Nähe, Vertrauen, Vertrautheit: Grundsäulen

1. April 2008, 14:07
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Die Diagonale eröffnet mit Othmar Schmiderers Film "Back to Africa": Ein Portrait André Hellers "Afrika, Afrika!" in der Heimat der Protagonisten – Im Interview

Standard: Ihr Film kreist um fünf Künstler/Artisten aus André Hellers Zirkusprojekt "Afrika, Afrika!" Da Sie schon mehrfach mit Heller gemeinsam Filme gemacht haben, etwa "Im toten Winkel" über Hitlers Sekretärin Traudl Junge, hier natürlich gleich die Frage: War "Back to Africa" ursprünglich als gemeinsames Projekt geplant?

Schmiderer: Nein. Aber Heller ermöglichte mir den Zugang zum Zirkus und gab mir den Vorzug gegenüber anderen Produktionen, die ebenfalls an einem ähnlichen Stoff interessiert waren.

Standard: Wie stehen Sie persönlich der Show-Inszenierung "Afrika, Afrika!" gegenüber?

Schmiderer: Ich hatte einen relativ guten Einblick in die Entstehungsgeschichte dieser Show, da ich zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Porträt über Heller arbeitete. Mitunter war mein Verhältnis zu der Show ein durchaus ambivalentes. Eine Show ist eine Show und die hat ihre eigenen Gesetze – das ist nicht unbedingt meines. Aber wie Heller und sein Team aus dem Chaos unterschiedlichster Menschen mit ihren jeweiligen Darbietungen nach nur sechs Wochen Proben letztendlich die Show inszenierten und auf die Bühne zauberten, das war sehr beeindruckend. Bei allen Bedenken: Ich konnte mich diesem Feuerwerk an energetischen Entäußerungen nicht entziehen. Das war für mich auch der zündende Funke für meinen Film.

Standard: Im Film zeigen Sie ja Details aus dem Heimatumfeld der Artisten. Lebensumstände, die in der Show gegenüber einem gewissen Erlebnispark-Afrika-Feeling zurücktraten. Wie sehr mussten Sie selbst daran und an sich selbst arbeiten, um einen touristischen Blick zu vermeiden?

Schmiderer: Das hat was mit meinem Selbstverständnis als Dokumentarfilmer zu tun. Ich weiß gar nicht, ob man sich das erarbeiten kann. Respekt vor dem Fremden, ein Höchstmaß an Achtung gegenüber der anderen Kultur und den Menschen, vor allem aber bedingungsloses Einlassen auf die Situationen, wie sie sich vor Ort ergeben. Wenn ich mit konkreten Erwartungen nach Afrika gefahren wäre, welche Bilder und Szenen ich haben möchte, also selbst schon ein Bild im Kopf gehabt hätte, dann wäre mein Film wahrscheinlich ein ganz anderer geworden.

Standard: Wie sehr waren dabei Ihre Protagonisten gewissermaßen Ihre "Reiseführer"?

Schmiderer: Nur sehr bedingt. Sie gaben gewisse Örtlichkeiten vor, aber wir hatten kein Programm. Weder die Protagonisten noch wir wussten in den meisten Fällen, was geschehen oder wie etwas ablaufen wird. Das Unvorhersehbare, besondere Augenblicke, Momente des Daseins, Zwischenräume – das ist für mich das Spannende am dokumentarischen Arbeiten.

Standard: War eigentlich die zuletzt im "Spiegel" kritisierte Art der Bezahlung und der Verträge der Artisten bei den Dreharbeiten je ein Thema?

Schmiderer: Ich habe mit dem Zirkus nichts zu tun und weiß nicht worauf sich der Spiegel im Konkreten bezieht. Ich hatte auch keinen Einblick in die Produktionsstruktur der Show, mir ging es um meinen Film und vor allem um Afrika. Mein Eindruck war nie, dass die Artisten schlecht bezahlt würden, zumindest nicht die, mit denen ich zu tun hatte.

Standard: Sind diese Menschen nicht doch auch "One Trick Ponys", die – wie im Zirkus durchaus üblich – "vorgeführt" werden?

Schmiderer: Eine Show ist eine Show. Das kann man vielleicht so sehen, aber für mich kann man eine solche "Zurschaustellung" nicht per se verurteilen und negativ bewerten. Ein afrikanischer Künstler stellt sich genau so zur Schau oder wird "vorgeführt" wie ein europäischer. Das braucht die Kunst in gewisser Weise, sonst gäbe es sie nicht. Allerdings kommt in diesem Fall eine historische Dimension dazu – der Kolonialismus mit all seinen Perversionen im Hinblick auf die Zurschaustellung, aber auch im Hinblick auf den Umgang mit den Menschen. Das ist, wie schon gesagt, eine ziemlich ambivalente Angelegenheit. Der muss man sich zumindest bewusst sein. Für mich war gerade diese Ambivalenz einer der Gründe, einen Film in erster Linie über die Menschen und nicht über die Künstler zu machen. Was verbirgt sich hinter den zur Schau Gestellten? Das interessiert mich viel mehr.

Standard: Gab es eine Begebenheit beim Dreh, die Sie für besonders bezeichnend für den Film halten?

Schmiderer: Es gibt ziemlich am Ende des Films eine Szene mit Tata Dindin und seiner Frau, in der er über den Abschied von seiner Familie spricht. Die Kamera bleibt lange auf ihm drauf – sehr lange – trotz des hochemotionalen, fast intimen Moments. Dennoch hat diese Szene nichts Peinliches oder gar Voyeuristisches. Sie gehört wie selbstverständlich dazu. Für mich offenbaren sich hier Nähe, Vertrautheit und Vertrauen – die Grundsäulen meines Arbeitens.

Standard: Wenn Sie den Dokumentaristen Othmar Schmiderer auf den Punkt bringen müssten: Was wäre da Ihr handwerkliches Credo?

Schmiderer: Vielleicht reizt es mich ja, das Unsichtbare sichtbar zu machen – jenseits eines intellektuellen Zugangs. Bilder sind meine Sprache, nicht Worte. Die braucht es natürlich auch in einem Dokumentarfilm, aber da gibt es noch eine andere Ebene. Und die hat mit Zwischenräumen und -tönen zu tun. Im toten Winkel ist dafür ein gutes Beispiel: Hier stehen die Worte der Traudl Junge und die Brisanz des Themas im Vordergrund. Die andere Ebene betrifft die Wandlung dieser Frau, die sich im Verlauf des Films auf ganz subtile Weise zeigt. Ohne die formale Strenge, die wir gewählt haben, wäre diese Wandlung wahrscheinlich nicht in dieser Art sichtbar geworden.

Ich arbeite sehr stark aus der Intuition heraus. Ich versuche, ein Wagnis einzugehen. Unerlässlich ist es dafür, Freiräume und Atmosphären zu schaffen, die es dem Unvorhergesehenen gestatten zu geschehen.

(Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 31.03.2008)

3. 4., Annenhof 8, 13.45; 5. 4., 19.45
  • Land und Leute hinter der Zurschaustellung in einer EthnoShow: Othmar Schmiderers Dokumentarfilm "Back to Africa".
    foto: poool

    Land und Leute hinter der Zurschaustellung in einer EthnoShow: Othmar Schmiderers Dokumentarfilm "Back to Africa".

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