Land(s) of the Free

2. April 2008, 15:44
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Nada Prlja präsentiert "Advanced Science of Morphology", ein Verwandlungsspiel mit Flaggen der Länder Ex-Jugoslawiens

"Unsere Künstlerin hat die EU-Flaggen im Zentrum Londons niedergerissen", reagierten mazedonische Journalisten 2006 mit stolzgeschwellter Brust auf den temporären künstlerischen Eingriff Nada Prljas in der britischen Hauptstadt. Nun gibt es zwar einige Lesarten von Prljas "Advanced Science of Morphology", diese, nationalistisch gefärbte, Interpretation gehört nicht dazu. Neben dem zentralen Marble Arch, ein dem Konstantinsbogen nachempfundener Triumphbogen, durch den nur die Königsfamilie und die ranghöchsten Garden reiten dürfen, hatte Prlja statt der die EU-Mitgliedsstaaten repräsentierenden Flaggen (damals 26) gänzlich neue Hybridflaggen aufgehängt. Dazu hat sie die Nationalflaggen jener Länder, die einst Jugoslawien bildeten, so "gemorpht" und überlagert, dass ihre Eigenständigkeit mehr und mehr verwischt wird, die Flaggen sich als ikonenhafter Ausdruck nationaler Identität also geradezu ad absurdum führen: In Kroatiens Rot-Weiß-Blau geht plötzlich strahlend die Sonne Mazedoniens auf, langsam durchkreuzt von weißen Sternchen Bosnien-Herzegowinas neben slowenischen Gipfeln in das Blau-Weiß-Rot von Serbien und Montenegro ...

Eine finale hybride Flagge als Bild kollektiver Identität wird es nie geben, betont Prlja, die 1971 in Sarajewo geboren wurde, also noch mit der Idee "Jugoslawien" aufwuchs. Zunächst hatte sie die Arbeit tatsächlich als Kreis konzipiert, aber stets neu hinzukommende Nationalflaggen (heute existieren Serbien und Montenegro als eigenständige Staaten) verhinderten das. "Diese Unmöglichkeit eines Endes in der Formgebung ist ein anschauliches Bild für die Realität am Balkan."

Prlja, die seit 1999 in London lebt, betrachtet die Richtung Europa und EU gerichteten Bestrebungen der Länder des ehemaligen Jugoslawiens kritisch, hinterfragt Konsumverhalten und Nationalismen, die in popkulturellen Phänomenen wie dem Turbo-Folk durchaus verkitscht Ausdruck finden. Wie sollen die zersplitterten und nun nach nationaler Autonomie und kultureller Abgrenzung strebenden Teile einer gescheiterten Einheit in der Einheit einer Europäischen Gemeinschaft aufgehen, könnte die Fragestellung lauten. Und: Ist Einheit überhaupt ein taugliches Model?

Prljas Zitieren des ehemaligen Jugoslawiens und einer Zeit, in der Ähnlichkeiten mehr wogen als Unterschiede, löste unterschiedliche Reaktionen aus. Sie rangierten von Tränen der Nostalgie bis zum Bedürfnis, sie für diese Provokation niederzuschlagen, berichtet Prlja. "In der Region des ehemaligen Jugoslawiens werde ich für meine Gegenreaktion auf das blinden Bemühen dieser im Übergang befindlichen Länder um Akzeptanz in Nato oder EU kritisiert." Auf dieses Den-Mund-verbieten-wollen hat Prlja wieder mit einer künstlerischen Arbeit reagiert: "Do Not See. Do Not Talk". ",Do Not See' bezieht sich auf mein Verhältnis zu den Ländern Ex-Jugoslawiens, die mich bitten, nichts zu sehen, also nicht nachzudenken über die Situation, daher sind meine Augen mit der mazedonischen Flagge verdeckt. In ,Do Not Talk' verschließt die britische Flagge meinen Mund, also den Ort, an dem die Nachricht gestoppt wird, bevor sie die Öffentlichkeit erreicht."

Zu den Arbeiten Prljas, die man lieber nicht sehen will, kann man gerne das an Hans Christian Andersen angelehnte "The Little Match Seller - Happy New Europe" zählen: Die ausgebrannten Zündhölzer auf den mit Kunstschnee bedeckten Treppen stammen aus Schachteln mit goldenen EU-Sternchen darauf. Und drinnen, weggesperrt und unzugänglich, steht hinter der Fensterscheibe verlockend ein hell leuchtender Weihnachtsbaum. Für Wien, wo "Advanced Science of Morphology" im Rahmen der Veranstaltungen zu "Balkan Express" im öffentlichen Raum (siehe Programm Seite 2) zu sehen sein wird, wünscht sich Prlja, dass ihre Arbeit nicht nur als Dekoration wahrgenommen wird. "Ich sehe sie als gleichberechtigte Referenten der Konferenz, so wie jeden anderen teilnehmenden Redner." Je mehr Arbeiten man sieht, umso ausführlicher wird das Statement. "West" (2007) etwa: Mit einem Wischen über das Auge ist er verschwunden, der Osten. Nicht nur, dass Nada Prlja in der Videoarbeit den östlichen Teil der Welt symbolisch auslöscht, mit dem Abwischen der Buchstaben ist auch die Dominanz des Westens besiegelt. Das Kräftespiel zwischen den vor allem wirtschaftlich ungleichen Partnern hat Prlja auch 2007 thematisiert. In "Give to Take" wird die Künstlerin zur Maklerin, die Immobilien aus Südosteuropa an Westeuropa verkauft - allerdings ohne Provision zu kassieren. Rein theoretisch kann das den Markt gefährlich destabilisieren. Die Art, in der Prlja sowohl dem Westen als auch dem Balkan den Spiegel vorhält, ist schonungslos ehrlich, und sie transportiert die Möglichkeit zur Veränderung. Und dabei wird Nada Prlja der Bedeutung ihres Vornamens gerecht: Er bedeutet Hoffnung. (Anne Katrin Feßler,DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2008)

  • Südosteuropa auf dem Weg in die EU: Nationen zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, symbolisiert in sich transformierenden Flaggen
    foto: nada prlja

    Südosteuropa auf dem Weg in die EU: Nationen zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, symbolisiert in sich transformierenden Flaggen

  • Flaggenkreislauf ohne Ende: Die Transformation thematisiert Ähnlichkeiten und Abgrenzungen jener Staaten, die einst Jugoslawien bildeten

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