Flucht und Initiative

4. April 2008, 13:01
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Am Rande der gründerzeitlichen Rasterstadt, auf dem Dach eines ehemaligen Bürohauses, erhebt sich eine weit in den Raum ausgreifende Konstruktion in die Lüfte

Es handelt sich hier nicht um ein weiteres bizarres Privatpenthouse, autonom vom Rest der Stadt, sondern um öffentlichen Raum über der Dachtraufe: Architekturstudierende der Universität für angewandte Kunst planten für das Wiener Integrationshaus, dessen Bewohner als Asylwerber einen eingeschränkten Handlungsradius haben, eine Dachgarten-Terrassenlandschaft, die bei kulturellen Veranstaltungen auch öffentlich genützt wird. Noch heuer soll Baubeginn sein.

Die Renaissance der Stadt, also die gegenläufige Bewegung zur nach wie vor stärkeren Stadtflucht, ist mittlerweile schon einige Jahrzehnte alt. Sie führte dazu, dass innerstädtische, vor allem gründerzeitliche Wohnlagen für Besserverdienende wieder attraktiver wurden, obwohl zuvor eine Entleerung der Stadtzentren analog zu den US-amerikanischen Städten drohte. Zwar zieht der „Speckgürtel“ rund um Städte wie Wien nach wie vor mehr Bewohner an als die Kernstadt selbst. Aber die Gründerzeitviertel sind heute zumindest kein Symbol der Rückständigkeit mehr wie in den 1950er-Jahren, als man die Putzornamente der Zinshäuser abschlug, um sie „moderner“ zu machen. Parallel dazu verläuft die Entwicklung zur Wissensgesellschaft, für die etwa der Begriff der Creative Industries steht, von den Großstädten heiß begehrt und dementsprechend gefördert. Trotz digitaler Vernetzung zählt für diese Branche räumliche Nähe, enger Kontakt mit Auftraggebern, Kooperationspartnern und Konkurrenten. Da vorrangig in der dichten, gründerzeitlichen Großstadt jene Milieus existieren, aus denen sich die nötigen Kompetenzen und Ressourcen zusammensetzen lassen, handelt es sich hierbei um eine neue urbane Ökonomie, wie der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann schreibt.

Die gründerzeitliche Stadt hat eine Reihe von außergewöhnlichen Qualitäten: Sie ist eine Stadt der kurzen Wege, besitzt meist große Nutzungsvielfalt und steht für Urbanität. Demgegenüber existieren auch gravierende Nachteile, die am Beginn der Moderne zur strikten Ablehnung der Stadt des 19. Jahrhunderts führten: Die oft sehr schlechte Wohnqualität wurde durch Sanierung vielfach bereits massiv verbessert, auch wenn es nach wie vor 6 Prozent Substandardwohnungen in Wien gibt. Da der gründerzeitliche Wohnungsbestand etwa ein Drittel des gesamten ausmacht und Substandard zu einem großen Teil dort existiert, müssen aber noch immer ziemlich viele Gründerzeitwohnungen dieser Kategorie zugerechnet werden.

Die steinerne Stadt

Andere Nachteile konnten bisher kaum wettgemacht werden: Die Viertel sind extrem dicht bebaut, sodass viele Wohnungen schlecht belichtet sind. Es gibt viel zu wenig Grünräume und andere für Fußgänger attraktive Flächen, manche Viertel ersticken im motorisierten Verkehr. Und die Erdgeschoße, einst Orte zahlreicher Gasthäuser und Geschäfte, verkommen zusehends zu Garageneinfahrten und Lagern. Die Lösung ist nicht die „aufgelockerte Stadt“ der Moderne, schließlich bedeutet eine dichte Siedlungsform, wie sie die Gründerzeit bietet, größere Nachhaltigkeit. Wenn es allerdings so dicht wird, dass man die Stadt verlassen muss, um einmal durchatmen zu können, ist der Nachhaltigkeitsvorteil dahin. Eine aktuelle Ausstellung im Ragnarhof in Wien-Ottakring will zeigen, wie Architektur im gründerzeitlichen Kontext, ob nun Neubau oder Umbau, nicht nur herausragende Einzelwerke produziert, sondern dazu beitragen kann, die umliegenden Stadtviertel insgesamt aufzuwerten.

Gründe fürs Gehen und Bleiben

Nach 1945 richtete man sich nach dem Ziel der „aufgelockerten“ Stadt, also dem völligen Gegenteil zur Gründerzeit. Doch in den 1970er-Jahren, durchaus auch in Wien wie beispielsweise am Spittelberg von Bewohnerprotesten getrieben, wenn auch nicht so heftig wie anderswo, begann das Modell der „sanften Stadterneuerung“ zu wirken. Wichtig war nun auch die Qualitätsverbesserung im historischen Bestand – sicherlich begünstigt durch die Tatsache, dass Wien damals schrumpfte. Das ist heute nicht mehr der Fall, doch eine Aufwertung der dicht bebauten Kernstadt ist nach wie vor wichtiges Ziel. Trotz aller Vorteile bietet die Gründerzeit zu wenig für die Protagonisten der Stadtflucht, das sind zu einem guten Teil junge Besserverdienende mit kleinen Kindern: Während die Zahl der unter 30-Jährigen und vor allem der über 60-Jährigen in der Stadt weiter zunimmt, gehen die dazwischenliegenden Altersstufen massiv zurück. Für diese Gruppe sind die Mängel im öffentlichen Raum und im privaten Freiraum ein Hauptgrund fürs Weg_gehen: zu wenig Grünraum, zu wenig für Fußgänger attraktive Flächen, die gefahrlos benützt werden können, zu viel Verkehr. Natürlich bedeutet die Übersiedlung in den „Speckgürtel“ noch mehr Verkehr, aber nicht für dort, sondern für hier. Abhilfe schaffen können Projekte wie die Sargfabrik in Wien-Penzing, indem sie nutzbaren Freiraum, soziale und kulturelle Infrastruktur und Identifikationskerne anbieten. Doch derartige Projekte gibt es leider viel zu selten. Hinter der Ausstellung steht die Frage, warum dem so ist, warum es so wenige Bewohnerinitiativen gibt, die die Gestaltung ihrer Stadt selbst in die Hand nehmen – analog zu den aktuell boomenden Baugruppen in Deutschland.

Implantate in der Gründerzeit

Eine Antwort auf das Problem der zu dichten Hofbebauungen suchte beispielsweise ein Projekt des Bauträgers Heimbau in Rudolfsheim-Fünfhaus: Die Architekten Sigs trugen vom hohen Hoftrakt alles bis auf zwei Geschoße ab, um dann eine terrassierte Aufstockung zu errichten, die wesentlich weniger Raum einnahm als zuvor. Dadurch verbesserte sich die Belichtung im Umfeld, und es wurden neue Wohnungen mit brauchbaren Freiräumen geschaffen.

Etliche Wohnbauprojekte von Querkraft Architekten thematisieren genau deren Fehlen. In Wiener Gründerzeitvierteln besteht nicht nur ein eklatanter Mangel an Terrassen und Balkons, den man nur nach und nach beheben müsste, wie das etwa in Berlin durchaus üblich ist: Ganz im Gegenteil sind Balkons zur Straße hin in Wien dezidiert verboten. In einem Querkraft-Bau in der Wiener Leebgasse war die Antwort ein „begehbares Gesims“.

Eigeninitiative kennzeichnet ein Grünraumprojekt im Rupert-Mayer-Haus der Caritas in Ottakring. Ein Heimbewohner engagierte sich zusammen mit einem Sozialarbeiter für die Umwandlung der planierten Hoffläche in eine Grünoase für alle Mieter der Nachbarschaft.

Nicht die geringfügige Anpassung, sondern die völlige Umgestaltung der Gründerzeitstadt ist das Ziel der Wohnanlage von Architekt Rüdiger Lainer in Wien-Favoriten. Als Projekt des grünen Gemeinderats Christoph Chorherr und des damaligen Wohnbaustadtrats Werner Faymann wurde 2004 ein Terrassenhaus-Wettbewerb ausgeschrieben: Ein Modellprojekt sollte zeigen, dass auch in der Kernstadt Wohnungen mit Einfamilienhaus-Qualitäten möglich sind. Lainer gewann, der Neubau nimmt nun den alten Blockumriss in den unteren Geschoßen auf, um sich darüber völlig vom gründerzeitlichen Raster zu lösen und die Baukörper nach Sonneneinstrahlung und Sichtachsen zu organisieren.

Ein Schlüsselbegriff bei der Weiterentwicklung der Gründerzeitstadt scheint der Anreiz für Initiative zu sein: erstens der Anreiz für Bauträger, mit Projekten über die reine Renditeerwartung hinauszugehen, wofür intelligente Fördersysteme nötig sind. Hier gibt es durchaus gute Ansätze etwa bei der Wohnbauförderung, die weiterentwickelt werden müssten. Und zweitens der Anreiz für zukünftige Bewohner und Anrainer für Eigeninitiative, also dafür, selbst an der Veränderung der Stadt mitzuwirken. (Robert Temel, ALBUM/DER STANDARD, 29./30.03.2008)

Ausstellung "Reinsetzen. Bauliche Implantate in der Gründerzeit (Gründerzeithäuser, Baulücken, Architektur)", veranstaltet von Gebietsbetreuung Stadterneuerung 16 und Magistratsabteilung 19, bis 7. April 2008 im Ragnarhof, Wien 16, Grundsteingasse 12. Montag bis Freitag 16 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr.
  • Dachgarten mit Terrasse, interkulturellem Nutzgarten und Kinderspielbereich für das Integrationshaus, entworfen im Rahmen des Festivals New Crowned Hope.
    rendering: gregor holzinger/die angewandte

    Dachgarten mit Terrasse, interkulturellem Nutzgarten und Kinderspielbereich für das Integrationshaus, entworfen im Rahmen des Festivals New Crowned Hope.

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