Willy Kreuz: "Mit den Braven g'winnst nix!"

4. April 2008, 11:00
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Fußballikone Willy Kreuz hat mit Clemens Haipl ein Lied aufgenommen - Ein Gespräch über Berti Vogts, wenig Schmäh, Andreas Ivanschitz und das Rauchen - Mit Gewinnspiel

Das Setting erinnert stark an "Rocky Balboa": Fußballikone Willy Kreuz, der 1978 beim legendären Sieg Österreichs gegen Deutschland in Cordoba eine tragende Rolle spielte, sitzt im Lagerraum seiner Trafik in Alt Erlaa. An der Wand diverse Plakate von früher, im Verkaufsraum jede Menge Pokale bishin zum Torschützenkönig. Kreuz trägt mehrere Goldketterl, raucht, bietet Kaffee an und erzählt "Wuchtln" von damals. Anlass für das Gespräch ist der Beitrag von Kreuz zum Sampler "Lieber ein Verlierer sein" - ein Soundtrack zur Euro, zu welchem Clemens Haipl auch den Song "1978" (links als mp3-File zum Download) mit Kreuz beigesteuert hat. Das derStandard.at-Gespräch mit Kreuz und Haipl führten Philip Bauer und Rainer Schüller.

***

derStandard.at: Wie gefällt Ihnen der Song?

Willy Kreuz: Ich hör ihn jetzt zum ersten Mal und finde ihn ganz lustig für die jungen Leute in der Disco zum Rappen. Die Musik ist ok, aber der Text ist nicht so gut (lacht).

Clemens Haipl: Mir gehts genau umgekehrt. Ich finde den Text super, aber die Musik fürn Oasch.

derStandard.at: Warum gerade Willy Kreuz?

Clemens Haipl: Ich habe mir gedacht, Krankl ist fad und Polster geht nicht, weil Austrianer. Als kleines Kind, 1978 war ich acht Jahre alt, hat mir der Kreuz einfach taugt. Das 10er-Leiberl war leiwand und ausgschaut hat er auch leiwand.

derStandard.at: Cordoba hast du im Fernsehen mitverfolgt?

Haipl: Nein, damals hatten wir noch keinen. Ich habe es im Radio gehört. Mein Bruder hat damals gebrüllt: 3:2 gwunnan! Dann haben wir einen Fernseher bekommen.

derStandard.at: Kassiert Herr Kreuz jetzt auch Tantiemen?

Haipl: Selbstverständlich, alles was reinkommt, geht an ihn.

derStandard.at: Herr Kreuz, strapaziert es nicht die Nerven, ständig mit Cordoba in Verbindung gebracht zu werden?

Kreuz: Wenn man so ein tolles Ergebnis erzielt, dann ist man ja stolz darauf. Manche können das nicht mehr hören. Aber wir haben ja jetzt bei der Europameisterschaft die Chance, die Deutschen zu schlagen. Dann ist Cordoba vielleicht vergessen. Nein, mich nerven die Geschichten über Cordoba nicht. Es ist ja auch noch nicht alles drüber erzählt worden...

derStandard.at: Was zum Beispiel?

Kreuz: Die Deutschen hatten eine große Klappe. Zum Beispiel hat Berti Vogts gemeint: "Was bekommt ihr, 100.000 Schilling? Wir bekommen 200.000 Mark!" Wir haben aber nicht ans Geld gedacht, sondern an den Sieg.

derStandard.at: Laut wikipedia sollen Sie Berti Vogts vor seinem Eigentor "Du geile Sau" ins Ohr geflüstert haben. Stimmt das wirklich?

Kreuz: Nein, wir haben ihn nur "der Rasenmäher" genannt - wo immer er gerutscht ist, war der Rasen anschließend kurz. "Geile Sau" wäre aber kein Schimpfwort, heute ist ja eh schon alles geil. Ich konnte dem Berti doch gar nichts ins Ohr flüstern, er war zwar mein Gegenspieler, hat mich aber meistens nur von hinten gesehen.

derStandard.at: Wissen Sie, dass Berti Vogts jetzt Trainer in Aserbaidschan wird?

Kreuz: Wirklich? Ich glaube, der hat in seiner Karriere als Trainer schon so viel verdient, dass er dort nicht runter müsste. Es gibt viele Ex-Spieler, die ohne Fußball nicht leben können, die gehen dann bis Aserbaidschan.

derStandard.at: Und ihre Trainerkarriere? Sie waren 1991 mit Stockerau immerhin Cupsieger.

Kreuz: Ich war unter anderem bei der Admira, Stockerau und VÖEST Linz. Die großen Angebote aus der Bundesliga sind aber ausgeblieben. Ich gebe ja zu, dass ich gerne Trainer wäre. Aber ich bin nicht so besessen, dass ich Tag und Nacht am Fußballplatz sein muss. Ich habe auch andere Interessen.

Haipl: Spielen Sie eigentlich noch?

Kreuz: Nein, ich bin mit meinen Knien so bedient, dass das nicht geht. Wenn ich zehn Minuten laufe, bekomme ich geschwollene Knie und es sticht, wie wenn mir jemand mit dem Messer reinfahrt.

derStandard.at: Es heißt, Sie meiden nach Länderspielen ihre Trafik...

Kreuz: Ich habe viele Stammkunden, ich kann aber nicht mit jedem über Fußball reden. Es ist normal, dass nach den Spielen ein bisschen diskutiert wird.

derStandard.at: Was haben die Kunden nach dem 3:4 gegen Holland gesagt?

Kreuz: Da war ich nicht da (lacht). Eines muss ich aber schon sagen: Viele meiner Kunden glauben dran, dass die Österreicher eine gute Euro spielen werden und eine Runde weiter kommen. Ich weiß nicht, woher sie diesen Optimismus nehmen. Von der Qualität her, haben wir vielleicht die Möglichkeit gegen Polen zu gewinnen. Vielleicht!

derStandard.at: Woran liegts?

Kreuz: Wir müssen die ersten 60 Minuten immer so viel laufen, dass wir am Schluss tot sind.

derStandard.at: Das ist das einzige Manko?

Kreuz: Nein, sie denken ja auch nicht mit. Am Spielfeld entscheiden die Spieler nicht der Trainer. Wenn ich ein paar Routiniers habe - wie zum Beispiel wir in Argentinien: wir haben am Platz selber gesagt, wie wir spielen. Ich hab mich zum Beispiel mit dem Sara und den anderen immer abgesprochen, das passiert heute nicht.

derStandard.at: Es liegt also eher an der Einstellung der Spieler als am Trainer?

Kreuz: Na sicher nicht am Trainer. Was soll der machen? Das ist heute so schön, wenn auf der Tafel aufgezeichnet wird, wie gespielt werden soll. Aber am Platz ist es vorbei mit der Theorie. Da brauchst du zwei, drei Leute, die das aufteilen. Und die haben wir nicht. Ivanschitz ist überfordert und der Rest sind lauter Brave, die geführt werden müssten. Glauben Sie, dass der junge Prohaska und der Krankl sich damals was getraut hätten, wenn wir nicht gesagt hätten, tut's doch ein bissl dribbeln? Das fehlt jetzt.

derStandard.at: Sollte ein Routinier wie Vastic wieder ins Team?

Kreuz: Na ja. Der Vastic ist 38 Jahre alt und spielt beim LASK Freigeist. Er ist zwar ein super Fußballer, beim LASK muss er aber nicht decken oder Zweikämpfe gewinnen. Für mich wäre der einzige der Kühbauer gewesen. Weil der ist einer - bumm - der fährt rein. Der hilft der Mannschaft. Der provoziert. Der spielt sich mit dem Publikum. Das brauchen wir.

derStandard.at: Ivanschitz hat sich aber doch als Spielführer weiter entwickelt...

Kreuz: Naja. Er schießt die Corner super. Aber er läuft zu viel mit dem Ball und wird dann auch müde. Er ist aber noch nicht der Mann, der das Spiel lenken kann, weil immer nur rennen, das ist nichts.

derStandard.at: Admira, VÖEST und Eisenstadt - schmerzt Sie eigentlich das Schicksal Ihrer ehemaligen Vereine?

Kreuz: (Lacht) Schön langsam denke ich, dass es alle Vereine, bei denen ich einmal war, nicht mehr gibt. Ich war zum Beispiel auch in Gablitz Trainer und ein Jahr später waren wir in Konkurs. In St. Pölten habe ich als Trainer begonnen und zwei Tage später hat es schon geheißen, dass der Verein in Konkurs ist. Vor allem Admira und VÖEST tun mir schon sehr weh. Eisenstadt verbinde ich eher mit schweren Verletzungen.

derStandard.at: Vieles hat sich seit ihrer Zeit verändert. Sollte man für das Ausziehen des Leiberls nach einem Tor wirklich die Gelbe Karte bekommen?

Kreuz: Nein, das ist lächerlich. Die Bauchmuskeln sind doch was Schönes. Das freut auch die weiblichen Fans. Ich kann mich erinnern, wie der Prohaska in Izmir das Tor geschossen hat, den hab ich noch nie so schnell rennen gesehen. Da bin ich gar nicht nachgekommen. Dann ist er auf die Seite gelaufen, wo die türkischen Fans waren, die lauter Steine warfen. Hab ich gesagt: "Heast bist du deppat, renn auf die andere Seite, wo die Österreicher san!"

Haipl: Die haben mit Steinen geworfen?

Kreuz: Ja, was glauben'S wie es da zugegangen ist. Ich hab ein Riesen-Cut gehabt. Wir haben auch das Hotel gewechselt, weil die die ganze Nacht getrommelt haben. Und der türkische Koch wollte unseren Koch nicht an den Herd lassen und ist mit dem Messer auf ihn losgegangen. Wenn nur der für uns gekocht hätte, hätten wir wahrscheinlich eine Windelhose gebraucht. Aber was soll's, der Schmäh ist bei uns immer gerannt, wir haben Tränen gelacht. Ohne ein bissl Schmähführen und Lachen geht's nicht, glauben'S mir das.

Haipl: Aber so etwas kann man schlecht befehlen.

Kreuz: Die Spieler müssten ein bissl Gauner sein, weil mit den Braven g'winnst nix. Der Happel hat immer gesagt, am liebsten sind ihm die Pülcher. Die haben vielleicht beim Zapfenstreich hin und wieder überzogen, aber am Platz waren sie dann da und haben um ihr Leben gekämpft. Das ist wichtig für eine Mannschaft. Heute reden alle nach der Schrift. "Grüß Gott" - wie die Pfarrer oder Oberlehrer.

Haipl: Haben Sie eigentlich immer schon geraucht?

Kreuz: Nein, ich habe erst mit 40 angefangen. Wie ich Trainer war, eine fürchterliche Zeit. Wenn man selber so lange gespielt hat und dann draußen sitzt und nichts tun kann, da glaubt man, es sitzt jemand am Zeiger der Uhr. Zuerst habe ich Zigarillos geraucht und nie inhaliert, dann habe ich irgendwann angefangen. Solange ich aktiv war, hab ich sportlich gelebt und weder Alkohol getrunken noch geraucht. Jetzt ist ein anderer Abschnitt, jetzt hole ich alle Sünden nach. (Philip Bauer, Rainer Schüller, derStandard.at, 1.4.2008)

  • "Lieber ein Verlierer sein"
derStandard.at/Sport verlost drei Soundtracks zu einem unsagbar wundervollen Fußballturnier und ein derStandard.at T-Shirt mit Autogramm von Willy Kreuz.
Zum Gewinnspiel >>>

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    derStandard.at/Sport verlost drei Soundtracks zu einem unsagbar wundervollen Fußballturnier und ein derStandard.at T-Shirt mit Autogramm von Willy Kreuz. Zum Gewinnspiel >>>

  • In der Trafik einer Legende...
    foto: derstandard.at/rainer schüller

    In der Trafik einer Legende...

  • Zum Reinhören: "1978" - Clemens Haipl featuring Willi Kreuz

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  • ...treffen sich Clemens Haipl und Willy Kreuz. Auffällig: der identische Bartwuchs.
    foto: derstandard.at/rainer schüller

    ...treffen sich Clemens Haipl und Willy Kreuz. Auffällig: der identische Bartwuchs.

  • Die Kreuz-Ecke im Verkaufsraum der Trafik und...
    foto: derstandard.at/rainer schüller

    Die Kreuz-Ecke im Verkaufsraum der Trafik und...

  • ...im Lagerraum das Wunderteam von '78.
    foto: derstandard.at/rainer schüller

    ...im Lagerraum das Wunderteam von '78.

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