Beobachten Sie Ihre Katze!

9. April 2008, 12:26
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US-Traumforscher Allan Hobson dabei: Die Freud'sche Traumdeutung ist attraktiv, aber falsch - der Harvard-Emeritus setzt dagegen auf Introspektion

Wien - Die meisten 74-Jährigen haben keine großen Erwartungen mehr ans Leben. Nicht so Allan Hobson. Sein Feld, die Schlaf- und Traumforschung, ist nämlich in Bewegung. "Seit viertausend Jahren spekuliert die Menschheit, warum wir träumen. Seit gerade einmal fünfzehn Jahren haben wir Einblick, was sich im Hirn abspielt." Hey, leben wir nicht in aufregenden Zeiten? Seit Montag ist er Gastprofessor an der Uni Wien. Bis 11. April hält er jeden Abend eine Vorlesung, am Dienstag eine öffentliche.

Hobson gehört zur Sorte Mensch, die kaum erwarten kann, was der nächste Tag bringen wird. Oder das nächste Gespräch. Im Flugzeug nach Wien saß er neben einer Schuldirektorin. Welch eine Gelegenheit für den Harvard-Emeritus. Warum wird in den Schulen so wenig über das Gehirn gesprochen? Hobson gab die Antwort gleich selbst: Aus übertriebenem Respekt vor den Neurowissenschaften. Lasst die Schüler aufschreiben, was sie träumen! Regt sie an, zu Hause jüngere Geschwister oder ihre Katze beim REM-Schlaf zu beobachten!

Träumen Tiere? Weil sie es uns nicht mitteilen können, müsse er spekulieren, sagt Hobson im Gespräch mit dem Standard, doch er glaube schon. Schließlich bewegen sich bei allen schlafenden Säugetieren und auch einigen Vögeln phasenweise die Augen. Im Rapid-Eye-Movement-Schlaf spielt sich der überwiegende Teil unserer Träume ab. Hobson und sein Harvard-Kollege Robert McCarley lieferten 1977 eine Erklärung, wie zufällige Erregungen aus den Niederungen des Hirnstamms während des REM-Schlafs die Cortex beschäftigen.

Bis dahin hatte kaum jemand gewagt, Sigmund Freud zu widersprechen, dass Träume dazu dienen, Wünsche oder unterdrückte Gefühle auszuleben. "Freuds Idee ist zu attraktiv: Träume wollen gedeutet werden. Aber Träume können vieles bedeuten, nicht nur das, was Freud meinte." Hobson vergleich Traumdeutung mit der Interpretation von Literatur.

Mit den Freudianern kommt Hobson auf keinen grünen Zweig. Die Psychoanalytiker hätten unzählige Aufsätze über die Deutung von Träumen produziert, aber keinen einzigen darüber, was Träume eigentlich sind.

Hobson propagiert hingegen die Introspektion, die Psychoanalytiker und Behavioristen diskreditiert hätten. Noch heute sei das Aufschreiben der eigenen Gedanken und Kurzzeiterinnerungen eine unterschätzte Methode, denn auch die moderne Bildgebung gewährt nur begrenzte Einblicke ins Gehirn. Hobson selbst hat fünfzig Kladden vollgeschrieben. Vorwiegend über seine Träume. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 4. 2008)

Vortrag "Dreams, Consciousness and the Brain: What, Where and Why?", Großer Festsaal Uni Wien, 18 Uhr.
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    Neue Methoden der Visualisierung von Hirnaktivitäten erleichtern Traum-forschern wie Allan Hobson (unten) die Arbeit.

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    foto: uni wien
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