Nicht untot genug: "Fledermaus" von Johann Strauß

6. April 2008, 18:44
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Premiere der "Fledermaus" von Johann Strauß in Zürich: Regisseur Michael Sturminger schmückt Konventionen mit vampirhaften Ideen, Franz Welser-Möst sucht das Intime in der Musik

Mitunter begegnet man Dekonstruktionen von Werken, subjektiven Dehnungen (Hans Neuenfels' Fledermaus einst in Salzburg); dann wieder legt sich ein überraschender Gedanke übermalend auf das scheinbar Bekannte (Doris Dörrie verlegte Verdis Rigoletto auf den Planeten der Affen). Und hin und wieder hat man eine brave Inszenierung vor sich, die durch reizvolle Neuauslegung eines Werkaspektes dieser Bravheit eine gewisse Spannung verleiht.

Am Züricher Opernhaus hegt man eben diese Hoffnung: Es steht ja tatsächlich gleich zu Beginn der Herrn Dr. Falke (solide Gabriel Bermudez) als vergnügter Untoter auf dem Dach der Villa des Herrn Eisenstein, ver-sendet SMS und flattert schließlich sanft gen Himmel. Doch bald entflattert auch die Hoffnung: Höchst konventionell sucht Adele Rosalinde (mit erkämpftem Schönklang: Emily Magee) zu überreden, ihr freizugeben. Höchst operettenkonventionell wirkt auch der Zorn des Herrn Eisenstein, da er bald eine kleine Haftstrafe antreten muss - wie auch alle Intrigen und Dialoge, Scherze und Verwechslungen. Es bleibt die Strauß-Welt gewissermaßen doch mörbischhaft heil.

Lichtscheue Kreaturen

Die zweite Geschichte, die Sturminger "erspäht" hat, hätte das Potenzial zum irrwitzig Originellen gehabt. Sie kreist um Prinz Orlofsky (solide Michelle Breedt), der hier ein gelangweilter Untoter ist, ein Vampier, der einst, bei jenem Fest, da man Dr. Falke übel mitspielte, ebendiesen durch Bisse zum ewigen Leben "bekehrt" hat. Nur wird bei Orlofsky neuerlich ein Hedonismusabend gegeben, der als Festschmaus für die lichtscheuen Kreaturen angelegt ist. Das sieht dann auch hübsch düster aus (Ausstattung: Renate Martin und Andreas Donhauser), man steigt aus Särgen und wartet hungrig auf das Zeichen des Meisters.

Doch leider. Für das Gesamte der Geschichte bleibt die Vampiridee eine flüchtige Laune der Regiefantasie, eine nicht konsequent hineininszenierte dekorative Spielerei ohne inhaltliche Konsequenz. Mit Fortdauer der Intrige wird zwar da und dort gebissen; im dritten Akt, da sich im Gefängnis ein tatsächlich virtuoser Kampf trunkener Figuren ums Gleichgewicht (glänzend Reinhard Mayr als Frank; von hoch dynamischer Komik Karl Markovics als Frosch) vollzieht, ist auch Adele (mit vokaler Bravour Eva Liebau) schon bleich, um den Mund blutverschmiert und längst nicht satt. Doch verbeißen sich am etwas aufgesetzt wirkenden Schluss noch so viele Zähne in Eisensteins Bein (kultiviert Oliver Widmer) - es bleibt der Abend ein nettes Beißfest des Biederen, mit individuellen schauspielerischen Ausnahmen.

Mitunter fehlt ja auch die nötige Ambivalenz, etwa, wenn sich beim "O je, o je, wie rührt mich dies!" die geheuchelte Abschiedstrauer von Rosalin und Eisenstein mit der Vorfreude über Seitensprünge mixen sollte. Kurzum: nicht schlecht, immer aber an der Oberfläche. Sturminger hat eine Tür aufgemacht, durch die er leider nicht hindurchging.

Der zukünftige Musikdirektor der Wiener Staatsoper, Franz Welser-Möst, der bald in Wien die Fortsetzung des Wagner-Rings (Siegfried) betreuen wird, nimmt Strauß immerhin ernst und nicht zu leicht. In der kompakt drängenden Ouvertüre "gewinnt" er an den schwebenden Stellen Zeit und schafft in Summe eine ausbalancierte, gar nicht an der Oberfläche dahin dröhnende Klangwelt. Da finden sich Details liebevoll betreut, und sängerfreundlich ist das Ganze auch (Abstimmungsprobleme werden sich legen).

Zur delikaten Wirkung seiner über die Gesamtstrecke feinnervigen, präzisen Arbeit fehlte allerdings ein tragfähiges Klangfundament. Gerade, da das Ganze schlank und nobel angelegt war, hätte das Orchester etwas schillernde Süße bitter nötig gehabt, um ein bisschen Magie zu verbreiten. Klang ist schließlich auch eine Form von musikalischer Energie, die Gedanken Intensität verleiht. Wo diese Energie fehlt, "trocknen" auch die intelligenteste Idee, die delikateste Phrasierung aus. Als wären sie Opfer des Vampirismus. (Ljubisa Tosic aus Zürich, DER STANDARD/Printausgabe, 31.03.2008)

Vorstellungen: 6., 9., 20. 4.
  • Kleines Operettenfest des Blutes: Rosalie (Emily Magee) als Opfer von Prinz Orlofsky (Michelle Breedt).
    foto: opernhaus zürich

    Kleines Operettenfest des Blutes: Rosalie (Emily Magee) als Opfer von Prinz Orlofsky (Michelle Breedt).

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