Der Osten - im Herzen Wiens

1. April 2008, 16:22
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Matthias Angerer, Gründer des Wiener Ost Klubs, Brennpunkt der Wiener Balkan- und Osteuropa-Szene, im Gespräch

Matthias Angerer gründete 2005 den Wiener Ost Klub. Ein Brennpunkt der Wiener Balkan- und Osteuropa-Szene. Ein Gespräch mit Andreas Felber.

Wie sieht die Bilanz nach zweieinhalb Jahren aus? Was hat der Ost Klub bewegt?

Matthias Angerer: Finanziell ist es sich oft nur haarscharf ausgegangen, auch weil der Ost Klub bis heute keinerlei Subvention bekommt. Erfreulicherweise kam immer dann, wenn ich dachte, es geht nicht mehr weiter, ein Wochenende mit gut besuchten Konzerten. Die meisten Bands waren anfangs völlig unbekannt. Die Gypsy-Band "Kal" spielt in Belgrad vor tausenden Leuten, im Ost Klub waren beim ersten Mal 30 Zuhörer da, beim zweiten Mal 130. Mittlerweile sind wir rappelvoll. Und erfreulicherweise ist es ein bunt gemischtes Publikum, was Nationalitäten und Alter betrifft. Ende Februar, zum ersten "Ost Festival" in der Ottakringer Brauerei, sind 2500 Leute gekommen!

Welche Rolle spielt der Ost Klub in der erfreulich vitalen Wiener Balkan-Szene?

Angerer: Das klingt vielleicht anmaßend, aber ich denke, schon eine auslösende. Dass Musik aus dem Osten - abseits von Shantel - Klub-tauglich und für ein breiteres österreichisches Publikum zugänglich ist, das gab es meines Wissens vorher nicht. Mittlerweile sind wir europaweit bekannt und einige der im Ost Klub entstandenen Bands sind international unterwegs. "[Dunkelbunt]" ist kaum mehr in Wien anzutreffen. Und "!Deladap" spielen heuer in Südkorea und Vietnam. Gerade die Japaner fahren sehr auf Gypsy-Musik ab.

Im Zug der Balkan-Welle werden auch Klischees transportiert. Die Roma erscheinen als singende, fröhliche Menschen, es geht um romantisierende Bilder des Ursprünglichen, Authentischen.

Angerer: Ich habe Roma-Siedlungen in Bulgarien und Belgrad gesehen, das ist dort tatsächlich unendlich trostlos. Als denkender Mensch, glaube ich, weiß man, dass die meisten Roma einen harten Überlebenskampf führen und nach wie vor Diskriminierung erfahren. Andrerseits: Wir programmieren ja nicht die 500. Emir-Kusturica-Band. Bei einem Rambo Amadeus, dem "jugoslawischen Frank Zappa" - er spielt am 27./28. März im Planet Music bzw. im Ost Klub - ist kein einziger Ton folkloristisch. Wir hatten kürzlich "Kultur Shock" zu Gast, eine New Yorker Formation, die Balkan-Punk spielt: Die kann man sicher nicht als Folklore-Band bezeichnen. Aber natürlich betrifft der Boom mehr die ethnische Schiene: Wir haben auch Erfahrungen mit bulgarischen und rumänischen Heavy-Metal-Bands. Das sind zwar gute Musiker, aber nichts, womit man österreichische Fans begeistern kann. Metal-Bands gibt es schon genügend in den USA - und die klingen auch "authentischer". (Andreas Felber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2008)

Ost Klub
Schwarzenbergplatz 10, 1040 Wien
01) 505 62 28
www.ost-klub.at
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
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