Bollywood als Lebensgefühl

1. April 2008, 09:50
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Wie ein indisches Massenphänomen eine Bandbreite von Themen behandelt und das "bunte" Indien unter Musik, Tanz und Farben zum Vorschein kommt

Wien - "Eine Parallelwelt, die viel mit der Wirklichkeit zu tun hat und utopische Lösungen für die Realwelt bietet", beschreibt Claus Tieber, Theaterwissenschafter an der Uni Wien, Bollywood, die populäre und kommerzielle Filmindustrie Indiens.

Hindi-Filme gehen zur Überraschung der meisten europäischen Zuschauer über das anfänglich sichtbare, imposante Tanzen und Singen hinaus. "Wenn man die historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründe kennt, sind politische und gesellschaftskritische Themen wie Terrorismus und Migration in den Filmen zu erkennen", so Tieber.

Ein typisch indischer Film beinhalte komödiantische Elemente sowie tragische Handlungen und spannungsaufbauende Stilmittel des Actionfilms. Die Vermischung der Genres zu einem vielseitigen Endprodukt und der dadurch bedingte Ereignisreichtum würden zu langen Spieldauern führen, was viele der europäischen Zuschauer vorerst abschrecke. Aufgrund dessen hätten es Hindi-Filme bei uns bis heute noch nicht auf die Leinwand geschafft.

Indische Zuschauer "wollen jeden einzelnen Besuch als Erlebnis in Erinnerung behalten, deswegen geht es im indischen Kino anders zu als bei uns, da ist es nur halb so leise wie hier", berichtet Tieber. Dem indischen Kinobesucher wird durch eine Pause gegen Langeweile abgeholfen. "Bollywood ist vielmehr ein Lifestyle-Boom, der sich aufs Tanzen, Essen und andere indische Lebensbereiche bezieht", erläutert Tieber und gibt zu bedenken, dass das Indien-Fieber durch die Filme ausgelöst wurde.

Indisches Partyflair in Wien

Auch in Österreich ist dieser Hype angekommen. Der indische Eventveranstalter Thomas Nithin versucht auf Partys wie der "Bollywoodnight" das indische Lebensgefühl auch in Wien zu vermitteln. Das Publikum soll "essen, trinken, tanzen - einfach Chill-out" auf Indisch erfahren. Dabei geht es Nithin besonders darum, seine österreichische Fangemeinde zu erreichen und zu unterhalten. Mit Angeboten wie verbilligtem Eintritt bei Tragen eines traditionellen Gewandes versucht er, neue Interessierte anzuwerben. Bei seinen Partys könne man die ausgelassene Stimmung am eigenen Leib erfahren und dem grauen Alltagstrott in eine scheinbar sorgenlose Welt voll bunter Farben entfliehen.

"Beim europäischen Publikum gibt es ein Bedürfnis nach Filmen, die unverschämter und unbekümmerter mit Emotionen umgehen", meint Tieber. Die Beliebtheit des indischen Films erklärt er sich durch den theatralischen Zugang zu Emotionen, die den westlich orientierten Zuschauern aus Hollywood-Musicals der 40er-Jahre bekannt sind.

Die Musik in Bollywoodstreifen sei Ausdrucksmittel Nummer eins. Den Schauspielern stehen Gesang und Tanz zur Verfügung, um den Handlungen Ausdruck zu verleihen und die Zuschauer zu erreichen. In Indien erscheine die Musik vor dem Film, deswegen hänge der Erfolg eines Films von der Beliebtheit seiner Musik ab, analysiert Tieber.

"Die Filmindustrie steht in Indien im nahen Bezug zur Wirtschaft und wird sich den Entwicklungen anpassen", erklärt Tieber. Die Beliebtheit von Bollywood in der westlichen Welt hänge vor allem von Faktoren wie Musik und Farben ab, durch die sich der Zuschauer in die orientalische Welt Indiens, in eine Art Utopie entführt fühle. (Flora Hlawna, Hannah Richlik/DER STANDARD, Printausgabe, 1. April 2008)

  • Hinter dem von Klischees geprägten Begriff "Bollywood" steckt mehr als nur die farbenfrohe Seite Indiens. Pessimimus, Politik und Melancholie spielen auch in der bunten Welt eine wichtige Rolle.
    foto: der standard/marc bertel

    Hinter dem von Klischees geprägten Begriff "Bollywood" steckt mehr als nur die farbenfrohe Seite Indiens. Pessimimus, Politik und Melancholie spielen auch in der bunten Welt eine wichtige Rolle.

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