Erste Liga, letztes Loch

    1. April 2008, 14:57
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    Amateur-Teams im Kampf mit Retorten­ver­einen, frei schwebende Lizenzen und rapide sin­kende Zuschauerzahlen: Die reformierte Erste Liga meldet erneut Reformbedarf an

    »Schwierig ist in Österreich alles«, lacht Austria-Legende Herbert Prohaska, »zumindest was den Fußball betrifft.« In die heitere Gelassenheit des Ex-Teamchefs, der seit 2000 als Schirmherr der Ersten Liga fungiert, mischt sich angesichts der derzeitigen Lage Resignation. »Dabei ist es in den ersten fünf Jahren nur bergauf gegangen«, schwört Prohaska und nennt drei Säulen für die Entwicklung der Liga von der Kellerleiche zur Talenteschmiede: »Mit dem Jugendspieler- bzw. Ausländer-Agreement, dem Einstieg von Red Zac als Hauptsponsor und dem Beginn der Live-Übertragungen bei Premiere konnten wir die Attraktivität der Liga stetig erhöhen.«

    Viel Überzeugungsarbeit sei im »schwierigen« Österreich nötig gewesen, erzählt der Analytiker der Nation. »Ich bin zu den Vereinen gefahren und habe ihnen von meinen eigenen Erfahrungen berichtet. Als ich etwa mit der Austria 1976 Meister wurde, standen in der Mannschaft acht Spieler zwischen 19 und 23 Jahren.« Ob die Erzählung von Anekdoten wie dieser einen direkten Einfluss auf die Verhältnisse hatte, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass die Vereine den Sinn des Engagements für die Jugend begriffen, sobald sie konkrete Erfolge ernten konnten. »Das schönste Kompliment für unsere Aufbauarbeit haben wir von Ried-Manager Stefan Reiter im Jahr 2005 erhalten. Nachdem sein Verein Meister wurde, ist er auf uns zugekommen und hat gesagt: ›Ihr habt uns gezwungen, die Jungen einzusetzen. Und jetzt haben sie uns wieder in die Bundesliga gebracht.‹«

    Zwölf sind zu viel

    In einem Punkt ist sich Prohaska mit allen Beteiligten einig: Der derzeitige Modus der zweithöchsten österreichischen Spielklasse hat keine Zukunft. Die Zwölferliga mit ihren 33 Runden gilt als Kompromisslösung mit Ablaufdatum. 2005 eingeführt, um den Direktaufstieg aus den Regionalligen zu ermöglichen, konnte man die Folgen der Regelung aufgrund des damaligen Lizenzverlustes von Untersiebenbrunn und Wörgl noch um ein Jahr verschieben. In der Saison 2006/07 nahm der Unfug aber seinen Lauf. Der gleichzeitige Aufstieg des an Unattraktivität wohl kaum zu überbietenden Trios Red Bull Salzburg Amateure, Bad Aussee und Schwadorf aus den Regionalligen samt dem Abgang des Publikumsmagneten LASK in Richtung Bundesliga hat den Zuschauerschnitt in der Herbstsaison 2007/08 von 1.660 auf 890 in den Keller rasseln lassen. Nicht selten verirrten sich kaum noch 200 Zuschauer zu diversen Not-gegen-Elend-Schlachten. Im Dezember beschlossen sämtliche 20 Vereine der obersten beiden Spielklassen samt ihrem Amateur-Anhang (Austria, Red Bull Salzburg), dass im Lauf des Frühjahrs vonseiten der Bundesliga Gespräche mit dem ÖFB aufgenommen werden sollen – mit einer klaren Stoßrichtung: »Wir wollen die Wiedereinführung der Zehnerliga in der Saison 2009/10 erreichen«, erklärt Bundesliga-Sprecher Christian Kircher. Der 40-jährige Kärntner Ex-Kicker möchte einen Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten um jeden Preis verhindern. »Ich hab selber noch in einer zweiten Liga mit 16 Klubs gespielt, und das bei Teams wie Flavia Solva oder Stockerau vor trostlosen Kulissen. Österreich hat einfach kein Potenzial für eine so große zweite Liga.«

    Kircher sieht in der Positionierung der Liga als Talenteschmiede den entscheidenden Baustein für die Zukunft des heimischen Fußballs und belegt das mit Zahlen: »In der Herbstsaison waren in der Ersten Liga 84 Prozent österreichische Spieler im Einsatz, 30 Prozent davon waren U21-Spieler, 50 Prozent unter 23.« Angesichts solcher Fakten wehrt er sich gegen das allgemeine Krisengerede. »Die Liga erfüllt ihre Agenda mehr als ordentlich. Man muss nur schauen, welche Spieler der Bundesliga vor kurzem noch in der Ersten Liga gekickt haben: Florian Klein vom LASK, Harun Erbek von Ried, Michael Madl von Wacker Innsbruck oder Daniel Gramann von Altach sind zu Stammspielern avanciert.«

    Eine Zwölferliga würde Kircher zufolge die kontiniuerliche Ausbildungsarbeit gefährden. »Bei vier neuen Klubs pro Saison kann keine Kontinuität entstehen. Außerdem bezweifle ich, dass die wirklich guten Leute heute noch aus der Regionalliga nachwachsen.« Für den Ex-Profi hat sich die Übertrittsschwelle in den vergangenen Jahren deutlich verschoben: Die größten Talente würden direkt von den Nachwuchszentren zu den Zweitligaklubs wechseln und von dort aus ihren Weg machen. Der Direktaufstieg erscheint jedoch noch in einer anderen Hinsicht problematisch: als allzu leichte Einfallsschneise für ehrgeizige Provinzklubs nämlich. »Die sehen nur das Geld und nicht die Kosten. Bad Aussee beispielsweise hat allein wohl rund 400.000 Euro für die Adaption des Stadions zahlen müssen.« Das machen auch die kolportierten Fernsehgelder von 250.000 Euro pro Klub und Jahr nicht wett. Kircher empfiehlt den Möchtegern-Stronachs dieses Landes einen Blick ins Lizenzierungshandbuch: »Das hat 300 Seiten und lässt sich von der Bundesliga-Homepage downloaden.«

    »Am Markt vorbeiproduziert«

    »Dass in dieser Liga so viele Kosten entstehen, hat man am Anfang nicht erahnen können.« Mit welcher Naivität der durchschnittlich ehrgeizige österreichische Fußballfunktionär an die Sache herangeht, offenbart sich im Gespräch mit Helmut Nussbaumer, dem Manager eines Vereins, der irgendwann einmal SC Schwanenstadt hieß und mit Ende dieser Saison als SC bet-at-home.com ins nicht gerade nahe gelegene Wiener Neustadt verfrachtet wird. Dort wird Frank Stronachs Magna das Kommando übernehmen, während der andere Krösus Richard Trenkwalder die Lizenz von Schwadorf in die Südstadt zur Admira verschieben wird. Da das Wiener Neustädter Stadion noch Adaptionsbedarf hat, wird der Neuschwanenstädter SC Magna seine erste Red-Zac-Saison ebenfalls in der Südstadt abwickeln. Das blau-gelbe Land erbebt wohl jetzt schon in Vorfreude auf heiße Retorten- Traditionsderbys.

    Nussbaumers Selbstreflexion eines angekündigten Scheiterns gewährt jedenfalls einen tiefen Blick in die Untiefen der österreichischen Funktionärsseele: »Ich gebe zu, dass wir am Markt vorbeiproduziert haben. Wir haben etwas Großes geschaffen, aber es wurde nicht angenommen. Das haben wir jetzt erkannt und geben es jemand anderem, der sich so einen Klub leisten kann.«

    Da taucht es wieder auf, das Große, für das Land und Leute noch nicht reif sind. Fragt sich nur, wie viele unverstandene Visionäre der heimische Fußball noch über sich ergehen lassen muss: »Meine Vision war, dass wir in der Red-Zac-Liga mehr Zuschauer als in der Regionalliga haben werden. Aber die Realität hat anders ausgeschaut. Mit der Zuschauerfrage verbunden ist natürlich die Sponsorenfrage. Die Symbiose zwischen Zuschauer und Sponsor ist ganz eng. Der Sponsor möchte seinen Namen 2.000 und nicht 500 Leuten präsentieren. Der Wirtschaftstreibende geht zu einem Event, um gesehen zu werden.«

    In das entfremdete Marktgerede mischt sich auch Ernsthaftigkeit, was die nackten Zahlen von Unternehmungen wie Schwanenstadt betrifft: »In der Red-Zac-Liga braucht man als Minimum ein Budget von 1,5 oder 1,6 Millionen Euro. Als wir aufgestiegen sind, haben wir geglaubt, dass uns die Leute die Tür eintreten werden. Schließlich gibt es in der Umgebung nirgends Profifußball. In der Regionalliga haben wir im Schnitt immer über 1.000 Zuschauer gehabt, letztes Jahr hatten wir als Vizemeister der Red-Zac-Liga etwa 1.350, heuer sind wir unter 1.000.«

    Der Ausgang aus der selbstverschuldeten Bedeutungslosigkeit mutet zwiespältig an: Einerseits sehnt sich Nussbaumer »back to the roots«, wenn er ankündigt, mit Schwanenstadt in die Landesliga (5. Liga) des Oberösterreichischen Fußballverbands zurückgehen zu wollen. »Ich weiß nicht, ob wir überhaupt wieder in die Regionalliga wollen, denn dann würde das ganze Spiel wieder von vorne anfangen. « Andererseits folgt die Lizenzweitergabe an Magna der Strategie, den Profifußball möglichst unabhängig von gewachsenen Vereins- und Publikumsstrukturen zu machen – eine Entwicklung, die wohl nicht nur kurzfristig fatalere Folgen zeitigt als jeder noch so komplizierte Ligamodus.

    Aufstiegsangst und Jugendwahn

    Angesichts der leeren Ränge sehnt sich nicht nur Herbert Prohaska nach einer Rückkehr jener Traditionsklubs, die zurzeit in den unteren Regionen des Amateurfußballs herumgrundeln und in unterschiedlicher Intensität an einem Comeback basteln. »Ein Zugpferd wie Mattersburg oder LASK fehlt zurzeit.« Eine zweite Liga mit der Vienna, dem GAK oder St. Pölten würde auch Ligasprecher Kircher ungeschaut nehmen. »Ich glaube auch daran, dass es diese Klubs bald wieder nach oben schaffen werden. Sie müssen sich nur sportlich und organisatorisch konsolidieren.« Eine Rückkehr zur Relegation würde die Schwelle von der Regionalliga zum Profifußball allerdings wieder in ein unkalkulierbares Nadelöhr verwandeln. Und im Ausblick darauf, was sie erwartet, scheinen einige dieser Klubs vor einem Gang in die Liga der Namenlosen eher zurückzuschrecken. So überrascht es nicht, dass ein als umsichtig geltender Mensch wie Peter Schöttel, derzeit Trainer beim Wiener Sportklub und als Tabellendritter der Regionalliga Ost noch im Titelkampf, auf diese Frage zurückhaltend reagiert: »Wir haben das Ziel Aufstieg näher vor Augen als im Herbst, aber nicht nur bei den Fans hält sich das Interesse in Grenzen. Die fünf, sechs besten Vereine der Ostliga könnten in der Ersten Liga ohne Probleme mitspielen. Die Ostliga ist für mich – aber da kann ich nicht objektiv sein – die zweitinteressanteste nach der Bundesliga.«

    Auch für Schöttel hat die Zwölferliga keine Zukunft. Im Gegensatz zu Prohaska und Kircher sieht er jedoch das Potenzial für eine 16er-Liga sehr wohl gegeben – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung, dass die Ostliga wohl aus dem Stand sechs überlebensfähige Vereine zur Verfügung stellen könnte. Mit den Amateurteams würde er freilich sofort Schluss machen, was der Schwanenstädter Trainer Manfred Schmied durchaus nachvollziehen kann: »Als ich Co-Trainer der Austria Amateure war, haben wir alles probiert: Gratiseintritt, VIP-Karten, aber es kommen keine Zuschauer. Auch wenn es für die Spieler der Amateurteams positiv ist, dass sie dort spielen können: Von der Attraktivität für die Zuschauer ist die Sache wertlos. Nicht einmal die eingefleischtesten Austria-Fans gehen auf das Match.«

    Sportklub-Trainer Peter Schöttel stellt indes einen anderen zentralen Glaubenssatz der Ersten Liga infrage: die Jugendspielerregelung, die die Vereine verpflichtet, mindestens vier U21-Spieler in den Spielbericht zu schreiben und mindestens einen davon auch einzusetzen: »In Österreich fördern wir die jungen Spieler, aber eigentlich sollten wir die guten fördern. Im Moment ist es schon die halbe Miete, wenn du jung bist. Wenn du es bis 22 nicht geschafft hast, bist du weg. Dabei verläuft nicht jede Karriere gleich. Ein Paradebeispiel ist Wolfgang Feiersinger, der bis 25 in der zweiten Liga gespielt hat und dann mit Salzburg aufgestiegen ist. Später war er Weltpokal- und Champions-League-Sieger mit Borussia Dortmund. Man muss positive Anreize setzen, wie in der Bundesliga, wo es höhere Fernsehgelder gibt, wenn man mehr Junge bzw. mehr Österreicher einsetzt. Aber eine strikte Reglementierung wirkt sich diskriminierend auf ältere Spieler aus.« (Text: Helmut Neundlinger. Mitarbeit: Robert Hummer, Christoph Witoszynskyj)

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    • Manfred Schmid und Helmut Nussbaumer: "Dass in dieser Liga so viele Kosten entstehen, hat man am Anfang nicht erahnen können."
      foto: hummer

      Manfred Schmid und Helmut Nussbaumer: "Dass in dieser Liga so viele Kosten entstehen, hat man am Anfang nicht erahnen können."

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      Austria-Legende Herbert Prohaska: "Schwierig ist in Österreich alles, zumindest was den Fußball betrifft."

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