Ein Netzwerk mit Zukunft

Redaktion, 28. März 2008, 19:00
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    foto: apa/fohringer

    ÖFB-Kapitän Andreas Ivanschitz: Einmal fehlte der Panathinaikos-Legionär (gegen Tschechien), meistens war er das Um und Auf im österreichischen Spiel.

Das ÖFB-Team wächst, wie die Vorbereitungs­spiele gezeigt haben, nicht immer mit den Aufgaben, aber phasen­weise über sich hinaus

Wien - Die EURO kommt zu früh. Für Österreichs Nationalteam jedenfalls. Je näher das Turnier rückt, desto leiser wird jene Einsicht vorgebracht werden, die sich bei genauer Betrachtung der Umstände als Binsenweisheit entpuppt. Solch Selbstschutz ist notwendig und zu begrüßen. Damit der Spaß nicht verloren geht und mögliche Traumata nicht sinnloserweise vorgezogen werden.

Aus netzwerkanalytischem Blickwinkel erweisen sich die Beziehungen innerhalb des Teams als noch nicht stabil genug, um Herausforderungen (starken Gegnern) ohne Einbrüche zu begegnen. Die Spiele gegen Deutschland und die Niederlande waren eine extreme Verdichtung dessen, was geht und was nicht.

Die herausragende Entwicklung hat sich bei all den dürftigen Ergebnissen und teils kraftlosen Auftritten des Herbstes im Stillen vollzogen: Wir haben ein Team, dessen Teile sukzessive und in immer größerer Selbstverständlichkeit ineinanderzugreifen beginnen. Nichts zeigt das deutlicher als die reduzierte Grafik des Spiels gegen Deutschland, an der sich die Ausbildung mehrerer spielaufbauender Netzwerke mit ihren Nahtstellen gut beobachten lässt. Im Vergleich zu den reaktiven Verlegenheitsnetzwerken, die wir noch vor einem halben Jahr verzeichnen mussten, erweist sich diese Formation als tragfähiges Gleichgewicht aus Stabilität und Dynamik.

Gelang dem Team in den Partien des Vorjahres oft nur über einen Flügel (meist denjenigen, an dem Ivanschitz zu finden war) ein allenfalls zaghafter Spielaufbau, vollzieht sich nunmehr das, was man im Fußball eine vertikale Ausrichtung nennt. Das Hin- und Hergeschiebe als Reaktion auf den Druck des Gegners wird phasenweise umgewandelt in ein Spiel nach vorn, idealerweise durch frühes Stören eingeleitet.

Im Match gegen Deutschland und teilweise auch gegen die Niederlande erkennt man diese positive Entwicklung nicht zuletzt an der starken Achse Pogatetz-Säumel-Ivanschitz. Das zusätzlich gefährliche Tüpfelchen im Deutschland-Match bildete Martin Harnik durch sein ständiges Rotieren und seine umfassende Anspielbarkeit - was dafür spricht, ihn als zweite Spitze einzusetzen, wiewohl er gegen die Niederlande auch eine teilweise außergewöhnliche Leistung am rechten Flügel bot.

Die Netzwerke des vergangenen Jahres spiegeln in ihrer Diffusität, Reaktivität und Beziehungsarmut jene Einbrüche wider, die sich auch zuletzt in der zweiten Hälften vollzogen. Sobald die Fähigkeit, das Spiel zu machen bzw. nur zu kontrollieren, verlorengeht, zerfallen auch die notwendigen Strukturen im Beziehungsaufbau. Die Netzwerke reduzieren sich dann im Wesentlichen auf zwei bis drei Akteure.

Das Spiel des Teams wird durch diese Eindimensionalisierung auch ausrechenbarer. Am deutlichsten ist dieser Zerfall an den reduzierten Netzwerken der Spiele gegen Tschechien und England zu sehen. Ähnliches gilt für das Match gegen Frankreich, wo das Netzwerk sich auf den ersten Blick vielschichtig ausnimmt. Es fällt jedoch auf, dass die dominierende Beziehung in der Defensivachse Fuchs-Stranzl bestand, Richtung Offensive entwickelten sich allenfalls diffuse, wenig stabile Dreiecke. Wesentlich unberechenbarer und konstruktiver erscheint da das Auftreten gegen die Elfenbeinküste, wo in Ansätzen auch jene Spielverlagerung gelang, die Teamchef Josef Hickersberger im Interview von den Spielern fordert.

Im Anschluss an die Ausgangsthese der zu früh kommenden EURO zeichnet sich aus Netzwerksicht ein klares Programm in puncto Teamaufbau ab: Angesichts der wachsenden Konkurrenz der jungen Wilden haben sich die Vertreter der "verlorenen Generation" im Grunde überlebt - so wichtig sie für den Stabilisierungsprozess gewesen sein mögen. Nicht zufällig fehlte Joachim Standfest gegen die Niederlande in der Startformation, und die Forderung nach dem ballsicheren Ümit Korkmaz statt Christian Fuchs auf der linken Seite kann der Teamchef kaum überhören. Gelingt's, die EURO ohne große Peinlichkeit zu überstehen, kommt auf Hickersbergers Nachfolger eine reizvolle Aufgabe zu: das Weiterentwickeln eines Spielernetzwerks ohne Individualartisten, aber mit enormem Wachstumspotenzial, was die Teamfähigkeit betrifft. (Helmut Neundlinger, freier Journalist in Wien, interpretiert das Ergebnis der Match-Analysen von fas.research zu den Testpartien des ÖFB-Teams - DER STANDARD PRINTAUSGABGE - 29.3. 2008)

Kommentar posten
10 Postings
eisenherz
 
01
28.3.2008, 22:56


Hellsichtiger Artikel, der das zeigt, was war...

Ivanschitz ist für mich schon an der Grenze zum Individualartisten...

16erblech
00
29.3.2008, 14:03
mmn ist...

...der ivanschitz andi unser wichtigster und bester spieler. würde er verletzt sein oder gesperrt werden wäre das offensiv-spiel gestorben.

radlfahrer
10
28.3.2008, 22:51
Bis jetzt wollte ich, das Hicke geht,

jetzt bin ich dafür, dass Hicke auch nach der EM bleibt.
Oder zumindest, dass wirklich ein ausländischer Spitzenmann kommt, denn aus Österreich kommt nur 'was Schlechteres.

Silvio Lackner
01
28.3.2008, 20:42
Gerade das Hin und Hergeschiebe ging in diesem Spiel ab. Bei 3:0 wäre Hin und Hergeschiebe angebracht gewesen: zu Demoralisierungszwecken!

Wir müssen ja nicht mehr nach vorne, liebe Holländer.

Dazu muss ich halt auch Präsenz zeigen. Ene starke Brust, mir nicht die eigene Hälfte streitig machen lassen vom Gegner. Es ist auch anstrengend, aber weniger, als dem Ball hinterherzuhecheln. Und Blitzkonter fahren - aber nicht sofort, unmittelbar nach jedem Ballgewinn, wenn ich 3:0 führe. Ich hab ja keinen Zeitdruck!

Konstruktiv sind sie dennoch besser als vor einigen Monaten.

thomas P
 
00
29.3.2008, 14:32
ja eh

nur mach das mal gegen das 5 er mittelfeld der holländer....die spielen das nicht umsonst schon seit 30ig jahren so ....

Silvio Lackner
00
29.3.2008, 16:53

:)

narya
01
28.3.2008, 19:34
Wie hoch stehen die Chancen, ..

.. dass der angesprochene Hickerberger-Nachfolger im Vornamen Paul und dann Gludowatz heißt?

16erblech
00
29.3.2008, 14:01

wenn der hicke wirklich aufhört, wäre der gludovatz wirklich mehr als eine überlegung wert.

Lousy World
 
00
28.3.2008, 19:57

in welchen netzwerk ist paul gludowatz ?
bin leider kein insider

Der Erklärbär
00
28.3.2008, 20:50

Nachwuchstrainer. Hatte die erfolgreiche U20 Mannschaft trainiert.

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