Ganz normale Mörder, ganz normale Retter

31. März 2008, 18:56
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In der Nacht vom 24. auf dem 25. März 1945 fand im südburgenländischen Rechnitz ein Massaker an 200 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern durch lokale NS-Funktionäre statt

Die Tat hat zuletzt wieder internationales Aufsehen erregt, weil die Morde während eines Trinkgelages im Schloss der Gräfin Margit Batthyány, einer Tochter des Großindustriellen Heinrich Thyssen-Bornemisza, geschahen. Das Massengrab ist bis heute nicht gefunden. Der britische Autor David Litchfield hat versucht, der Gräfin als "Killer Countess" eine aktive Rolle zuzuweisen.

Unter anderem bemüht sich nun auch die Kunstsammlerin Francesca Habsburg, geborene Thyssen-Bornemisza, um eine Klärung.

Abgesehen davon findet jedes Jahr eine berührende Feier am Tatort, dem sogenannten Kreuzstadel in Rechnitz, statt. Der Musiker Paul Gulda bemüht sich um dieses Erinnerungswerk. Heuer durfte ich dazu sprechen, unter anderem dies:

"Diese Verbrechen wurden in den letzten Tagen dieses mörderischen Regimes begangen, als alles schon so gut wie vorbei war (...), es hätte schon die Klugheit geboten, nun keine verbrecherischen Taten mehr zu setzen. Wenigstens jetzt, in den letzten Tagen des Dritten Reiches. Aber sie taten es trotzdem. In Rechnitz, aber auch anderswo. Und ebenfalls unter Beteiligung ganz normaler Menschen, keineswegs nur von sogenannten SS-Bestien und höheren Parteifunktionären.

Das ist das Rätsel, mit dem wir auch heute noch konfrontiert sind: Was brachte diese Menschen, die zum Teil nur Mitläufer des Regimes gewesen waren, dazu, noch in der allerletzten Minute, angesichts des klar erkennbaren Zusammenbruchs des Regimes freiwillig solche Verbrechen zu begehen?

Es gab Rechnitz. Es gab aber auch den Präbichl in der Steiermark, wo am 7. April 1945 rund 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter vom "Eisenerzer Volkssturm" ermordet wurden.

Volkssturm - das waren alte Männer und halbwüchsige Burschen. Oder: Ebenfalls am 7.April 1945 wurden in Hadersdorf am Kamp, Niederösterreich, 61 politische Häftlinge, die aus dem Gefängnis in Stein bereits freigelassen worden waren, von lokalen NS-Funktionären an der Friedhofsmauer erschossen. Es gab noch andere solche Morde des letzten Moments, in Bad Deutsch-Altenburg oder im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Eine große Rolle spielte dabei sicher auch die Atmosphäre aus Hysterie, Weltuntergangsstimmung, Furcht vor dem Kommenden, das Wissen um die Taten der eigenen Leute - es gab genug Erzählungen von Frontsoldaten aus dem Osten -, dieses ganzen Gemenge aus Angst, Hass und Wunsch nach einer Abreaktion.

Aber das sind Erklärungen, keine Entschuldigungen. Wir wissen jetzt, was menschenmöglich ist. Und wir sind es den Unglücklichen von Rechnitz und anderswo, deren Andenken wir heute ehren, schuldig, in diesem Wissen wachsam zu bleiben."

Im Anschluss an die Feier übergab ein Vertreter des ungarischen "Forums Erinnerung" eine Ehrenplakette an die Nachkommen einer Rechnitzer Familie, die einen geflüchteten Zwangsarbeiter versteckt hatten. Und er zählte Orte in ganz Österreich auf, wo andere solche Menschen jüdische Zwangsarbeiter retteten. Es war eine wichtige, notwendige Erinnerung daran, dass es nicht nur die "ganz normalen Mörder" gab, sondern auch die ganz normalen Retter. (Hans Rauscher, Printausgabe, 1.4.2008)

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