und Gebühren und Werbung. Aber die Bedeutung des Institutes ORF für die Gesellschaft ist nicht anders zu beantworten, ob er 30, 35 oder 40 Prozent Marktanteil hat. Das ändert am Sselbstverständnis nichts, für Österreich unverzichtbar zu sein. Eine Zeitung per se ist nicht deshalb gut, weil sie viele Leser hat, ein Museum nicht deshalb, weil es viele Besucher hat, die Staatsoper nicht, weil sie 97 Prozent Auslastung hat.

Würden wir alles tun, nur damit die Quoten stimmen, würden wir Beruhigungsfernsehen betreiben. Wir brauchen aber noch größere Dosen an Beunruhigungsfernsehen, um letzten Endes diskursfähig zu bleben. Dazu braucht man Nerven, denn die Überraschung geht ja nicht immer gleich gut. Wenn man am nächsten Tag nicht darüber redet, hat man im Grunde einen Abend verschenkt. Das ist heute leider oft der Fall, nicht nur bei uns. Die Leute nehmen heute Dinge hin, die vor zehn oder zwanzig Jahren voll skandalfähig gewesen wären. (Harald Fidler/DER STANDARD, 4.4.2008)

  • Für "Mitten im Achten" wollte Lorenz (li.) "haften".  ORF-Chef Alexander Wrabetz kippte die Soap rasch.
    foto: standard/hendrich

    Für "Mitten im Achten" wollte Lorenz (li.) "haften". ORF-Chef Alexander Wrabetz kippte die Soap rasch.

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