Lieber Max Müller als Franz Ferdinand

6. April 2008, 18:42
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Das Wiener Label "Angelika Köhlermann" feiert sein zehnjähriges Bestehen mit einer CD und einem Konzert von Max Müller. Für Tex Rubinowitz eine notwendige Solidarität

Wien – "Angelika Köhlermann war eine DDR-Sportlerin, die sich in den USA ganz kurios umgebracht hat. Sie hat sich vom "D" des "Hollywood"-Schriftzugs gestürzt." Der Mann, der hier die Namensgebung des Wiener Labels Angelika Köhlermann erklärt, heißt Tex Rubinowitz, Standard-Lesern seit 1988 als Witzezeichner bekannt und mit Gerhard Potuznik Betreiber nämlichen Labels. Ob die Gesichte mit der DDR-Athletin stimmt? "Never let facts ruin a good story", hat Robert Mitchum einmal gesagt.

Faktum ist, dass Angelika Köhlermann, das Label, zehn Jahre alt ist. Ein Jubiläum, das am Wochenende mit einem Konzert sowie der Veröffentlichung von Max Müllers neuestem Soloalbum begangen wird. Max Müller, ein Berliner Tragöde, ist eigentlich Chef der Band Mutter. Einer der besten, dabei chronisch erfolglosen deutschen Bands. Zu ihren Verehrern zählen Jochen Distelmeyer von Blumfeld, Rocko Schamoni oder Tocotronic.

Blick in den Abgrund

Müller, der ursprünglich Sänger von Die Ärzte hätte werden sollen, aber nie zu den Proben kam, veröffentlicht das bedrückend schöne Album Die Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war als Katalognummer 30. Ein Werk, das, wie man so schön sagt, den Blick in den Abgrund der menschlichen Existenz freigibt.

Rubinowitz über Müller: "Müllers Texte sind einfach genial. Sie sind gruselig, dunkel und unlogisch. Was scheren den Reime? Oder Syntax? Aber er ist kein Dilettant. Er hat eine Vision! Die ist natürlich total markt-untauglich. Es gibt da diese Doku über Mutter, Wir waren niemals hier betitelt, die nun regulär im Kino läuft, in der Distelmeyer, Rocko Schamoni usw. von Max Müller schwärmen, aber niemand tut was für ihn. Das ist so unlogisch! Wenn ich wen toll finde, lad’ ich den ein. Das ist Solidarität."

Gegründet wurde Angelika Köhlermann in den Nachwehen des Wien-Hypes, den Labels wie Cheap, G-Stone oder Mego mit ihren Veröffentlichungen elektronischer Musik verantwortet haben.

Rubinowitz: "Potuznik und ich waren damals mit unserer Band Mäuse auf Tournee mit den Goldenen Zitronen. Touren ist nicht schön. Es stinkt. Dann quengelte und nörgelte Hans Platzgumer noch dauernd wie ein kleines Kind herum. Es war kalt, das Gepäck wurde gestohlen. Das war kein Spaß. Also wollten wir etwas anderes machen. Im Tourbus haben wir dauernd Sam & Valley gehört, das kam bei Rephlex, dem Label von Aphex Twin heraus. Irgendwann war einmal Christof Kurzmann im Bus, dem haben wir das vorgespielt, weil der kennt sich ja mit Musik aus, und haben ihn gefragt, wie er das fände. Schrecklich, hat er gemeint. Das war für uns die Bestätigung, dass es gut ist. Wenn Dogmatiker Kurzmann etwas schrecklich findet, muss es gut sein. So wurde Kurzmann der Geburtshelfer des Labels."

Als größten Erfolg nennt Rubinowitz die Veröffentlichung von Michiko Kusaki: "Davon hat sogar Björk geschwärmt. Es gab Remixes von DMX Crew, einem Aphex-Twin-Freund, Console usw. Das war das erfolgreichste Album und auch eine Art Trademark des Labels: filigrane elektronische Minimodule."

Auch über eine "Niederlage" gibt es zu berichten: Rubinowitz: "Wenn man haufenweise Demos bekommt, wird das Labelleben schnell mühsam. Eines Tages kam ein Demo einer schottischen Band mit seltsamem Namen. Wir hatten schon eine schottische Band namens Cnut rausgebracht. Und dann kommt eine, die nennt sich Franz Ferdinand, nein, Franz Ferdinend 2000, Ferdinand falsch geschrieben! Dann noch 2000 – hey, nicht sehr futuristisch! Und plötzlich waren die weltberühmt, und als Potuznik einmal seinen Stapel durchforstete – ah, ja, Franz Ferdinand – verpasste Chance!" (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2008)

Max Müller live: 4. 4. Foyer Gartenbaukino. 22.00 Uhr. "Wir waren niemals hier" – im Top Kino am 4. 4. um 19 Uhr in Anwesenheit Max Müllers, danach bis 13. 4. um jeweils 20 Uhr.
  • Tex Rubinowitz, fünfzig Prozent des Wiener Labels Angelika Köhlermann, schwärmt von Max Müller:"Was scheren den Reime?"
    foto: christian fischer

    Tex Rubinowitz, fünfzig Prozent des Wiener Labels Angelika Köhlermann, schwärmt von Max Müller:"Was scheren den Reime?"

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