Madame hunderttausend Volta

5. April 2008, 17:00
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Das pulsierende Leben Thessalonikis erschließt sich nur über die richtige Technik griechischen Flanierens - der Volta

Sonnenbrillen sauber geputzt, der Anzug besser dunkel gehalten, Schuhe tadellos im Glanz. Und dann gibt es noch das ewige Problem mit den Händen zu lösen. Die Hände sind immer ein wenig im Weg, wenn sich Thessaloniki zur abendlichen Volta rüstet, dem Phlegma des beschaulichen Bummelns frönt, dem Schauen und Bewundertwerden. Herumfuchteln geht bei dieser Gelegenheit jedenfalls nicht. Das gäbe klare Abzüge bei den Volta-Haltungsnoten, die Juroren des griechischen Volkssports, also alle anderen Flanierer, sind da ziemlich streng.

Doch auch schlichtes, seitliches Baumeln der Arme kommt nicht wirklich infrage. Dafür wären allein schon die teuren Uhren und Ringe zu schade. Also halten sich die eleganten Herren und blondierten Damen, die Fischgrät-Sakko-Oldies und die pomadisierten Jungen, die sich am späteren Nachmittag über Thessalonikis Plateia Aristotelous schieben, lieber an jenen Werkzeugen fest, die Griechenland für das Hände-Problem ja längst gefunden hat - mit allen Vor- und Nachteilen der jeweiligen Geräte: Das klassische Kolomboi, die Altmänner-Perlenschnur, kann vielleicht leise klacken, wie Schotterstrand rieseln. Aber wichtigtuerisch schrillen, so wie das Handy, kann die Perlenschnur nicht. Seine Qualitäten hat das Kolomboi dennoch. Oder lassen sich Handys lässig um die Finger wickeln?

Wer in Thessaloniki losschlendert, darf bis heute am eigenen Körper erfahren, dass das Prinzip Volta hier bestens funktioniert. Als hätte man GPS-Koordinaten in den Sandalen, bewegen sich die Füße dann mit dem Fluss der Spaziergänger, traben wie automatisch zum zentralen Aristoteles-Platz hin, jener mondänen, von eleganten Cafés und klassizistischem Fassadenstuck gesäumten Drehscheibe der Stadt - ideal, um neben der Statue des hier geborenen Aristoteles seinen Café Frappé philosophisch zu betrachten, bis auf den sudigen Grund der Tasse.

Verteilerkreis für Prinzipien

Die Plateia ist zugleich auch eine Art Verteilerkreis der alltäglichen Eitelkeiten, an dem sich der Flanierer-Strom in zwei prinzipielle Richtungen weiterschiebt. Aufreißer und Barbies münden überwiegend in die Uferpromenade der Nikis Avenue ein, in eine Art Vespa-Rennstrecke, die erst vor Thessalonikis Wahrzeichen, dem Weißen Turm, seinen Zieleinlauf hat, und dessen Gehsteige die Piste für Thessalonikis Designerbar-Marathon abgeben.

Vielschichtiger als der Lifestyle-Beton der dicht gereihten Acrylglas-Bars ist hingegen der kurze Weg in die Gegenrichtung, nach Ladadika. Zwischen Ölfässern und Lagerhallen des alten Hafenbezirks entstanden hier Music-Clubs und stimmungsvolle Restaurants - in Summe ein beliebtes Biotop der lokalen Jugendkultur, aus dessen studentischem Milieu sich auch Thessalonikis kleine, feine Architekturszene speist. Dass die Hauptstadt der makedonischen Provinz, und nicht etwa Athen, das wichtigste Filmfestival beherbergt - auch daran erinnern die Poster der hier beheimateten Clubs.

So viel zur entspannten Seite der zweitgrößten Stadt Griechenlands, die sich trotz ihrer knappen Million Einwohner viel Beschauliches erhalten konnte. Aber jetzt an die touristische Klein- und Beinarbeit. Denn mit abendlichem Bummeln allein kommt man an einem Ort, der auf Schritt und Tritt Geschichte atmet und der von der einfachen Haltestelle an der Handelsstraße Rom-Byzanz für kurze Zeit gar zur Kaiserresidenz des Römischen Reiches aufstieg, nicht wirklich weiter.

In den Schatten gestellt

Dass Nordgriechenland ein Geheimtipp für Liebhaber des Landes ist, merkt man auch der im touristischen Windschatten Chalkidikis gelegenen Hafenstadt an: Thessalonikis berühmter Markt ist ein idealer Einstieg dafür. Mit Ramsch-Basar à la Athener Plaka hat das hinter Ladadika anschließende Vláli-Viertel nichts zu tun. Zu vital klingen die Flüche der Metzger hier, die das Potpourri aus Fisch, knusprigen Sesamkringeln und blutigen Schürzen tragen.

Rund um die Ermou-Straße wechseln überdachte Teile - etwa die Modiano-Markthalle - mit offenen Marktgassen ab, die einst über viele Jahrhunderte eine bedeutende jüdische Gemeinde beherbergten. Als Apostel Paulus 50 nach Christus seine "Briefe an die Thessalonicher" ablieferte, gab es bereits seit langem Synagogen in der Stadt. Dass Spaniens sephardische Juden in "Salonico" ein griechisches Jerusalem fanden, später fünfundvierzigtausend Menschen von den Nazis deportiert wurden - auch davon legt das Judenviertel Zeugnis ab.

Lange Trockenperiode

Aber Thessaloniki erzählt noch ganz andere Geschichten. Wie seltene Prosa leuchten sie im städtischen Raster der rechtwinkeligen Straßen auf. Dazu zählt auch jene vom Baden ohne Wasser - erfahrbar, wenn man im nur wenige Meter vom Geburtshaus des Kemal Atatürk entfernten türkischen Bad Bey Hamam ins osmanische Erbe der Stadt eintauchen will. In feinen Säulen fällt das Licht hier durch die Öffnungen der Kuppeldecke, sickert auf die trockenen Marmorbecken des türkischen Hamam herunter. Wie ein sakraler Raum wirkt das aus dem Jahre 1444 stammende Gebäude.

Unmittelbar hinter dem Osmanen-Bad klafft indessen das Schweigen der Römer: Reste der Agora machen die Plateia Dikasterion zu einem Steinbruch der Geschichte, nicht allzu weit leuchtet der Triumphbogen des römischen Kaisers Galerius im späten Abendlicht. Seit Thessaloniki 1997 Kulturhauptstadt war, präsentieren sich solche Relikte feiner herausgeputzt denn je.

Doch vor allem ist Thessaloniki eine lebendige Stadt, beseelt von versteckten, urbanen Nischen und Akzenten, die bislang auch ohne Tourismus bestens über die Runden kamen: Tavernen-Blau, das sich in der versteckten "Ouzeri Aristotelous" über Jugendstil-Architektur ergießt, zählt etwa dazu. Und die bis heute von einer Stadtmauer umgebene, dörfliche Oberstadt Ano Polis mit ihren hölzernen Erkern der türkischen Häuser. Hier kann man Rembetiko, den "griechischen Blues", unplugged hören. Oder leiser: Das Knirschen der "To Tsinari"-Tavernenstühle auf der mit Kopfstein gepflasterten Alexandrou-Papadopoulou-Straße. Oder noch leiser: die Ruhe des Miniklosters Osios David, eines raren byzantinischen Kleinods, dessen Fresken noch immer mit den Zitronen des beigestellten Gärtchens um die Wette leuchten. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/29./30.3.2008)

  • Der weiße Turm ist das Wahrzeichen von Thessaloniki.
    foto: griechische zentrale für femdenverkehr/g.chatzispirou

    Der weiße Turm ist das Wahrzeichen von Thessaloniki.

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