Das ÖFB-Team wächst, wie die Vorbereitungsspiele gezeigt haben, nicht immer mit den Aufgaben, aber phasenweise über sich hinaus
Wien - Die EURO kommt zu früh. Für Österreichs Nationalteam jedenfalls. Je näher das Turnier rückt, desto leiser wird jene Einsicht vorgebracht werden, die sich bei genauer Betrachtung der Umstände als Binsenweisheit entpuppt. Solch Selbstschutz ist notwendig und zu begrüßen. Damit der Spaß nicht verloren geht und mögliche Traumata nicht sinnloserweise vorgezogen werden.
Aus netzwerkanalytischem Blickwinkel erweisen sich die Beziehungen innerhalb des Teams als noch nicht stabil genug, um Herausforderungen (starken Gegnern) ohne Einbrüche zu begegnen. Die Spiele gegen Deutschland und die Niederlande waren eine extreme Verdichtung dessen, was geht und was nicht.
Die herausragende Entwicklung hat sich bei all den dürftigen Ergebnissen und teils kraftlosen Auftritten des Herbstes im Stillen vollzogen: Wir haben ein Team, dessen Teile sukzessive und in immer größerer Selbstverständlichkeit ineinanderzugreifen beginnen. Nichts zeigt das deutlicher als die reduzierte Grafik des Spiels gegen Deutschland, an der sich die Ausbildung mehrerer spielaufbauender Netzwerke mit ihren Nahtstellen gut beobachten lässt. Im Vergleich zu den reaktiven Verlegenheitsnetzwerken, die wir noch vor einem halben Jahr verzeichnen mussten, erweist sich diese Formation als tragfähiges Gleichgewicht aus Stabilität und Dynamik.
Gelang dem Team in den Partien des Vorjahres oft nur über einen Flügel (meist denjenigen, an dem Ivanschitz zu finden war) ein allenfalls zaghafter Spielaufbau, vollzieht sich nunmehr das, was man im Fußball eine vertikale Ausrichtung nennt. Das Hin- und Hergeschiebe als Reaktion auf den Druck des Gegners wird phasenweise umgewandelt in ein Spiel nach vorn, idealerweise durch frühes Stören eingeleitet.
Im Match gegen Deutschland und teilweise auch gegen die Niederlande erkennt man diese positive Entwicklung nicht zuletzt an der starken Achse Pogatetz-Säumel-Ivanschitz. Das zusätzlich gefährliche Tüpfelchen im Deutschland-Match bildete Martin Harnik durch sein ständiges Rotieren und seine umfassende Anspielbarkeit - was dafür spricht, ihn als zweite Spitze einzusetzen, wiewohl er gegen die Niederlande auch eine teilweise außergewöhnliche Leistung am rechten Flügel bot.
Die Netzwerke des vergangenen Jahres spiegeln in ihrer Diffusität, Reaktivität und Beziehungsarmut jene Einbrüche wider, die sich auch zuletzt in der zweiten Hälften vollzogen. Sobald die Fähigkeit, das Spiel zu machen bzw. nur zu kontrollieren, verlorengeht, zerfallen auch die notwendigen Strukturen im Beziehungsaufbau. Die Netzwerke reduzieren sich dann im Wesentlichen auf zwei bis drei Akteure.
Das Spiel des Teams wird durch diese Eindimensionalisierung auch ausrechenbarer. Am deutlichsten ist dieser Zerfall an den reduzierten Netzwerken der Spiele gegen Tschechien und England zu sehen. Ähnliches gilt für das Match gegen Frankreich, wo das Netzwerk sich auf den ersten Blick vielschichtig ausnimmt. Es fällt jedoch auf, dass die dominierende Beziehung in der Defensivachse Fuchs-Stranzl bestand, Richtung Offensive entwickelten sich allenfalls diffuse, wenig stabile Dreiecke. Wesentlich unberechenbarer und konstruktiver erscheint da das Auftreten gegen die Elfenbeinküste, wo in Ansätzen auch jene Spielverlagerung gelang, die Teamchef Josef Hickersberger im Interview von den Spielern fordert.
Im Anschluss an die Ausgangsthese der zu früh kommenden EURO zeichnet sich aus Netzwerksicht ein klares Programm in puncto Teamaufbau ab: Angesichts der wachsenden Konkurrenz der jungen Wilden haben sich die Vertreter der "verlorenen Generation" im Grunde überlebt - so wichtig sie für den Stabilisierungsprozess gewesen sein mögen. Nicht zufällig fehlte Joachim Standfest gegen die Niederlande in der Startformation, und die Forderung nach dem ballsicheren Ümit Korkmaz statt Christian Fuchs auf der linken Seite kann der Teamchef kaum überhören. Gelingt's, die EURO ohne große Peinlichkeit zu überstehen, kommt auf Hickersbergers Nachfolger eine reizvolle Aufgabe zu: das Weiterentwickeln eines Spielernetzwerks ohne Individualartisten, aber mit enormem Wachstumspotenzial, was die Teamfähigkeit betrifft. (Helmut Neundlinger, freier Journalist in Wien, interpretiert
das Ergebnis der Match-Analysen von fas.research zu den Testpartien des ÖFB-Teams - DER STANDARD PRINTAUSGABGE - 29.3. 2008)