Die Herrlichkeit des Nichts

2. April 2008, 17:00
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An die 15 Millionen Touristen besuchen jährlich Thailand, Tendenz steigend. Wer Ruhe sucht, findet davon reichlich auf der Insel Ko Jam

Aaah! Ja, das ist gut. Mhm. Ooh! Guter Gott, lass es niemals enden! Autsch! Uh! Aaah! So ging das eine gute Stunde lang. Eine Thai-Frau bearbeitete mich mit ihren muskulösen kleinen Fingern, bohrte dorthin, drückte hier, zog das, watschte dies. Zuerst den linken Fuß, das Bein hinauf, dann das Gleiche rechts. Dann beide Beine, die Hände und Arme, den Rücken und den Nacken. Schließlich knetete sie noch den Kopf und verscheuchte am Ende, von zischelnden Lauten begleitet, die unter meiner Hirnrinde eingenisteten Dämonen. Das war erlösender als manch kleiner Tod. Ein Jungbrunnen - und dabei vollkommen unerotisch.

Es war die erste Thai-Massage meines Lebens, und ohne vorher zu wissen, was genau mich erwarten würde, schien diese alte Dame mit den Zahnlücken und den krummen Armen, mit denen sie die profanen Verspannungen aus meinem bleichen Bürokörper drücken sollte, für ein Debüt gerade recht.

Die Ganzkörperbehandlung fand am Strand von Ko Jam statt, wahlweise auch Ko Pu genannt oder, wie vor Ort, Koh Jum geschrieben. Ob es in Thailand, das jährlich an die 15 Millionen Touristen empfängt, noch so etwa wie "Geheimtipps" gibt, muss bezweifelt werden. Möglicherweise verwirren aber diese drei verschiedenen Bezeichnungen für ein und dieselbe Insel den gemeinen Touristen - und er zieht weiter.

Nach Ko Lanta zum Beispiel. So heißt die nächstgrößere, populärere Insel. Ko Jam liegt auf halbem Weg von Krabi, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz an der Andaman-Küste, nach Ko Lanta. Seine Besonderheit: nichts. Nichts, im Sinne von null Action. Wer keine fremd veranstaltete Ablenkung sucht, ist hier am Ziel. "Busy doing nothing", wie die Beach Boys das auf den Punkt brachten. Nicht einmal surfen ginge hier! Auf kilometerlangem weißen Strand, "bevölkert" von zirka einem Menschlein alle fünfzig Meter, hat man hier im Februar, also mitten in der Hauptreisezeit, seine heilige Ruhe.

Die Provinz Krabi gilt als die schönste Thailands. Hier befindet sich auch die Insel Ko Phi Phi, die aufgrund des Films "The Beach" mit Leonardo DiCaprio seit einigen Jahren überlaufen wird. Ko Jam, dieser Rohdiamant einer Insel, schlummert davon unbeeindruckt und scheu in unmittelbarer Nachbarschaft. Dennoch war es nicht gerade eine Liebe auf den ersten Blick. Aufgrund selbst auferlegter Faulheit - wir sind hier im Uuurlaub, Baby! - landeten wir mit einem zu späten Flieger aus Bangkok in Krabi, wo wir die reguläre Fähre nach Ko Lanta, von der Reisende, die Ko Jam besuchen wollen, draußen auf dem Meer mit Langbooten abgeholt werden, prompt verpassten. Pech, aber egal. Reisen ist in Thailand nämlich babyleicht. Überall "wird man gekümmert". Nach zwanzig Minuten im Taxi wurden wir einem Mann mit Boot übergeben, der uns nach Ko Jam übersetzte.

Doch der Erstkontakt mit thailändischem Meer entsprach so gar nicht den anvisierten Postkartenfantasien. Ko Jam von Norden her anzutuckern, bedeutet braungrünes Wasser und grünes Zeugs, das statt Stränden wild ins Meer wuchert. Und der Landungsort erinnert ein wenig an eine französische Strafkolonie des 19. Jahrhunderts. "Papillon" mit Steve McQueen, so in der Art. Also: Krise! Oh, mein Gott! Wir haben es geschafft, auf der einzigen thailändischen Insel zu landen, die schiach ist. Das passiert auch nur uns! Darum war wir die einzigen Touristen weit und breit! Verdammter "Lonely Planet", denen schreib ich was!

Doch die Krise ward bald beigelegt. Durchquert man nämlich dieses eine von drei Inselörtchen und fährt Richtung Südwestküste, wird man nach zehn Minuten auf einem kriminellen Mopedtaxi mit leger befestigtem Beiwagen mit Postkartenkitsch im Cinemascope-Format bedient: Aaaah! Braver "Lonely Planet". Dort spannt sich nämlich das ersehnte Weiß des Strandes die ganze Küste entlang, unterbrochen von wenigen Stellen Fels und begleitet von einer einstelligen Anzahl an Resorts, die hier locker verteilt angelegt sind. Wobei Resorts keine Animationsstraflager mit Dauerprogramm bedeuten, sondern kleine Ansammlungen von Bungalows, die all den bescheidenen Komfort bieten, den man braucht.

Aufgrund sich dennoch aufbäumender Reste eines westlichen Es-muss-etwas-noch-besseres-geben-Gefühls wurden wir Ko Jam aber bereits am nächsten Tag untreu und erklommen, draußen am Wasser, die Fähre, um dem Ruf Ko Lantas zu folgen, das eine knappe Stunde weiter südöstlich liegt. Sagen wir so: Immerhin haben wir dort einen Elefanten gesehen, der sich mit großen, braunen Kugeln auf der Küstenstraße angekündigt hat. Der Rest der Insel: ein Resort neben dem anderen, Bars, "No Woman No Cry"-Musik, Hot-Dog-Stände, Pizzerien, alle hundert Meter ein Motorradverleih. Willkommen im Curry-Lignano. Derartig radikalgeheilt kehrten wir am nächsten Tag reumütig "heim" nach Ko Jam, wo uns der Fährmann mit einem freundlichen Lächeln empfing, in dem wir ein "Wir haben es euch ja gesagt" abzulesen vermeinten. Hier, an der einsamen Andaman-Küste, die der Tsunami vor drei Jahren verwüstet hatte - stellenweise sind Spuren davon noch sichtbar -, wo der Tourismus also so sanft ist, dass man sich sogar über den Gruß eines Strandpassanten freut, haben wir einige der beschaulichsten Tage verbracht, die man sich selbst einrichten kann.

Wer "Aufregung" braucht, kann sich zum Schnorcheln schippern lassen - sehr zu empfehlen! -, im Anschluss geht es auf die "unbewohnte Insel" Bambou Island. Blöd nur, dass dieses Eiland auch von "Einsamkeit" suchenden Touristen aus Ko Phi Phi angefahren wird, was die "unbewohnte Insel" ärger bevölkert als Ko Jam. Man merkt schon. Man muss dort gar nicht weg. Nur hin. Das mit der Massage wurde übrigens zur Gewohnheit: Uh! Ah! Mhm! Ja, da ist es gut. Lieber Buddha, lass es niemals enden! (Karl Fluch/DER STANDARD/Rondo/27.3.2008)

Anreise: z. B. mit Austrian Airlines direkt von Wien nach Bangkok oder in die nicht so charmante Touristenhochburg Phuket, weiter mit einem Inlandsflug (Air Asia) oder dem Bus zur Fähre nach Krabi, von dort nach Ko Jam.

Unterkunft: An der Südwestküste von Ko Jam sind fünf Resorts angelegt, allesamt innerhalb von 15-20 Minuten zu Fuß zu erreichen und anzuschauen. Der Gang am Strand entlang lohnt sich also.
Detaillierte Infos dazu unter: kohjumonline.com

Ausflugstipps: Alle Resorts an der Südküste, am Andaman Beach von Ko Jam, bieten Tagesausflüge zu unbewohnten, unter Naturschutz stehenden Inseln an. Etwa nach Bambou Island. Fahrtdauer mit dem Langboot etwa 50 Minuten, Preis lächerlich. Vor Bambou Island gibt es reichlich Korallenriffs zum Schnorcheln.
  • Des einen Fad, des anderen Super! Die Insel Ko Jam bietet keine Action, dafür Ruhe und Ausblicke wie diesen.
    foto: kohjumonline.com

    Des einen Fad, des anderen Super! Die Insel Ko Jam bietet keine Action, dafür Ruhe und Ausblicke wie diesen.

  • Des einen Fad, des anderen Super! Die Insel Ko Jam bietet keine Action, dafür Ruhe und Ausblicke wie diesen.
    grafik: der standard

    Des einen Fad, des anderen Super! Die Insel Ko Jam bietet keine Action, dafür Ruhe und Ausblicke wie diesen.

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