Bei Goethe fängt das Kino an

2. April 2008, 19:37
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Spaßtheater adieu! Mit sprachzentrierten, puristischen Inszenierungen scheidet der Regiestar Laurent Chétouane die Theatergeister

"Faust II" in Weimar ist das jüngste Beispiel. Ein Teilstück davon ist ab heute im Wiener brut zu sehen.

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Wien – "Wenn die Schauspieler besoffen spielen", sagt Laurent Chétouane, "dann können sie Goethe auf einmal problemlos sprechen." Nun, am Theater muss man manchmal auch mit ungewöhnlichen Techniken operieren. Nicht, dass es dem Regisseur darum ginge, ein Ensemble aus reinen Spiegeltrinkern zu führen, keineswegs. Die Damen und Herren Darsteller von Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil, den der aus Angoulême gebürtige Regiestar vor zwei Wochen am Nationaltheater Weimar inszenierte, hatten alle Sinne beisammen. Ihr Wanken und Lallen diente allein dem künstlerischen Zweck der Rückeroberung der Verssprache. Keine Frage, das Publikum ging auf die Palme. Und auch die Presse ist im Fall Chétouane auffallend uneins. Ein gutes Zeichen.

 

Mit seinen puristischen, sprachzentrierten Theaterarbeiten eckt der seit zehn Jahren in Deutschland lebende Franzose immer wieder an. Wen wundert’s, visiert er auch immer punktgenau die Heiligtümer an: Schiller, Hölderlin, Büchner, Brecht.

Viereinhalb Stunden des Menschheitsdramas Faust II waren jedenfalls denen in Weimar zu viel, die den Braten vom ewigen deutschen Klassiker zu riechen glaubten. Aber Chétouane (35), ein studierter Chemieingenieur, der die Theaterwissenschaft an der Sorbonne Nouvelle und dann das Regiehandwerk bei Hans Hollmann in Frankfurt gelernt hat, er begreift Goethe ganz anders: als Visionär. Das allein aber ist es noch nicht. Laurent Chétouane begreift Goethe auch über Heiner Müller, über Einar Schleef, er beschreibt ihn mit Deleuze. Und das auf ganz griffige Weise: "Es gibt zuerst den Rhythmus, dann kommen die Wörter, und dann gucken wir, was für Sätze entstehen."

Das Zentrum des Unbehagens gegenüber seiner Arbeit ist Chétouanes Verständnis von Sprache und deren (Re-)Produktion auf der Bühne. Als Nichtmuttersprachler liest er einfach anders. Zu Zeiten seiner Übersiedlung nach Deutschland (der Liebe wegen) habe er kaum einen Satz verstanden, nur einzelne Wörter. "Das war, als würde man die Schrift auf einem Blatt Papier nur von hinten lesen können. Da habe ich kapiert, was Sinnentstehung ist. Vor allem bei Heiner Müller: Er mischt die Wörter enorm auseinander, und man muss immer neu komponieren, bis der Moment der Sinnentstehung eintritt. Worte, Worte, Ping: Sinn. Worte, Worte, Ping: Sinn. Genau das ist es: Theater ist für mich dann ideal, wenn man sieht, wie Sinn entsteht."

Chétouane benützt Sprache als Droge – "Man kann sich am Theater mit einer Substanz wegbeamen, ohne etwas zu schlucken!" –, da ist er bei Faust ganz richtig. Das gemeinhin als unspielbar geltende Drama ist für den sattelfesten Theatermacher diesbezüglich eine Offenbarung. "Ich fühle mich Goethe nahe, ich lese ihn nicht als Vertreter des deutschen Klassizismus. Man muss Faust II ja nicht als Aneinanderreihung von Wahrheiten sehen, sondern als ein Riesendelirium von Herrn Goethe."

Imagination ist alles

Mehr noch: Goethe, das Schreckgespenst der deutschen Klassik, bei dem Sirenen und Hippokampen über altertümliches Geröll schwirren, ihn erklärt Laurent Chétouane zum Zeitgenossen, der deutlich auf das 20. Jahrhundert vorgegriffen hat: "Goethe wusste schon, dass alles, was wir imaginieren, viel stärker ist als die Realität. Seine Allegorien, die man allesamt ja nicht darstellen kann, erinnern an die Flüchtigkeit des Kinos. Der ganze erste Akt, in dem Helena Faust erscheint, ist Kino. ,So fern sie war, wie kann sie näher sein!‘ – Faust begehrt nicht mehr Gretchen, nicht die echte Helena; er will das Bild von Helena, ja klar, das ist viel besser! Damals haben sie die Laterna magica verwendet, um ein bisschen Schatten zu erzeugen, das sind die ersten Schritte des Kinos."

Von diesen Faust-Eindrücken bekommt Wien allerdings nur einen Bruchteil zu sehen. Ab heute zeigt Chétouane im brut Künstlerhaus eine aus Faust II herausgelöste Tanzarbeit namens Tanzstück#2: Antonin Artaud liest den 2. Akt von Goethes Faust und. Seit ihm die deutsche Sprache nicht mehr fremd genug ist, arbeitet Chétouane mehr mit dem Körper. Sein nächstes Projekt widmet sich dann erstmals einem Landsmann: Marcel Proust. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 03.04.2008)

"Tanzstück#2: Antonin Artaud liest den 2. Akt von Goethes Faust 2 und", brut Wien, 3.–5.4., 20 Uhr. "Faust. Der Tragödie zweiter Teil", Nationaltheater Weimar, 12., 30.4.

  • "Im Haus meiner Großeltern in Frankreich haben wir täglich acht Stunden Goethe gepaukt": Laurent Chétouane.
    foto: urban

    "Im Haus meiner Großeltern in Frankreich haben wir täglich acht Stunden Goethe gepaukt": Laurent Chétouane.

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