Der Schuhrebell

3. April 2008, 17:00
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Hippies verzierten ihn mit Peace-Zeichen, Punks mit Anarchie-Symbolen - Der Chuck ist der bekannteste Sportschuh der Welt - Jetzt wird er 100 - Über die Treter, die nicht unterzukriegen sind

Als sich bei den Modeschauen in Mailand Carine Roitfeld, legendäre Chefredakteurin der französischen Vogue, auf ihrem Platz in der ersten Reihe niederließ, da wanderten die Blicke der anderen Besucher auf ihre Füße. Die Mitfünfzigerin trug keine High Heels. Sie sind ihr Markenzeichen und mindestens genauso spitz wie ihr Ruf. Roitfeld trug goldene Chuck Taylor All Star. Diese für die Modewelt nicht unbedeutende Episode ereignete sich im vergangenen Sommer, und spätestens seit diesem Zeitpunkt ist klar: Der Chuck hat es bis in die oberste Liga geschafft.

1917 als Basketballschuh konzipiert, hat der bekannteste Schuh der Welt längst seinen angestammten Platz auf dem Court verlassen und ist zum omnipräsenten Lifestyle-Objekt geworden. Die 1908 von Marquis Converse in Massachusetts gegründete "Converse Rubber Shoe Company" bleibt bis heute untrennbar mit dem Chuck verbunden und hat damit Mode-Geschichte geschrieben.

Ist und bleibt Kult

Der Erfolg des nach Profispieler Chuck Taylor benannten Sneakers ist ein Phänomen, das seinesgleichen sucht. Während andere Modelle von Trendwellen umhergewirbelt wurden, fand er stets eine Nische - nicht selten eine äußerst geräumige. Trotz 750 Millionen verkaufter Exemplare und der Übernahme von Converse durch Nike im Jahr 2003 verkam der Chuck wie durch ein Wunder nie zum schnöden Mainstream. Ob unter Punks, Skatern, Ravern, Fashionists, Rockern oder eben Normalos: Er ist und bleibt Kult - das Coca-Cola unter den Turnschuhen.

Wie aber gelang es "America's Original Sports Brand" mit dem unspektakulären, nicht einmal sonderlich hübschen Style, über Jahrzehnte am Puls der Zeit zu agieren? Die Antwort: Image, Preis, Design. Bereits James Dean und Elvis verliehen ihm als erste prominente Träger die Aura der Rebellion, ein Stempel, der den Kicks bis heute anhaftet. Mick Jagger trug Chucks bei seiner Hochzeit, Kurt Cobain, als er starb, und Joey Ramone kam wahrscheinlich mit ihnen auf die Welt.

Blumen und Sicherheitsnadeln

Preislich stets erschwinglich, lieferten sie - ganz Canvas-Leinwand - von jeher Projektionsfläche für individuelle Interpretationen. Die Flower-Power-Kinder verzierten sie mit Peace-Zeichen oder steckten Blumen in die Schuhbandösen, die Anhänger der Punkbewegung in den späten 1970ern malten Anarchie-Symbole und flickten die maroden Teile mit Klebeband und Sicherheitsnadeln, bis sie endgültig das Zeitliche segneten. Customizing war geboren, und Converse industrialisierte den Drang nach Personalisierung vor allen anderen Marken. Für jeden Fuß der passende Look. Die typische Silhouette, ob flach oder knöchelhohe Variante, blieb dabei stets unangetastet, die Palette hinsichtlich Farben oder Materialien scheint bis heute unerschöpflich. Jeans-, Camouflage- und Patchwork-Optiken eroberten den Markt, Filz-, Leder- oder Fleece-Ausstattungen machen den Schuh winterfest. Seit 2005 können Converse-Fans sogar selbst zu Designern werden: Mit dem Internet-Werkzeug "Design Your Own" kann im Handumdrehen ein eigenes Modell in Lieblingsfarbkombinationen kreiert werden. Selbst absolute Premium-Fans finden ihre Chuck-Favoriten heute in den zahlreichen Unterlinien der Marke: Kürzlich tat sich Converse mit dem Designer Junya Watanabe (Comme des Garcons) zusammen, der Amerikaner John Varvatos kreiert nunmehr in der vierten Saison hochwertige Fashion-Styles für die Sportspezialisten.

Deadstock-Exemplare

Die Wendigkeit und Experimentierfreude tut nicht nur den Umsatzzahlen der Marke gut, sondern eben auch dem Image. In unzähligen Internetforen und Fan-Homepages laufen Diskussionen darüber, an welchen Merkmalen man asiatische oder ehemals amerikanische Produktionsstätten erkennt und welches nun das coolste Stück ist. Dann und wann tauchen alte Lagerbestände auf, meist aus den 70er- oder 80er-Jahren, sogenannte Deadstock-Exemplare, die dann zu Höchstpreisen gehandelt werden. Die Krönung des Fantums und wahre Enzyklopädie zum Thema Chuck ist die Webseite www.chucksconnection.com. Ein Newsroom verkündet ständig aktuelle Neuerscheinungen - und gibt selbst Schuhbänderbindetipps. Akribisch genau wird aufgelistet, welche Musiker bei ihren Auftritten und Videos Chucks tragen und in welchen Filmen und TV-Shows welche Schuhe im Bild zu sehen sind.

So kann man beispielsweise erfahren, dass Will Smith im Film "I, Robot" mit einem 2004er Deadstock Chuck auch im Jahr 2035 für den Kampf gegen das Böse gerüstet ist. Der Chuck wird dann 118 Jahre alt sein und wahrscheinlich unverwüstlich cool wie eh und je - ob nun gold-glänzend oder löchrig abgerockt. (Romy Uebel/Der Standard/rondo/04/04/2008)

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    Kein anderer Schuh ist so eng mit der Musikgeschichte verknüpft wie der Chuck. Seit Jahrzehnten symbolisiert er geradezu das rebellische Image des Rock.

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