Kunst ist nicht zum Essen da

1. April 2008, 21:17
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Kann man Verpackungen für Lebensmittel auch zum Schutz von Kunstgegenständen verwenden?

Nach einer entsprechenden Anpassung schon, wie ein Forschungsprojekt zeigt. Schimmel und andere Schädlinge sollen sich ab sofort andere Opfer suchen. Kunst steht nicht mehr am Speiseplan.

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Rund 90 Prozent aller Sammlungsobjekte in Österreich liegen im Depot. Zahllose kleine Kultureinrichtungen haben aber nicht die Mittel, klimatisierte Lagerräume zu bauen. Deswegen sind unwiederbringliche Objekte in Kellern oder auf Dachböden untergebracht, wo ihnen Schimmelbildung, Bakterienbefall, Verbiss durch Insekten und Nagetiere, Klimaschwankungen und Staub arg zusetzen. "Holz, Leim und Farbe sind bei Käferlarven sehr begehrt. Sie fressen die Proteine und zermürben so Kunstgegenstände", beschreibt Gabriele Krist, Leiterin des Instituts für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst, den Speiseplan von Schadinsekten.

Bisher mussten Bilder, Statuen und Co zur regelmäßigen Schädlingsbekämpfung abgebaut, verpackt, versichert und in eine Begasungsanlage transportiert werden. Mit der Stickstoff-Begasung und Verpackung in Folien vor Ort können künftig bis zu 60 Prozent der Kosten gespart werden. Die geeignete Verpackung abgestimmt auf das Kunstwerk vorab auszuwählen, war Aufgabe des Projektpartners Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI). Lagerzeiten von ein bis eineinhalb Jahren waren nötig, um potenziell schädliche - und bei hochkarätigen Kunstwerken natürlich gänzlich unerwünschte - Nebenwirkungen zu prüfen.

Folienfachmann Johannes Bergmair lobt Verpackungen: Sie werden vom Konsumenten oft unterschätzt, sind ihm eher lästig, man will sie loswerden, und sie enden - einmal entfernt - als Müll. Gleichzeitig sollen sie umweltgerecht, gebrauchstauglich und billig sein, vor schädlichen Umwelteinflüssen schützen und das "Füllgut" nicht schädigen.

Gewöhnlich beschäftigt er sich mit Verpackungen für Lebensmittel, Gefahrengut und Transport. In diesem Fall durften "durch die Folie keinesfalls chemische Reaktionen ausgelöst werden, die Material oder Farbe angreifen. Je nach Objekt musste die Verpackung dichter oder durchlässiger sein." Als "Füllgut" dienten im Praxistest Silberschmuck aus dem Museum für Angewandte Kunst (MAK), Schüttbilder von Hermann Nitsch aus der Sammlung Essl oder sogar Badeanzüge aus dem Wien Museum.

Im Auge behalten

Ein Plastiksackerl sollte man sich niemals über den Kopf ziehen. Dennoch ist es nicht wirklich gasdicht. Chipverpackungen werden deshalb mit einer hauchdünnen Aluschicht bedampft. Eine Lösung, die nicht infrage kam, weil man die Kunstobjekte zu jeder Zeit im Auge behalten sollte.

Das OFI-Team testete also transparente, mehrlagige Folien aus EVOH (Ethylvinylalkohol) und Polyethylen. Auch gewöhnlicher Wurstaufschnitt "ist in mehrschichtiger Verbundfolie mit einer Stärke von nur 40 Mykrometer verpackt", schwärmt Bergmair. Der Trick ist, Kunststoffe mit unterschiedlichen Eigenschaften verschiedene Aufgaben erfüllen zu lassen: EVOH hält Sauerstoff fern, Polyethylen ist eine Barriere gegen Wasserdampf.

Die fertigen Bahnen können mit etwas Geschick und einer Heißzange zu einem Folientunnel beliebiger Größe luftdicht verschweißt werden.

Gabriele Krist hat das mit ihrer Gemäldeklasse im Stift Kremsmünster demonstriert: 60 Kubikmeter oder 500 Stück Gemälde wurden in einem 40-Meter-Folientunnel begast, verpackt, wodurch die zeit- und geldsparende Anwendbarkeit überprüft wurde. In Schulungen sollen die fachgerechten Handgriffe nun auch Sammelnden weitergegeben werden.

Kutschen einpacken

Das kniffligste Objekt hatten die Forschungspartner bereits in der ersten Phase des von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG finanzierten Projekts verpackt: ganze Kutschen aus der Wagenburg des Kunsthistorischen Museums, die in Dimension und Materialmix ein anspruchsvolles Übungsfeld absteckten. "Die Zukunft der Restaurierung liegt in der vorsorgenden Konservierung. Knappe Gelder sind - ähnlich wie in der Medizin - in der Vorbeugung am besten investiert", ist Gabriele Krist überzeugt.

Für die dritte Phase des FFG-Projekts will das bewährte Team eine ganze Holzkanzel im nördlichen Niederösterreich einpacken und so zeigen, wie auch nicht bewegliche Kunstschätze in bedeutenden barocken Kirchen gesichert werden können. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2008)

  • Nicht nur Wurstaufschnitt kann in Kunststofffolien verpackt werden, auch in Depots liegende Kunstgegenstände werden so "frisch" gehalten.
    foto: olah

    Nicht nur Wurstaufschnitt kann in Kunststofffolien verpackt werden, auch in Depots liegende Kunstgegenstände werden so "frisch" gehalten.

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