Die Erinnerung ist nicht wegzudenken

4. April 2008, 13:23
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Saul Friedländer bekam den diesjährigen Bruno-Kreisky-Sonderpreis verliehen: Der Historiker spricht über seine Quellen, seine Kritiker und über Hitler in Wien

Wien – Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Saul Friedländer in den Besitz von Briefen, die seine Großmutter in Stockholm erhalten hatte. Manche kamen von Sauls Eltern, die kurz vor der Deportation aus Frankreich nach Polen standen. Einer war von Saul selbst, der ihr 1944 aus dem bereits freien Teil Frankreichs Grüße schickte, aus dem Kloster, in dem er als Kind überlebte.

Ein Brief war von einer Tante Sauls. Sie arbeitete damals, 1943, im von den Deutschen besetzten Prag in der noch existierenden jüdischen Gemeinde, und sie schrieb ihrer Verwandten nach Schweden, dass sie sich freue, zum Arbeitsdienst nach Polen verlegt zu werden. Dort werde sie Sauls Eltern näher sein.

"Was wir hier sehen", sagt Saul Friedländer, "und ich hab das in etlichen anderen Briefen und Tagebüchern bestätigt gefunden, ist, wie die Juden keinesfalls glauben wollten, dass sie ermordet würden – obwohl sie es hätten wissen können. Sie haben sich gewehrt, das zu verstehen, wie einKranker in der Endphase, der anfängt, über die nächsten Ferien zu reden. Man müsste die Wahrheit wissen, aber man rezipiert sie nicht."

Am gestrigen Freitag erhielt der große Holocaust-Forscher den Sonderpreis des Bruno-Kreisky-Preises für sein publizistisches Gesamtwerk. Aus diesem Anlass hielt er eine Rede über seine historiografische Methode, die Shoah zu begreifen und zu erforschen.

In einem Gespräch zuvor stellte er private Zeugnisse wie die genannten Briefe in den Zusammenhang seiner Forschung. Bei seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im letzten Herbst hatte er sich auf sol-che subjektiven Quellen beschränkt, "weil ich zwar der Preisträger war, aber es um eine Welt geht, die ich bloß repräsentiere".

Sinn für Grautöne

Diesmal aber gehe es ihm um die Frage, was mit der Erinnerung geschieht, wenn einmal die Generation der Überlebenden – "zu der ich auch gehöre – als die jüngste Gruppe, die sich noch erinnern kann", nicht mehr da sein wird. "Selbstverständlich wird die (persönliche) Sensibilität dem Thema gegenüber verlorengehen. Aber die Erinnerung scheint dennoch nicht wegzugehen, sie bleibt bzw. wird immer wieder sehr real."

Als Beispiel nennt er Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, "der das Thema für viele in die Debatte und ins Gedächtnis bringt."

Friedländer wertet Littells Roman nicht. Er bleibt ruhig und abwägend auch bei den schwierigsten Themen, auch bei solchen, die Heftigkeit geradezu herausfordern und denen er einen großenTeil seines Berufsleben widmete.

1932 in Prag geboren, überlebte er die Vernichtung, weil seine Eltern ihn bei Priestern in Frankreich unterbrachten. Mit elf war er Vollwaise, als 16-Jähriger wanderte er nach Israel aus, studierte Recht, Wirtschaft und Politik in Tel Aviv und Paris.

In Genf begann eine akademische Laufbahn, die ihn wieder nach Tel Aviv führte und vor 20 Jahren nach Los Angeles. Sie gipfelte in seinem zweibändigen Opus magnum über die Verfolgung und Vernichtung der Juden, das gemeinsam mit Raul Hilbergs Arbeit zu den Standardwerken über den Holocaust zählt.

Im Unterschied zu Hilberg und anderen Historikern, die sich auf die Vernichtungsmaschinerie konzentrierten, arbeitete Friedländer mit Quellen von allen Seiten und integrierte dadurch auch eine rein jüdische Historiografie. Dass subjektive, "mythische" Erinnerungen einer rationalen Geschichtsschreibung schaden würden, hielten ihm Kollegen wie der Münchner Zeitgeschichtler Martin Broszat vor.

"Meine Antwort darauf ist: Und wenn man bei der Hitlerjugend war, dann war man nicht subjektiv?" Dass Broszat selbst – wovon er nie sprach und was sich erst nach seinem Tod herausstellte – Parteigenosse gewesen war, bringt Friedländer ohne Rechthaberei, fast mit leichtem Amusement zur Kenntnis.

Statt mit der Keule des absoluten Wissensanspruchs wie Daniel Goldhagen arbeitet Saul Friedländer mit einem Sinn für Grautöne – und für schwer Erklärbares. Zum Beispiel, wann und wo sich Hitler zum rabiaten Antisemiten wandelte. In Wien, sagt er, dürfte es kaum passiert sein, folgt man Brigitte Hamanns Buch; es waren wohl eher die Ereignisse der Münchner Räterepublik, die ihn als Dolchstoßlegende bis in die Vernichtungsaktionen begleiteten: "Jetzt muss der innere Feind vernichtet werden!"

Was hält Friedländer von einem Preis, der nach Kreisky benannt wurde? "Kreisky hatte seine sehr guten Seiten", sagt er, "er hat andererseits Israel viel zu scharf kritisiert. Aber wenn man so penibel auf jeden Schritt eines jeden gucken wurde ..." Dann dürfte man gar keinen Preis mehr annehmen? "Genau!" (Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.03.2008)

Saul Friedländers zweiteilige Studie ("Die Jahre der Verfolgung", "Die Jahre der Vernichtung") ist als Sonderband erscheinen: "Das Dritte Reich und die Juden", Beck, München 2007. Weitere Arbeiten von ihm gibt es als Taschenbücher in der Beck’schen Reihe.
  • "Man müsste die Wahrheit wissen", benennt Saul Friedländer Illusionen, "aber man rezipiert sie nicht."
    foto: cremer

    "Man müsste die Wahrheit wissen", benennt Saul Friedländer Illusionen, "aber man rezipiert sie nicht."

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