Eine, keine, welche Heimat

Redaktion, 31. März 2008, 18:14
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    foto: akbaba

    "Frauen zwischen Migration, Konvention und Revolte": Dokumentarische Porträts von "Grenzgängerinnen", die sich in Wien zu behaupten wissen.

Wie es sich in Wien lebt, wenn man aus der Fremde kommt: Kenan Kiliçs "Gurbet – In der Fremde" und Ülkü Akbabas "Grenzgängerinnen"

Bruno Kreisky hat es wieder einmal gewusst: In einer Ansprache zum Ersten Mai fordert der Kanzler lebenswürdige Bedingungen für Gastarbeiter und appelliert an die österreichische Wirtschaft, nur so viele Menschen ins Land zu holen, wie man akzeptable Wohn- und Arbeitsverhältnisse garantieren könne. Kenan Kiliç montiert in Gurbet – In der Fremde diese historische Rede Kreiskys unmittelbar nach Archivaufnahmen von desolaten Wohnheimen für ausländische Arbeiter.

Deren Beschwerden blieben weitgehend ungehört – nur ein Versäumnis von vielen, das die Politik Mitte der 60er-Jahre zu verantworten hatte. Als die ersten türkischen Arbeitsmigranten nach Österreich kamen, herrschte beidseits die Annahme, dass die Gäste ohnehin nur für kurze Zeit im Land bleiben würden – heute haben sie nicht nur das Pensionsalter erreicht, sondern in vielen Fällen eine alte Heimat verloren und keine neue gefunden.

Kiliç hat neun türkische Männer und Frauen begleitet, deren Hoffnungen auf ein neues Leben von der österreichischen Realität eingeholt wurden. Kiliç zeichnet den Alltag zwischen zwei Welten, ordnet die Erzählungen weitläufig nach den Themen Religion, Sprache und Politik, um nach einer Stunde Wien Richtung Istanbul zu verlassen. Hier, am Bahnhof Sirkeci, erzählt einer der Rückkehrer, hätten sich mehr schreckliche Geschichten ereignet als man darüber Bücher schreiben könne. Mit Gurbet schlägt Kiliç zumindest ein erstes Kapitel auf. "Wenn man selbst nicht damit fertiggeworden ist, ausgewandert zu sein, werden auch die Kinder nicht damit fertigwerden." Als ob sie der latenten Traurigkeit von Gurbet einen eigenen Optimismus entgegensetzen wollte, dokumentiert Ülkü Akbaba in Grenzgängerinnen die Lebensgeschichten von Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen nach Wien immigrierten:

Sie arbeiten heute als Ladenbesitzerin, Taxifahrerin, Studentin, Musikerin, Schriftstellerin oder Architektin. Das Leben zwischen den Kulturen wird aber auch als Möglichkeit betrachtet, mehrere Identitäten zu besitzen. Lose aneinandergereihte Interviews formen stückweise Biografien, lassen Sorgen, Ängste aber auch Hoffnungen zutage treten. Was alle verbindet, ist der Mut, im tendenziell ausländerfeindlichen Wien einen Weg der Selbstbestimmung zu finden. Hier wird deutlich, was es bedeutet, Erfahrungen aufgenommen zu haben und in sein Leben zu integrieren. Und das ist immer noch das Wichtigste. (Michael Pekler, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2008)

"Gurbet": 4. 4., Schubert 1, 14.00; 5. 4., Annenhof 7, 13.00; "Grenzgängerinnen": 4. 4., Schubert 1, 11.00 5. 4., Geidorf 1, 18.00
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