McDesign

5. April 2008, 17:00
2 Postings

War der Zusatz "designed by" bisher ein Synonym für exklusiv, findet man ihn heute im Möbelmarkt ebenso wie im Auktionshaus - Über die wachsende Spannbreite von Design zwischen demokratisch günstig und superelitär

Es ist nicht allzu lange her, da war der Wortzusatz "Design" mit dem Prädikat "exklusiv" gleichzusetzen. Heute ist das anders: Heute werden "echt originale" Designerstücke von Ron Arad oder Zaha Hadid auf Auktionen um horrende Summen versteigert, wie Kunstwerke gehandelt und schließlich mit der adäquaten Sammlermentalität staunenden Gästen vorgeführt, als handle es sich um verschollene Meisterwerke. Am anderen, unteren Ende der Designleiter aber bewegt sich das Extrem in Richtung Tiefstpreise, die kaum mehr zu unterbieten sind.

Dem wachsenden Markt der Mitnahme- und SB-Möbel hat das Etikett "Designerstück" in den vergangenen Jahren klare Zuwachsraten und Salonfähigkeit beschert. Im schnelllebigen Segment geht der Trend hin zu formschönen und qualitativ hochwertigen Produkten, behaupten zumindest die Hersteller. Und auch die Internationale Möbelmesse IMM in Köln widmete im Frühjahr zwei ganze Hallen dem Thema "Jung, topaktuell und flexibel". Das dargebotene Sammelsurium von Kleinmöbeln zeigte die gesamte Bandbreite von Farben, Formen und Materialien, die der Markt gerade so hergibt. Über allem schwebte dieser so mannigfaltig definierte Begriff - Design.

Unter der Designflagge

In Zeiten von "Geiz ist geil" gewandet sich Design besonders volksnah. Davon profitieren vor allem junge Leute, Studenten und Familien in der Nestbauphase, die mit günstigen Gadgets von Ikea und Co im Handumdrehn ihre Bude aufmöbeln. Kare, Möbelix und Konsorten - im Kielwasser des Frontschiffs Ikea schwimmt eine ganze Armada hauptsächlich regionaler SB-Möbelhersteller unter der Designflagge. Denn der Zusatz "Design" macht Möbel mit Billigsdorfer-Mentalität gesellschaftsfähig.

"Mitnahmemöbel haben im Jahr 2006 ein einstelliges Umsatzplus bei deutschen und europäischen Herstellern erbracht", erklärt die IMM Köln in einer Pressemitteilung. Das Kind hat auch schon einen Namen: "McMode" nennt das Zukunftsinstitut Kelkheim in seiner Studie "100 Top Trends - Die wichtigsten Driving Forces für den kommenden Wandel" jene Bewegung, in der "die Grenzen zwischen Design, Luxus und Low Budget verschwimmen". Und mit dem Ausdruck "Smart Basics" umschreibt die Studie jenes Phänomen "der neuen Convenience-Marken: jung, cool, chic, designerhaft - und billig" (www.zukunftsinstitut.de).

Kennen Sie jemanden, der nicht ein Stück von Ikea besitzt? Eben. Als einer der Ersten propagierte der Wohnriese in den 70er-Jahren Möbel als Modeartikel und verschrieb sich der Wegwerfmentalität ("Benutze es, und wirf es weg"). Heute setzt der skandinavische Möbelkonzern auf politisch korrektere Slogans. So findet sich der Merksatz "Großes Design entsteht aus großen Köpfen - und aus einem knappen Budget" aktuell auf der Homepage des Hauses. Unter dem Menüpunkt "Ikea Wahnsinn" präsentiert der Möbelriese aus dem Norden Designerköpfe und die Geschichten der dazugehörigen Produktneuheiten.

"Liebevolle Massenproduktion"

Und siehe da, unter den "wahnsinnig" Kreativen findet sich niemand Geringerer als die internationale Topdesignerin Hella Jongerius, die seit 2005 mit dem Möbelhaus kooperiert. Wer sich schon immer einmal ein Objekt der Holländerin ins Wohnzimmer stellen wollte: Die Terrakotta-Vase "Jonsberg" ist für 35 Euro und in verschiedenen Varianten zu haben.

"Exklusives Design ist nicht wirklich attraktiv ... also erklärte Designerin Hella Jongerius den niedrigen Preis zu ihrer Muse", heißt es im Text der Homepage weiter. Hellas Vase nennt der Hersteller eine "liebevolle Massenproduktion", "für die Massen von Kunstliebhabern auf der ganzen Welt", und er liefert eine passende Selbstbeschreibung: "Ikea ist ein demokratisches Unternehmen und hat schon in seiner Geschäftsidee verankert, für möglichst viele Menschen da zu sein." Zumindest der letzte Punkt ist nicht zu widerlegen: denn zu den Konditionen des Giganten kann kaum ein Konkurrenzunternehmen produzieren.

Auch für Ikea scheint es schwierig, sich selbst zu unterbieten. Eines der letzten Mittel, die Preise zu senken, liegt wohl in der Minimierung der Transportkosten, was zwangsläufig zur Gretchenfrage im Objektdesign führt. Denn da wird bereits geklappt, gestapelt und gefaltet, was das Zeug hält. Das Ergebnis zeigt sich dann in zusammenlegbaren Kronleuchtern, in werkzeuglos zu montierenden Stühlen und in Dauerbrennern wie Regal "Billy" sowieso. Als echter Preisknüller kommen dann Kinderhocker "Försiktig" oder Tischleuchte "Lampan" mit 2,50 Euro pro Stück daher. Das entspricht in etwa dem Preis eines Big Macs. (Franziska Horn/Der Standard/rondo/04/04/2008)

  • Der Designbogen spannt sich immer weiter: Der Besitzer der Ron-Arad-Liege "Spring" musste 61.000 Euro für diese springen lassen; bei Ikea bekommt man schon für eine Handvoll Euro etwas zum Sitzen.
    foto: hersteller

    Der Designbogen spannt sich immer weiter: Der Besitzer der Ron-Arad-Liege "Spring" musste 61.000 Euro für diese springen lassen; bei Ikea bekommt man schon für eine Handvoll Euro etwas zum Sitzen.

Share if you care.