Kinderkrankheiten bekämpfen oder "zulassen"

9. April 2008, 11:56
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Rund um den massiven Ausbruch der Masern in Salzburg entbrennt erneut eine medizinische Grundsatzdiskussion

Epidemien sind als große Katastrophen im kollektiven Gedächtnis verankert. Seuchen wie Cholera, Pest oder Typhus haben Tausende von Menschen dahingerafft. Das alles war aber früher, mittlerweile kann man sich gegen eine ganze Reihe von Krankheiten wappnen. Und zwar mit Impfungen. "Unser Immunsystem ist dahingehend konzipiert, Krankheitserreger von außen abzuwehren. Dafür ist es da", erklärt Impfexperte Herwig Kollaritsch vom Institut für Tropenmedizin der Med-Uni Wien.

Es gibt zwei Arten der Immunisierung: Bei passiven Impfungen werden bereits fertige Antikörper gegen einen Erreger injiziert, bei aktiven Impfungen wird das Virus selbst – das vorher seiner gefährlichen, weil schwerkrank machenden Eigenschaften beraubt wurde – in den Körper gespritzt und der Körper bildet die Antikörper selbst. Die Masern-Impfung ist eine aktive Impfung und laut Impfpass im zweiten Lebensjahr vorgesehen (siehe Wissen). "Die Masern sind im Vergleich zu anderen Kinderkrankheiten rasend gefährlich", sagt Martin Zekert, Kinderarzt in Wien. Ein bis zwei Kinder von 1000 entwickeln bei Masern eine Enzephalitis, eine Art von Gehirnhautentzündung, 25 Prozent davon sterben, ein Drittel überlebt mit schweren Folgeschäden.

Viren-Migration

"Masern gibt es noch, sie sind nicht ausgerottet, und weil wir in einer globalisierten Welt leben, bekommt sie jeder irgendwann ganz sicher einmal", weiß Impf-Experte Kollaritsch. Laut WHO sind im Jahr 2000 30 bis 40 Millionen Masernfälle weltweit aufgetreten, 770.000 davon verliefen tödlich. Und genau das ist der Grund, warum die Masernimpfung im Impfplan des Obersten Sanitätsrats auch vorgesehen ist. Die Vorbehalte der Eltern kennt Kinderarzt Zekert ganz genau. "Eltern fürchten sich vor drei Dingen. Erstens: vor den Impfreaktionen. Zweitens: Sie haben Sorge, weil Masern ein Lebendimpfstoff sind. Und drittens: Sie haben Angst vor Impfschäden, die in Sendungen wie etwa 'Vera exklusiv' in regelmäßigen Abständen publik gemacht werden", sagt Zekert. Dem Impf-Spezialisten Kollaritsch sind allerdings keine Impfschäden nach Masern-Impfungen in Österreich bekannt, "und wir impfen immerhin schon seit den 60er-Jahren", sagt er und vertritt damit die Meinung der Schulmedizin.

Demgegenüber stehen Mediziner mit anthroposophischer Ausrichtung wie Martin David, Kinderarzt in Wien. "Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass Kinder die Kinderkrankheiten auch durchmachen, nicht nur der Körper, sondern auch der Geist und die Seele des Kindes erfahren etwas dadurch", sagt er. Epidemien wie die in Salzburg erschrecken ihn nicht, "wenn man Krankheiten zulassen will, dann gehören sie dazu", sagt er. Denn, dass Masern eine sehr schwerwiegende Erkrankung sind, steht für ihn außer Zweifel und deshalb bespricht er mit Eltern, ob sie es überhaupt aushalten würden, ein Kind mit über 40 Grad Fieber über Tage pflegen zu können, sich Zeit zu nehmen, wochenlang zu Hause zu bleiben, weil die kranken Sprösslinge ja nicht in die Schule gehen können. "In unserer Gesellschaft gibt es kaum noch Zeit fürs Kranksein", sagt er.

Sinn von Krankheit

Rät er Eltern von Masernimpfungen ab? "Nein", sagt David, er informiere nur umfassend, die Entscheidung liegt dann bei den Eltern. Seine eigene Tochter hat er im Teenager-Alter impfen lassen, "weil man weiß, dass je älter die Masernbetroffenen sind, desto schwerer auch die Krankheit verläuft." Sie hatte wie viele andere niemals die Masern, weil die hohe Durchimpfungsrate mitunter ja auch Nicht-Geimpfte schützt.

Und genau dieses Argument macht Klaus Connert, Allgemeinmediziner und Referent für Komplementärmedizin der Österreichischen Ärztekammer, auch wütend: "Gäbe es keine Impfungen, würden Epidemien wie Masern viel häufiger sein." Ganz grundsätzlich sei bei jeder Impfdebatte zwischen Individualwohl und Allgemeinwohl zu unterscheiden, "solange nicht das eigene Kind jenes eine von tausend ist, das durch die Krankheit lebenslänglich behindert wird, kann man leicht gegen die Masernimpfung wettern", sagt er. Was ihm als erfahrenem Homöopathen wichtig ist: "Oft heißt es, man könne Masern mit homöopathischen Mitteln gut behandeln und es gäbe weniger Komplikationen. Darüber gibt es keine Studien", sagt er und würde nie von Impfungen abraten.

Schlussendlich bleibt die Entscheidung eben Eltern überlassen. Die Salzburger Psychologin Hemma Ploier ist Mutter eines an Masern erkrankten Kindes. "Ich wehre mich, als verantwortungslos hingestellt zu werden", sagt sie. Ihre Argumentation: Impfen ist freiwillig, deshalb dürfe man jetzt auch nicht all jene verteufeln, die sich für die Freiwilligkeit entschieden haben. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2008)

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    Masernvirus unter dem Elektronenmikroskop: Im schlimmsten Fall kann eine Entzündung des Gehirngewebes (Panenzephalitis) eine schwere Behinderung auslösen.

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