Auf und unter dem Vulkan

7. April 2008, 17:00
5 Postings

Wo Afrika auf Europa trifft und einen der aktivsten Berge der Welt formt: Der Ätna auf Sizilien ist nicht nur Kulisse, sondern Hauptdarsteller

Diese Landschaft hat definitiv etwas von einer surrealen Filmkulisse. Ein paar Meter weiter oben glänzt der Schnee in der Vormittagssonne, unter der sich Skifahrer und Snowboarder beim Lift anstellen. Blickt man nach unten, so schimmert in ein paar Kilometern Entfernung das tiefe Blau des Mittelmeers. Dazwischen: das satte Grün der längst erwachten und blühenden Natur und in unmittelbarer Nähe: schwarzgraue Lavaflächen.

Jetzt im Frühling ist der Pistenbetrieb auf dem Ätna im Normalfall auf den obersten Lift beschränkt, der sich in 2500 Meter Seehöhe an den Sessellift anschließt. Der Schnee ist bereits leicht angegraut vom Lavastaub. Dahinter steigt Rauch auf: Schließlich ist der Ätna Europas aktivster Vulkan.

Hier, nahe der Bergstation des Sessellifts, beginnt für die Halbschuhtouristen die letzte Etappe in Richtung Gipfel: Von Unimogs, allradbetriebenen Riesenjeeps oder eher geländegängigen Kleinbussen wird man auf einer abenteuerlichen Piste auf immerhin fast 3000 Meter Höhe gekarrt, etwas mehr als 300 Meter unter dem Gipfel. Stellenweise sind die Serpentinen der Auffahrt, die eher nichts für schwache Mägen ist, aus meterhohen Schneebeständen herausgefräst.

Oben hat es dann keinen von den angenehmen zwanzig Plusgraden mehr, die das Thermometer noch vor gut einer Stunde unten an der Küste anzeigte. Und ein unangenehmer Wind pfeift. Immerhin liegt auf der spektakulären Mondlandschaft rund um einen kleinen Seitenkrater des Vulkans kaum mehr Schnee, sodass eine Besichtigung auch ohne alpine Beschuhung und Bekleidung möglich ist.

Ein paar Meter von der Ausstiegsstelle entfernt gibt es gleich einen ersten augenfälligen Hinweis darauf, dass dieser Berg lebt: Von der ehemaligen "Schutzhütte der Philosophen" ist gerade noch der oberste Teil des Dachfirsts erkennbar. Der Rest ist von Lava begraben - und das auch erst seit acht Jahren, wie Giorgio, einer der autorisierten Ätna-Bergführer weiß.

Der kleine, nette Nebenkrater ist dann in etwa so, wie man sich einen kleinen, netten Nebenkrater vorstellt: Es dampft harmlos herauf in Richtung Kraterrand, und zwar mit einer leichten Schwefelduftnote. "Das ist das einsickernde Wasser, das unten durch die Hitze dampfförmig wird und dann eben hier herauskommt", erklärt Giorgio, der noch allerhand Erstaunliches weiß über diesen größten und mit 3323 Meter Seehöhe auch höchsten Vulkan Europas.

Zum Beispiel, dass das mit den Höhenangaben beim Ätna auch so eine Sache ist: Denn erstens müsste man wahrheitsgemäß "etwa" ergänzen und zweitens "zurzeit", denn die Höhe kann sich quasi täglich ändern. Schließlich hat kein Vulkan der Welt mehr Ausbrüche in historischer Zeit aufzuweisen als der Ätna. Der Grund für diese anhaltende Aktivität: Auf Sizilien trifft die Afrikanische auf die Europäische Platte.

Die touristische Erschließung des mächtigen Vulkankegels wird so zu einer Sisyphos-Arbeit - und zu einem guten Geschäft für Lifterrichtungsgesellschaften. Die Seilbahn, die in ihrer aktuellen Version vom Rifugio Sapienza auf etwa 2000 Meter Höhe bis zum Startplatz der Unimogs führt, ist zuletzt 2002 durch einen riesigen Ausbruch zerstört worden - so wie etliche andere Liftanlagen, die den Ätna zum größten Wintersportgebiet Südeuropas gemacht hatten. Spuren der letzten großen Eruptionen, die sich zuletzt in den Jahren 2001 bis 2003 und dann wieder 2006 ereigneten, finden sich freilich auch in weiterer Entfernung von den Hauptkratern.

Die Ausbrüche haben nicht nur die weiter oben liegenden Bergformationen verändert. Die Lava floss damals hinunter bis in stärker besiedelte Gebiete und zerstörte auch Abschnitte der Zufahrtsstraße, die von Catania aus bis zum Rifugio hinaufführt.

Zumindest an der Ostküste Siziliens überragt der Ätna alles andere. Er prägt nicht nur die Gegend, sondern auch die Landwirtschaft, aber wohl auch die Leute und ihre Psychostruktur. Irgendwie hat man das Gefühl, dass da noch mehr im Hier und Jetzt gelebt wird, und wohl auch etwas fatalistischer.

Die größte Insel des Mittelmeers, sie scheint so in gewisser Weise die Essenz Italiens sein: Die Natur und das Leben erscheinen noch bunter und intensiver, der Espresso und die Sonne noch ein wenig stärker. Von der Mafia einmal ganz zu schweigen.

Insbesondere im Frühjahr, wenn alles blüht, könnte die Landschaft unter dem Vulkan schöner nicht sein, was ja auch schon dem alten Goethe vor mehr als 200 Jahren auffiel. Insbesondere die Küstengegend nördlich des Vulkans rund um Taormina ist seit dem 19. Jahrhundert ein touristisches Muss - damals noch für den Adel, heute für alle. Dem spektakulär am Monte Tauro gelegenen Städtchen hatte auch schon der berühmte deutsche Italienreisende mehrere Seiten gewidmet. Einem Besuch der österreichischen Kaiserin Elisabeth ist es zu verdanken, dass der Bahnhof Taorminas 1886 ausgebaut wurde. Und auch Oscar Wilde, Thomas Mann und später Hollywood-Größen von Greta Garbo bis Cary Grant wussten, wo es sich aushalten lässt.

Vielleicht hat es ja mit dem berühmten antiken Theater von Taormina zu tun, dass sich Schauspieler dort gerne einfinden. Der römische Bau, der auf griechischen Fundamenten steht und bereits in der Antike über 5000 Zuschauern Platz bot, eröffnet durch eine zehn Meter breite Öffnung hinter der Bühne einen unvergleichlichen Blick: nämlich direkt auf den Ätna, der eben nicht nur Bühnenbild und Filmkulisse ist, sondern in Wahrheit selbst die Hauptrolle spielt. (Klaus Taschwer/DER STANDARD/Rondo/4.4.2008)

Anreise: z. B. mit der Lauda Air ab Wien direkt nach Catania.

Veranstalter: Klassische Sizilien-Rundreisen, aber auch Sternfahrten und Mietwagenreisen (inklusive Direktflügen nach Catania oder Palermo und Unterkünften) hat unter anderem Prima Reisen im Programm.

Informationen: Aktuelles über den Ätna und Ausflüge auf den Vulkan bieten vulkan-etna-update.de oder www.etnaguide.com
  • Frühling an der Ostküste Siziliens: Während oben auf dem Ätna noch flott Ski gefahren und Touren gegangen werden kann, hat die Natur weiter unten auf der dreieckigen Sonneninsel längst ihr schönstes Blütenkleid angelegt.
    foto: fototeca enit

    Frühling an der Ostküste Siziliens: Während oben auf dem Ätna noch flott Ski gefahren und Touren gegangen werden kann, hat die Natur weiter unten auf der dreieckigen Sonneninsel längst ihr schönstes Blütenkleid angelegt.

  • 2006 spuckte der Ätna Lava.
    foto: etnaguide.com

    2006 spuckte der Ätna Lava.

  • Artikelbild
    grafik: der stanard
Share if you care.