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Der weiße Turm ist das Wahrzeichen von Thessaloniki.

Doch auch schlichtes, seitliches Baumeln der Arme kommt nicht wirklich infrage. Dafür wären allein schon die teuren Uhren und Ringe zu schade. Also halten sich die eleganten Herren und blondierten Damen, die Fischgrät-Sakko-Oldies und die pomadisierten Jungen, die sich am späteren Nachmittag über Thessalonikis Plateia Aristotelous schieben, lieber an jenen Werkzeugen fest, die Griechenland für das Hände-Problem ja längst gefunden hat - mit allen Vor- und Nachteilen der jeweiligen Geräte: Das klassische Kolomboi, die Altmänner-Perlenschnur, kann vielleicht leise klacken, wie Schotterstrand rieseln. Aber wichtigtuerisch schrillen, so wie das Handy, kann die Perlenschnur nicht. Seine Qualitäten hat das Kolomboi dennoch. Oder lassen sich Handys lässig um die Finger wickeln?
Wer in Thessaloniki losschlendert, darf bis heute am eigenen Körper erfahren, dass das Prinzip Volta hier bestens funktioniert. Als hätte man GPS-Koordinaten in den Sandalen, bewegen sich die Füße dann mit dem Fluss der Spaziergänger, traben wie automatisch zum zentralen Aristoteles-Platz hin, jener mondänen, von eleganten Cafés und klassizistischem Fassadenstuck gesäumten Drehscheibe der Stadt - ideal, um neben der Statue des hier geborenen Aristoteles seinen Café Frappé philosophisch zu betrachten, bis auf den sudigen Grund der Tasse.
Verteilerkreis für Prinzipien
Die Plateia ist zugleich auch eine Art Verteilerkreis der alltäglichen Eitelkeiten, an dem sich der Flanierer-Strom in zwei prinzipielle Richtungen weiterschiebt. Aufreißer und Barbies münden überwiegend in die Uferpromenade der Nikis Avenue ein, in eine Art Vespa-Rennstrecke, die erst vor Thessalonikis Wahrzeichen, dem Weißen Turm, seinen Zieleinlauf hat, und dessen Gehsteige die Piste für Thessalonikis Designerbar-Marathon abgeben.
Vielschichtiger als der Lifestyle-Beton der dicht gereihten Acrylglas-Bars ist hingegen der kurze Weg in die Gegenrichtung, nach Ladadika. Zwischen Ölfässern und Lagerhallen des alten Hafenbezirks entstanden hier Music-Clubs und stimmungsvolle Restaurants - in Summe ein beliebtes Biotop der lokalen Jugendkultur, aus dessen studentischem Milieu sich auch Thessalonikis kleine, feine Architekturszene speist. Dass die Hauptstadt der makedonischen Provinz, und nicht etwa Athen, das wichtigste Filmfestival beherbergt - auch daran erinnern die Poster der hier beheimateten Clubs.
So viel zur entspannten Seite der zweitgrößten Stadt Griechenlands, die sich trotz ihrer knappen Million Einwohner viel Beschauliches erhalten konnte. Aber jetzt an die touristische Klein- und Beinarbeit. Denn mit abendlichem Bummeln allein kommt man an einem Ort, der auf Schritt und Tritt Geschichte atmet und der von der einfachen Haltestelle an der Handelsstraße Rom-Byzanz für kurze Zeit gar zur Kaiserresidenz des Römischen Reiches aufstieg, nicht wirklich weiter.
In den Schatten gestellt
Dass Nordgriechenland ein Geheimtipp für Liebhaber des Landes ist, merkt man auch der im touristischen Windschatten Chalkidikis gelegenen Hafenstadt an: Thessalonikis berühmter Markt ist ein idealer Einstieg dafür. Mit Ramsch-Basar à la Athener Plaka hat das hinter Ladadika anschließende Vláli-Viertel nichts zu tun. Zu vital klingen die Flüche der Metzger hier, die das Potpourri aus Fisch, knusprigen Sesamkringeln und blutigen Schürzen tragen.
Rund um die Ermou-Straße wechseln überdachte Teile - etwa die Modiano-Markthalle - mit offenen Marktgassen ab, die einst über viele Jahrhunderte eine bedeutende jüdische Gemeinde beherbergten. Als Apostel Paulus 50 nach Christus seine "Briefe an die Thessalonicher" ablieferte, gab es bereits seit langem Synagogen in der Stadt. Dass Spaniens sephardische Juden in "Salonico" ein griechisches Jerusalem fanden, später fünfundvierzigtausend Menschen von den Nazis deportiert wurden - auch davon legt das Judenviertel Zeugnis ab.
Lange Trockenperiode
Aber Thessaloniki erzählt noch ganz andere Geschichten. Wie seltene Prosa leuchten sie im städtischen Raster der rechtwinkeligen Straßen auf. Dazu zählt auch jene vom Baden ohne Wasser - erfahrbar, wenn man im nur wenige Meter vom Geburtshaus des Kemal Atatürk entfernten türkischen Bad Bey Hamam ins osmanische Erbe der Stadt eintauchen will. In feinen Säulen fällt das Licht hier durch die Öffnungen der Kuppeldecke, sickert auf die trockenen Marmorbecken des türkischen Hamam herunter. Wie ein sakraler Raum wirkt das aus dem Jahre 1444 stammende Gebäude.
Unmittelbar hinter dem Osmanen-Bad klafft indessen das Schweigen der Römer: Reste der Agora machen die Plateia Dikasterion zu einem Steinbruch der Geschichte, nicht allzu weit leuchtet der Triumphbogen des römischen Kaisers Galerius im späten Abendlicht. Seit Thessaloniki 1997 Kulturhauptstadt war, präsentieren sich solche Relikte feiner herausgeputzt denn je.
Doch vor allem ist Thessaloniki eine lebendige Stadt, beseelt von versteckten, urbanen Nischen und Akzenten, die bislang auch ohne Tourismus bestens über die Runden kamen: Tavernen-Blau, das sich in der versteckten "Ouzeri Aristotelous" über Jugendstil-Architektur ergießt, zählt etwa dazu. Und die bis heute von einer Stadtmauer umgebene, dörfliche Oberstadt Ano Polis mit ihren hölzernen Erkern der türkischen Häuser. Hier kann man Rembetiko, den "griechischen Blues", unplugged hören. Oder leiser: Das Knirschen der "To Tsinari"-Tavernenstühle auf der mit Kopfstein gepflasterten Alexandrou-Papadopoulou-Straße. Oder noch leiser: die Ruhe des Miniklosters Osios David, eines raren byzantinischen Kleinods, dessen Fresken noch immer mit den Zitronen des beigestellten Gärtchens um die Wette leuchten. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/29./30.3.2008)
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Diese spannende und absolut sehenswerte Stadt hat sich diesen flachen Artikel nicht verdient. Die Tussen- und Machoparade am Wochenende macht Thessaloniki zwar lebendig (und manchmal unfreiwillig komisch), aber dem so viel Platz einzuräumen ist angesichts des historischen Erbes, der Kontraste und Besonderheiten Thessalonikis schon seltsam. überhaupt: Wie kann man Ereignisse wie den Großbrand von 1917 oder die "Kleinasiatische Katastrophe", welche die Stadt bis heute (sichtbar) prägen, einfach negieren?
Für jene, die mehr über die besondere Vergangenheit Thessalonikis erfahren möchten, um die heutige Stadt dann besser zu verstehen, ein Buchtipp: Mark Mazower: Salonica, City of Ghosts. Christians, Muslims and Jews.
ich war grad in saloniki, und die u-bahn, die es laut der print-ausgabe des standard gibt, existiert nur als riesenbaustelle(n); wird angeblich erst in 7 jahren fertig.
und dass ein frappe keinen "sudigen grund" in der tasse hat, ist wohl auch keine neuigkeit....
ich hab nicht den eindruck, dass der autor dieses artikels wirklich in saloniki war, sondern ein paar nette reiseberichte zusammengefasst hat, ohne nachzudenken, was er/sie da schreibt...
Die wenigen handfesten Informationen, die er enthält, kann ich in einem Lexikon-Eintrag über die Stadt genauso - und besser - nachlesen. Und der Rest - insbesondere dieses Geschwafel über das Herumflanieren - ist nichts anderes als ein inhaltsleeres Wortgeklingel, mit dem der Verfasser nur zeigen will, wie originell er doch formulieren kann. Und das banale Wortspiel der Überschrift sagt schon alles über die Qualität des Artikels ...
... ähnelt eher dem Wiener Bermuda-Dreieck, nur dass sich in Bars der Ladadika hauptsächlich Mädels zwischen 14-15 sowie Herren > 50 anzutreffen sind. echt grauslich.
Ansonsten ist Thessaloniki für mich die schönste griechische Stadt mit einem enormen kulturellen Angebot.
Der Artikel erwähnt zwar das ottomanische Erbe der Stadt in Bezug auf einen Besuch im Hamam aber nicht, dass die Demographie der Stadt sowohl das Resultat der Ermordung und Vertreibung der Juden ist als auch des sogenannten Bevölkerungsaustauschs von 1920. Um die Jahrhundertwende waren Juden die größte Bevölkerungsgruppe und Muslime die nächst größere. Der Großteil der heutigen Griechen waren Flüchtlinge aus Kleinasien (besonders Izmir). Es ist bemerkenswert, dass sowohl die Stadt - die sich als vollkommen griechisch präsentiert - als auch der Bericht, die gewaltsame Geschichte der Stadt ausblendet.
Ihr posting hat mich neugierig gemacht und siehe da:
(Meyers Handlexikon, Ausgabe 1921)
Saloniki, [...] 158.000 EW (davon 90.000 Spaniolen)
Stichwort Spaniolen: Nachkommen der 1492 aus Spanien entflohenen und in der Tuerkei angesiedelten Juden.
Danke fuer die Info!
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