Keine Angst vor Körperflüssigkeiten!

2. April 2008, 19:01
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Wer Musik sagt, muss beim donaufestival in Krems auch Performance sagen. An sieben Abenden und Nächten greifen ab 24. April die Kunstsparten wieder ineinander

Nachteulen sind gefragt - und hartgesottene Zuschauer.

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In Zeiten der großen Gleichmacherei, in denen die Uniformität einer MySpace-Seite, die man mit Abermillionen anderer "Individualisten" teilt, als cool angesehen wird, ist es nachvollziehbar schwierig, aus dieser virtuellen Schrebergartensiedlung, in der jeder Gartenzwerg auf seine bescheidene, aber aufdringliche Art "Ich!" schreit, Gehaltvolles zu destillieren. Das donaufestival in Krems nimmt sich dieser Aufgabenstellung wieder an: "Performance, Music, Film, Art" stehen an sieben Abenden und Nächten am Programm. "Angst, Obsession, Beauty" dienen heuer als strapazfähige, zart an Duftwässerchen erinnernde Begriffe, zu denen Intendant Tomas-Zierhofer-Kin sein Programm zusammenstellt und auf Kollisionskurs zu reinen Kommerzfestivals schickt. Nach einem Wort des französischen Dichters Georges Bataille will er "den Tabubruch als moralischen Akt" projizieren, illustrieren und vertonen.

Musikalisch setzt er auch heuer nicht auf wirkliche "big names" - sieht man einmal von Cat Power ab. Die US-Sängerin, deren Songs oftmals wie dreiminütige Exorzismen und dabei noch seelenvoll klingen, konnte exklusiv für einen Abend verpflichtet werden, an dem der legendäre Avantgardefilmemacher Kenneth Anger zur Weltpremiere seines Films Ich will sowie zu der Multimediashow Technicolor Skull lädt.

Daneben gibt es eine Reihe weniger bekannte Namen und Projekte, bei denen sich das donaufestival auf den Mut und die Neugierde seines Publikums verlässt. Für Bands wie die Chicagoer Rock-Innovatoren Tortoise oder die oft und oft und gerne gesehenen New Yorker Lärm-Wüteriche Liars gilt das weniger als für tatsächlich kaum bekannte bis unbekannte Acts im Programm.

Etwa den wundersamen, zerbrechlichen Folk eines Scott Matthew (siehe Interview rechts), den waidwunden Will-Oldham-Jünger Matthew Houck alias Phosphorescent, das irrwitzige norwegische Metal-Projekt Killl, den an Sonic Youth gemahnenden Noiserock der Magik Markers, den gespenstischen Rock von Apse (siehe Text unten), den ruppigen eruptiven Noise von Health, den explizit lesbischen HipHop der New Yorker Bunny Rabbit, den ätherischen schwedischen Crooner Jay-Jay Johanson, das wüste The Go! Team und viele andere mehr.

Hallo Schmerzgrenze!

"Obsession" und "Beauty" treten hier mannigfaltig zutage. Müsste nur noch das Publikum seine "Angst" vor dem Unbekannten überwinden. Und diese Hemmschwelle könnte im Fall der mit den Musikveranstaltungen planmäßig eng verstrickten Performances heuer ziemlich hoch sein. Mit Jean-Louis Costes, Robert Lima oder Ron Athey finden sich nämlich Aktivisten ein, die an Schmerzgrenzen führen. Der Franzose Costes, der in seinen pornografischen Performances das "Hantieren" mit jeglichen Körpersäften auf offener Bühne vorsieht (Zutritt ab 18 Jahren!), ergründet mit Filmemacher Paul Poet die Fleischeslust Mozarts (Satan Mozart Moratorium, siehe rechte Seite). Die Hosen (eigentlich: Röcke) runter lassen auch die mit dem Aufbrechen stereotyper Rollenbilder befassten Frauen in Ann Liv Youngs Solo. Noch mehr als in den Jahren zuvor fallen in Krems dabei die Grenzen zwischen den Sparten, um unterschiedliche Kunstformen als Ballung erfahrbar zu machen. Body-Artist Ron Athey, der sich mit Dominic Johnson in Self-Obliteration Double Bill Opferritualen am eigenen Leib aussetzt, kooperiert mit den Linzer Extrem-Musikern Fuckhead für eine "rude performance". Als ungemütlich muss auch die von Kenneth Anger inspirierte Uraufführung von Anger/Nation (hip deep in shit) der New Yorker Radiohole am zweiten Festivalwochenende eingestuft werden. Ein Österreich-Debüt.

Dagegen sind Gob Squad alte Bekannte, die es in Super Night Shot wieder einmal auf die echten Kremser Menschen abgesehen haben.

Gleich zum Start präsentiert Gay-Trash-Meister Bruce LaBruce in Cheap Blacky seine Queer-Cinema-Welt erstmals als Theater. Und weil die Acts allesamt ineinandergreifen und somit Schau- bzw. Hörgewohnheiten auflösen, wird auch die Ticketpolitik modifiziert: Der große Tagespass gilt für alle Veranstaltungen inklusive jener in der Minoritenkirche, der kleine Tagespass exklusive. (Margarete Affenzeller, Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 03.04.2008)

  • Die begnadete US-Sängerin Cat Power wird als "big name" das donau-festival mit einem exklusiven Auftritt adeln.
    foto: edel

    Die begnadete US-Sängerin Cat Power wird als "big name" das donau-festival mit einem exklusiven Auftritt adeln.

  • Die Experimentaltheaterformation Radiohole aus New York gilt als neue Wooster Group. Bevor das Trio (mit Gast) vor Ort am Auftragswerk "Anger/Nation" arbeitet, gastiert es mit "Fluke" im brut Künstlerhaus.
    foto: radiohole

    Die Experimentaltheaterformation Radiohole aus New York gilt als neue Wooster Group. Bevor das Trio (mit Gast) vor Ort am Auftragswerk "Anger/Nation" arbeitet, gastiert es mit "Fluke" im brut Künstlerhaus.

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