Indien als "Speisekammer" Europas

1. April 2008, 10:04
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Der Attac-Aktivist Alexander Niernsee sprach mit dem SchülerStandard über Chancen und Risiken von Entwicklungspolitik im Schwellenland Indien

SchülerStandard: Wie würden Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage Indiens beschreiben?

Niernsee: Die Lage ist zwiespältig. Durch den Aufbau von Banken und Industrie, durch die Öffnung des Marktes, entsteht ein Hoffnungsmarkt für die Anleger. Dem steht die Landbevölkerung gegenüber, die davon weitgehend ausgeschlossen ist. Sie werden von der Weltbank angehalten, die Pflanzen anzubauen, die am Weltmarkt Geld bringen. Damit besteht aber die Gefahr, dass die Selbsternährungsfähigkeit verlorengeht. So könnte Indien in ein oder zwei Jahrzehnten auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sein und gleichzeitig eine Speisekammer für Europa und die USA werden.

SchülerStandard: Glauben Sie, dass die Vergabe von Mikrokrediten die Lösung sein könnte, sodass alle Schichten der Gesellschaft vom Wirtschaftswachstum profitieren können?

Niernsee: Es ist ein Ansatz, aber keine Lösung. Mit den Mikrokrediten wird ein Konzept vertreten, das sich ausschließlich auf den Markt und seine Leistungen konzentriert. Von einer Verantwortung des Marktes, der Rücksicht auf die menschlichen Bedürfnisse ist nicht die Rede.

SchülerStandard: Was ist also Ihrer Meinung nach die Lösung?

Niernsee: Dass es den "einen Plan" gibt, glaube ich nicht, denn die Pläne der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der WTO werden schon seit Jahren verfolgt, führen aber zu nichts. Ein zentraler Punkt ist die Einhaltung der Menschenrechte und die Einbindung der Menschen in die Ausarbeitung und Umsetzung von Plänen.

SchülerStandard: Was kann gemacht werden, um die Rechte von Arbeitnehmern in den Entwicklungsländern zu stärken?

Niernsee: Man müsste den Menschen eine Stimme auf internationaler Ebene geben. Der ideale Ort dafür ist die UNO. Sie ist die internationale Organisation, die in ihren Gründungsdokumenten einen entsprechenden Anspruch hat. Sie sollte in die Lage versetzt werden, ihre Macht auszuüben, um nicht dauernd sagen zu müssen: "Die USA oder China sind dagegen, und deswegen können wir das nicht machen." Der seit 50 Jahren bestehende Wirtschafts- und Sozialrat sollte mit den gleichen Rechten ausgestattet werden, wie sie heute der Sicherheitsrat hat. Seine bisherige Rolle ist minimal und geht nicht über Empfehlungen, Berichte und Statistiken hinaus.

SchülerStandard: Verfolgt der Westen unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe nicht eher seine eigenen Interessen und verstärkt somit die Abhängigkeit Indiens?

Niernsee: Man muss sich immer ansehen, welche Motivation dahintersteckt, denn es geht immer um eigene Interessen. Ich will Einzelinitiativen nicht schlechtreden, aber Kolonialismus wird heute mit anderen Mitteln fortgeführt. Doch wie weit Indien heute noch abhängig ist, ist fraglich, wenn man sich vor Augen hält, dass sich indische Unternehmen weltweit einkaufen. (Lena Bodner, Victor Tazreiter, Marian Weingartshofer/DER STANDARD, Printausgabe, 1. April 2008)

ZUR PERSON

Alexander Niernsee (geb. 1972) ist ausgebildeter Jurist und seit fünf Jahren Aktivist bei der globalisierungskritischen NGO Attac.

  • Attac-Aktivist Niernsee.
    foto: privat

    Attac-Aktivist Niernsee.

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