In der Hintertasche der Welt

6. April 2008, 18:48
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Der deutsch schreibende mongolische Schriftsteller Galsan Tschinag ist Oberhaupt des Volkes der Tuwa und Schamane - Im Interview über sein neues Buch und China

Standard: In Ihrer Erzählung "Menschenwild" wird eine Frau von einem Tiermenschen verschleppt. Sie wird mit ihrer eigenen Fremdheit, aber auch mit "dem Anderen", "dem Unbekannten" konfrontiert.

Tschinag: Das ist eine schöne Deutung, trotzdem denken Sie zu kompliziert. Das Vorhandensein dieser Tiermenschen ist in unserem Volksglauben stark verwurzelt. Wir reden von diesem Wesen, dem Yeti, wie von einem Nachbarn. Wie von den Kirgisen, den Chinesen, den Russen. Oder wie von den Bewohnern des übernächsten Dorfes.

Standard: Es geht um die Einsamkeit des Einzelnen.

Tschinag: Der Mensch ist letzten Endes einsam. Wir können 40 Jahre verheiratet sein, aber ab und an sagt man sich: "Bursche, Du bist ja ganz allein." Der Mensch kann seinen Nächsten, und sei er ihm noch so vertraut, nie bis zum Letzten verstehen, wenn man so will, das Kant’sche "Ding an sich" nicht erklären, geschweige denn erkennen.

Standard: Sie haben in Leipzig studiert. Deutsche Philosophie und Literatur sind für Sie sehr wichtig.

Tschinag: Ich würde natürlich nie so schreiben, wenn ich immer bei meinem Stamm im Altai geblieben wäre. Dass ich aus der Enge der Sippengesellschaft hinausgekommen bin, ist ja nicht nur für mich, sondern auch für mein Volk eine Möglichkeit, Dinge unseres Lebens aus einer anderen Entfernung zu betrachten.

Standard: Was denken Sie über die Aufstände in Tibet?

Tschinag: Jeder weiß, dass China in Tibet eine Besatzungsmacht ist, die viel Blut vergossen hat und es weiter tut. Trotzdem werden die OlympischenSpiele stattfinden und China weiter als blühende Großmacht bewundert werden. China muss bei Laune gehalten werden, denn es winken eine Vielzahl von Großaufträgen für den Westen. Käme es zu einem Olympiaboykott, würde die chinesische Regierung sofort nachgeben und den Dialog suchen.

Standard: Sie haben einmal geschrieben, die Mongolei hätte sechs Feinde: den chinesischen Maoismus, den Kapitalismus und die vier Jahreszeiten.

Tschinag: Die Kommunisten sind wieder voll an der Macht. Der Staatspräsident ist Kommunist, der Parlamentspräsident auch, und die Regierung ist sowieso kommunistisch. Aber diese vermeintlichen Kommunisten, die 70 Jahre lang gesagt haben, der Kapitalismus sei unser Feind, sind schlimmer als alle Kapitalismen dieser Welt zusammen. Es handelt sich um ganz gierige und gewalttätige Manchester-Kapitalisten.

Standard: Sie gelten als die Stimme Ihres Volkes. Die Zukunft des Nomadentums sehen Sie pessimistisch.

Tschinag: Die Aussichten sind düster. Denken Sie an die Erderwärmung, die Gletscher schmelzen, die Mongolei ist entwässert, auch durch die Wühltätigkeit ausländischer Konzerne. Alle graben nach Gold, Silber und Wolfram. Keiner achtet auf die Natur. Da wühlt die Rohheit und Dummheit mit einer unglaublichen Aggressivität. Dieses Land wird gerade ausverkauft. Und die Erde ist am Sterben. Meine Mission ist es, Stimme eines Volkes zu sein, das in der Hintertasche dieser Welt steckt.

Standard: Sie verstehen sich als Vermittler. Als Schamane auch zwischen den Welten.

Tschinag: Das Leben besteht aus Geist und Seele. Aus europäischer Sicht besteht alles nur aus Fakten, aus Tatsachen. So kann es nicht gehen, es gibt ja in Afrika, Australien, in Europa, Amerika und Asien viele Millionen Menschen auf der Suche. Denkende. Und diese Denkenden werden immer wieder die Frage stellen: Ist denn das wirklich alles?

(Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2008)

Zur Person:
Galsan Tschinag wurde Anfang der 1940er-Jahre in der Westmongolei geboren. In den 60ern studierte er in Leipzig Germanistik. Seither lebt er wieder bei den Tuwa, einem Nomadenvolk. Er arbeitet in Ulan-Bator und verdient das Geld im Ausland. Er schreibt Erzählungen, Gedichte und Romane. Seine neue Erzählung "Menschenwild" erschien bei Insel.
  • Ist denn das wirklich alles? Galsan Tschinag kürzlich auf einer Pinzgauer Alm bei den Rauriser Literaturtagen.
    foto: david sailer

    Ist denn das wirklich alles? Galsan Tschinag kürzlich auf einer Pinzgauer Alm bei den Rauriser Literaturtagen.

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