Lagobericht aus den Schweizer Gärten

2. April 2008, 17:00
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In den immergrünen Parkanlagen der Tessiner Seenlandschaft hat der Frühling bereits begonnen

Das Blau der Tessiner Seen bildet ja eigentlich nur den Hintergrund. Für das Pink, Rot und Gelb der Azaleenblüten im Süden der Schweiz und ein Gemälde, in das sich sanfter Nelkenduft von Glyzinien mischt, die in Weiß und Lila als dicke Reben von Mauern und Spalieren hängen. Nur zwei Gärten muss man hier besuchen - möglichst im Mai -, um ein Schweizer Stillleben zu genießen, das mit der Schroffheit anderer Kantone so gar nichts zu tun haben will.

Der Parco Scherrer am Lago di Lugano liegt etwa einen Kilometer hinter der Ortsausfahrt der Stadt Morcote rechts oberhalb der Straße. Er ist schwer zu finden: ausgezeichnetes Understatement, aber eben auch schlecht ausgezeichnet für Besucher. Immerhin führt einen der Garten bereits von ganz unten in steilen Terrassen hoch hinauf über den See.

Noch vor gut 60 Jahren gab es hier nur ein altes Häuschen mit einem Stall und darüber, am Hang, einen Weinberg, durchsetzt mit Kastanienbäumen. Der Baseler Tuchhändler Arthur Scherrer erwarb das Haus und dann, in Etappen, das ganze Grundstück. Aus dem Häuschen wurde eine Residenz am See, Scherrer war Landschaftsgärtner aus Passion. Außerdem reiste er immerzu, und um 1930, als er das Haus kaufte, war seine Sammlung von Mitbringseln aus dem Orient und Asien so groß, dass er ihnen ein Freilichtmuseum im Park einrichten musste.

Heute begrüßen Steinlöwen den Besucher an der Eingangstreppe des Parks. Auf der zweiten Terrassenebene wird das Rauschen der Uferstraße von Morcote leiser, und der Park beginnt seinen ganzen Zauber zu entfalten. Auf steilen Steinwegen gelangt man immer höher, der Blick auf den Lago di Lugano wird von Stufe zu Stufe schöner. Steinputten und griechische Götterskulpturen säumen den Weg, der vorbei an Pfingstrosen durch Spaliere führt.

Bei der ersten Gabelung ist man unsicher, ob die Richtung zur rostroten Villa des Tuchhändlers eingeschlagen werden soll oder lieber die andere Richtung zum französischen Garten mit geschnittenen Hecken und runden Buchskugeln. Als Alternative böte sich noch das asiatische Teehäuschen an, mit gemütlicher Chaiselongue, oder die griechische Akropolis en miniature. Egal, für welchen Weg sich Spaziergänger entscheiden: Enttäuscht werden sie nicht.

Die Villa des Tuchhändlers ist bis auf einen Raum geschlossen. Doch durch das Fenster kann man noch gut erkennen, wie Monsieur Scherrer damals zu leben pflegte: An seinem großen Mahagonischreibtisch scheint er gerade noch gesessen zu haben, nur die schwere kleine Standuhr tickt nicht mehr. Dicke rote Orientteppiche bedecken den Marmorboden seines Wohnzimmers, der Elefantenfuß als Schemel gehörte wohl damals zur Standardausstattung - genauso wie die chinesischen Vasen, von denen der Tuchhändler einige besonders schöne Exemplare bis in die Schweiz gebracht hat. Auf jeden Fall muss er eine Vorliebe für exquisite Picknickplätze gehabt haben, denn überall im Park stehen die Gartenstühle noch so, dass man mit Seeblick sitzt.

Rundum gut bewässert

Der zweite dieser außergewöhnlichen Tessiner Gärten liegt mitten im Lago Maggiore: auf der größeren der beiden Brissago-Inseln, der St.-Pankratius-Insel, die mit ihren 25.000 Quadratmetern vom Ehemann der russischen Baronin Antoinetta von Saint-Léger um 1880 in einen subtropischen Garten verwandelt wurde. Er war es nämlich, der mit viel Eifer den Park mit Pflanzen aus dem gesamten Mittelmeerraum versorgte.

Mit dem Boot erreicht man die Inseln von Ascona aus in einer Viertelstunde. Die schönste Zeit für die Besichtigung ist der frühe Morgen, dann taucht die Sonne die rosafarbene Villa, die der Deutsche Max Emden 1928 erbauen ließ, in sanftes Licht. Nur am Vormittag ist die ganze Pracht der Rhododendrenbüsche, Pfingstrosen, Proteen und Palmen in dieses milde Licht gehüllt. Nur dann leuchtet auch der chilenische, immergrüne Araucariabaum zwischen den heimischen Azaleen.

Die Heilkräuter gedeihen an diesem Platz ohnehin prächtig. Allein 200 verschiedene Arten wurden hier angepflanzt, darunter so ungewöhnliche Pflanzen wie der Borage oder das Kleine Immergrün. Nur Vogelgezwitscher und der Schrei des Pfaus unterbrechen die Stille, die in diesem Garten herrscht.

Dankbar ist man den nördlichen Nachbarn dann doch, denn die Alpenkette verhindert, dass kalte und nasse Luft bis hierher gelangen kann. Die Nähe des westlichen Mittelmeers und der Adria verursacht zusätzlich heftige Sommerregen und milde Winter, die besonders die Exoten auf der Insel wie etwa die Eukalyptusbäume gerne mögen.

Von der Nord- zur Südspitze ist die Insel in einer Viertelstunde erkundet. Doch die herrlichen Ausblicke auf den Lago Maggiore, der zwischen den Pflanzen immer wieder aufblitzt, sind durchwegs Postkartenmotive - die Kamera gehört also unbedingt ins Gepäck. Etwa um auch den Ort einzufangen, der hier die meiste Magie entfaltet: das römischen Bad. Etwas abseits der Villa liegt es hinter einer kleinen Steinmauer, wo sich eine bronzene Venus seit über hundert Jahren immer und immer wieder zu entkleiden scheint, um zum Sprung in den Pool anzusetzen. Wer auf der antiquierten Bank in diesem kleinen Paradies Platz nimmt, wird wohl eine ganze Weile abwarten wollen, ob sie nicht doch noch springt. (Bettina Louise Haase/DER STANDARD/Printausgabe/29./30.3.2008)

Info: Parco Scherrer - geöffnet von März bis Oktober von 9 bis 17 Uhr, Eintritt: umgerechnet rund 5 €.

Isole de Brissago - geöffnet von April bis Oktober von 9 bis 18 Uhr, Eintritt: ebenfalls rund 5 €

Unterkunft: z. B. das Parco San Marco Beach Resort mit seiner 30.000 m² großen subtropischen Parkanlage auf der italienischen Seite des Lago di Lugano in Cima di Porlezza.

Informationen:
ticino.ch
  • Mit dem Boot erreicht man die Brissago-Inseln.
    foto: ticino.ch

    Mit dem Boot erreicht man die Brissago-Inseln.

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